Gedichte im Islam
Aus dem Mevlud

von Süleyman Tschelebi (Çelebi)  übersetzt von Prof. Annemarie Schimmel

Eingangsgebet

Allahs Namen woll'n wir nennen allererst,
Das ist Pflicht für jeden Menschen allererst.
Wer des Namen Allahs zu Beginn gedenkt,
Allah in jeder Arbeit ihm Erleicht'rung schenkt.
Ist der Name Allahs jeder Tat Beginn,
Niemals geht ihr Ende dann zum Schlechten hin.
Allahs Name sei genannt in jedem Hauch!
Dann vollendet sich in Ihm die Arbeit auch.
Spricht die Zunge einmal ,,Allah" voll Liebe hier,
Fall'n wie Herbstlaub alle Sünden ab von dir.
Wer den reinen Namen nennt, wird selber rein.
Wer sagt ,,Allah", gelangt zu jedem Ziele sein.
Komm, voll Liebe lass ,,Allah" uns sagen jetzt
Und mit Seufzern und mit Tränen klagen jetzt:
Möge jener König unser gnädig sein,
Der Erbarmer, Gnadenvolle, Allah allein!
Einer ist Er, seine Einheit zweifellos,
Ist die Zahl der Falsches Sagenden auch groß.
Als die Welten noch nicht waren, war doch Er,
Unbedürftig aller Schöpfung, hoch und hehr.
Als schon Er war, war noch Mensch und Engel nicht,
Thron und Himmel, Sonne, Mond, neun Sphären nicht.
Voller Kunst bracht Er sie all ins Sein,
Heiß bekennen alle, dass Er Eins ist, Ein.
Braucht' der Mächt'ge Seine Kraft so zum Erweis,
Wurden sie für Seine Einheit zum Beweis.
"Sei!" sprach Er einmal, da wurde diese Welt.
Spricht Er "Sei nicht!" - wie im Nu sie gleich zerschellt!
Aber braucht es hier denn vieler Worte noch?
Allah ist Einer, neben ihm kein andrer noch!

Die Geburt des Propheten Muhammad

Amina Hatun, Muhammads Mutter rein -
Diese Muschel, sie gebar die Perle fein.
Als von Abdullah sie da ein Kind empfing,
Kam die Zeit herbei, und Tag und Stunde ging;
Als das Kommen Muhammads nun nahe war,
Zeigten sich zuvor gar viele Zeichen klar.
Jene Nacht des Monats Rabi'ul-Awwal,
Jene zwölfte Nacht, die zwölfte Nacht so hell -
Da der Menschen Bester ward geborn allhie`:
Was sah seine Mutter alles, was sah sie!

Sagte sie: Ich sah (so sprach die Mutter rein)
Solch ein Licht - die Sonn' vor ihm ein Mückelein!
Plötzlich leuchtend es aus meinem Hause quoll,
Bis zum Himmel war die Welt von Licht ganz voll.
Auf tat sich der Himmel, Finsternis entschwand,
Sah drei Engel ich, drei Banner in der Hand.
Der im Osten, der im Westen stand der Welt,
Einer hat sich auf der Kaaba Dach gestellt.
Stiegen dann vom Himmel Engel Reih um Reih,
Kreisten um mein Haus, als ob's die Kaaba sei.
Legten sie dann in die Luft ein Lager fein
Aus Brokat - es breitete ein Engel rein,
Als ich all die Dinge deutlich vor mir sah,
Ganz voll Staunen und Verwirrung blieb ich da.
Plötzlich spaltete die Wand sich, und sofort
Wurden sichtbar auch drei Huris mir alldort.
Mancher sagt, dass eine dieser holden Drei
Asiya, ganz wunderschön, gewesen sei.
Eine war Maria, das war deutlich klar.
Und die dritte eine zarte Huri war.
Kamen die drei Mondgesichtgen liebreich an,
Boten ohne Zögern mir den Gruß sodann.
Kamen die drei, setzten sich im Kreis um mich,
Fröhlich Muhammads Geburt verkündend sich.
Sagten sie: Ein Sohn wie deiner, solcher Art
Kam zur Welt nicht, seit die Welt erschaffen ward.
Einen Sohn wie deinen, herrlich - so wie ihn
Hat der Mächt'ge keiner Mutter noch verliehn.
Höchstes Glück ward dir, o Liebliche, erkorn,
Dass von dir der Schöngeschaffne wird gebor'n.
Der da kommt, wird Fürst des Gotteswissens sein,
Der da kommt, wird Einheits-, Kenntnisquelle sein.
Seinetwillen drehet sich der Sphären Kreis,
Sein Gesicht ersehnen Mensch und Engel heiß!
Heute ist's, da dieser Edle in der Nacht
Alle Welt mit hellem Lichte lieblich macht.
Diese Nacht macht er zum Paradies die Welt,
Diese Nacht erbarmt der Herr sich Seiner Welt.
Ist Erbarmung für die Welten Mustafa!
Ist der Fürsprech für die Sünder Mustafa!
So beschrieben sie sein holdes Wesen ganz,
So erweckten Sehnsucht sie nach jenem Glanz.

Amina sprach: Als die Zeit vollendet ward,
Dass zur Welt kam dieser Menschen Bester zart,
Dürstete von starker Hitze ich so sehr -
Reichten sie ein Glas gefüllt mit Scherbet her.
Da ich trank, verging mein Körper ganz in Licht,
Konnt mich selbst vom Lichte unterscheiden nicht.
Kam ein weißer Schwan geflogen schwingenweich,
Meinen Rücken streichelt' er ganz stark sogleich,
Ward der Glaubensfürst geborn zu jener Stund -
Ganz in Licht versanken Erd' und Himmelsrund.
Was geschaffen, wurde alles Freuden reich.
Gram verging, die Welt fand neues Leben gleich.
Alle Stäubchen in der Welt - mit Freudenschrei
Riefen sie zusammen all: Willkommen sei!

Sei willkommen, hoher Fürst, sei uns gegrüßt!
Sei willkommen, Weisheitsbergschacht, sei gegrüßt!
Sei willkommen, Buchs Geheimnis, sei gegrüßt!
Sei willkommen, Schmerzensheilung, sei gegrüßt!
Sei willkommen, Allahs Mond- und Sonnenlicht!
Sei willkommen, der von Allah getrennt du nicht!
Sei willkommen, Schönheitsgartens Nachtigall!
Sei willkommen, Freund des Herrn der Mächte all!
Sei willkommen, Zufluchtsort des Volkes dein!
Sei willkommen, der du heilst der Armen Pein!
Sei willkommen, ew'ge Seele, sei gegrüßt!
Sei willkommen, Schenk der Liebenden, gegrüßt!
Sei willkommen, du des Freundes Augenstern!
Sei willkommen, sehr Geliebter du des Herrn!
Sei willkommen, du Erbarmung für die Welt!
Sei willkommen, du der Sünder Fürsprachheld!
Sei willkommen, Fürst der Welten hier und dort!
Nur um dich ward ja geschaffen Sein und Ort.
Sonnenschöner, leuchtend helles Mondgesicht:
Wieviel Tiefgestürzten bist du Stütze nicht!
Bist die Stütze ach wie vieler, die da fallen,
Zufluchtsort von Sklaven und von Freien allen.
O du Heilung für der Herzen bittren Schmerz,
O du König des Geschaffnen allerwärts!
Du bist jener Fürst der sämtlichen Propheten,
Augenlicht der Heilgen, aller die da beten -
O du Siegel auf der Gottessendung Thron!
O du Siegel vom Prophetenpetschaft schon!
Denn dein Licht macht diese Welt zum hellen Tag,
Deine Schönheit macht die Welt zum Rosenhag.
O Freund Allahs, lass uns Hilfe angedeih'n,
Deine Huld erquick mein letztes Stündelein!

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