Gedichte im Islam
Wien

von Abdülhak Hamid Tarhan, übersetzt von Prof. Annemarie Schimmel

Schauplatz ist Wien -
Ein böser Schicksalsschlag warf ihn dorthin.
Die Sachen, die er trägt, sind schon gewendet,
Und wie oft schon!
Er selbst sagt, dass er darin schläft und aufsteht,
Und sind sie einst in London auch geschneidert -
Ach, alle sind verschossen.
Ein einstmals schwarzer, aber jetzt grasgrüner
Mantel ist sein.
Er trägt ein Monokel, und nachts ist er blau.
Gott, was für ein Leben!
Die Taschen ziemlich durchlöchert
Was macht‘s - es kann ja nichts mehr draus fallen -
Er fürchtet nur eins:
Sehr zeitig schließen die Weinstuben hier.
Mit einem schmutzigen Lappen läuft er herum,
Sein Taschentuch das!
Gummischuhe gehören nicht ihm, und beim Laufen
Halten sie nicht und rutschen meistens vom Fuß.
Auf dem Kopf hat er nicht Fez oder Mütze, nicht Turban,
Auch ein Kalpak ist‘s nicht.
Ein Hut? Gott bewahr! Eine ihm allein eigne,
Andere Form,
Ein Ding wie'ne Schüssel
Keiner weiß, welchen Stammes er ist, und sie fragen:
Wer ist die Figur da dies Unglücksgebilde?
Still, wir wollen ihn nicht erschrecken!
Dann hebt ein Gelächter an, ein Gegröl:
“Zuschlag für den Armen!“
Ein einziger nennt ihn “Grösster der Dichter!“

 

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