Gedichte im Islam

Abends

von Muhammad Schams ad-Din (Hafiz) aus seinen Ghaselen, übersetzt von Friedrich von Bodenstedt 1877

Abends, wenn die Fremden beten,
wein' ich, meiner Heimat fern;
Murm'le wunderliche Dinge,
klage meine Leiden gern.

Die Erinn'rung meiner Liebe
weckt mir solchen Tränenstrom:
Alles möcht' ich überschwemmen
unter'm weiten Himmelsdom!

Da ich doch des Freudeslandes,
nicht der Fremde Sprössling bin:
Führe bald, Allmächt'ger, wieder
mich zu meinen Freunden hin!

Beim alleinigen Gott beschwör' ich,
Führer meiner Reise, Dich:
Führe bald zu meines Winzers
grünem Freudenbanner mich!

Kann ich klugen Leuten gelten
als ein hochbetagter Greis,
Da ich noch mit junger Liebe
spiele um der Jugend Preis?

Hier kennt mich nur Ost- und Nordwind,
sonst bin ich ganz unbekannt;
Keinen andern Freund hier hab' ich
als den Buhlen "Wind" genannt.

Aus der Liebe Wohnung weht mir
Luft, die Lebenswasser bringt:
Schaff' mir, Ostwind, einen Hauch nur,
der sich Schiras' Flur entschwingt!

Wisse, dass einst eine Träne
Aug' in Auge mich verriet,
Mir zur Schmach; - wem soll ich zürnen,
da der Herzverräter schied?

Eines Morgens kam von Sohra
mir dies Wort mit Harfenklang:
"Aus Hafisens Munde lernt' ich
Holde Rede und Gesang,"

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