Gedichte im Islam

Mesnewi

von Muhammad Schams ad-Din (Hafiz) aus seinen Ghaselen, übersetzt von Friedrich von Bodenstedt 1877

Mughanninâme
(Buch des Sängers.)

Mich verwirren will das Irren,
Doch Du weißt mich zu entwirren.

Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gieb Du meinem Weg die Richte.

Goethe.

-- . --

Wo weilst Du, Sänger? In Erinn'rung wieder
Zum Saitenspiel ruf' königliche Lieder,

Beim Wein den Geist auf Höheres hinzulenken
Und heimgegangener Freunde zu gedenken.

Weck' durch Gesang die Luft in unserm Kreise,
Ghasel und Kul eröffne Deine Weise.

Des Grames Last zieht mich zur Scholle nieder,
Heb' mich empor im Aufschwung Deiner Lieder!

Zeig' nun, was Du vermagst mit Deinen Tönen,
Den Vorhang lüfte, zeig' das Bild der Schönen!

So hoch erhebe Deines Wohllauts Schwinge,
Dass sie selbst Anahid zum Tanze zwinge,

Die Harfnerin, und zu dem Klang der Saiten
Lass sangesfrohe Freude Dich begleiten.

Spiel' Weisen, die den Sufi in Extase
Zu Gott erheben wie den Mund zu Glase.

Gib Orgelklänge, die uns aus den Schranken
Befrei'n der niedern, staubigen Weltgedanken.

Erlösung bring' vom Sorgenschmuck der Erde,
Dass wieder Ruh' in meine Herzen werde.

Komm, Sänger, lass uns gute Freunde sein,
Fehlt Dir die Harfe, schlag' die Pauke d'rein!

Man sagt: beginnt der Wein das Blut zu härmen,
Soll man den Harm durch Pauken überlärmen.

Wo weilst Du, Sänger? Jetzt, zu Zeit der Rosen,
Wo wirbelnd alle Nachtigallen kosen.

Im frischen Grün – soll bei der Harfe Klingen
Mein Blut auch munt'rer durch die Adern dringen.

Komm', Sänger, lass durch's Ohr in's Herz mir zieh'n
Zu neuen Liedern neue Melodien.

Zerreiß' mit einem Lied mein Herz wie 'n Kleid
In hundert Stücke – lindert's nur mein Leid!

Was wär's, wenn Du Dich freundlich mir erwiesest
Und durch die Flöte Glut in's Herz mir bliesest,

Die Sorgen auszubrennen, die mich kümmern,
Des Grames ganzen Hausrat zu zertrümmern?

Wo weilst Du, Sänger? lass die Saiten klingen
Und uns mit einem Lied zum Herzen dringen!

Glaub', dass ich lieber arm von hinnen scheide,
Wenn mich der Tod ruft, als im Purpurkleide.

Sing', Sänger, und lass Deinen Ton sich heben,
Nur Du kannst Hilfsbedürftigen Hilfe geben.

Willst Du ein Lied in Irák's2 Ton beginnen,
Wird mir ein Tränenstrom vom Auge rinnen.

Komm', Sänger, höre, was ich Dir vertraue,
Und auf mein Wort als guten Ratschlag baue.

Nimmt Dich des Grames feindlich Heer zum Ziel,
Bekämpf' mit Pauken ihn und Saitenspiel. -

Da ich mein Herz nu so in Deines tauche,
Beleb' die Flöte mit der Freundschaft Hauche;

Ertränk' Dein Weh in Wein – will sich's nicht geben,
Hauch' in die Flöte, Hauch ist alles Leben.

Wo weilst Du, Sänger? Hauche neue Lieder,
Doch Dein Pokal glücklich, frei von allen Sorgen.

Sing' mir ein Lied von meinen eig'nen vor,
Beim Klang der Harfe tritt es neu mein Ohr,

Begeisternd soll es mein Gemüt ergreifen,
Im Tanz will ich die Kutte von mir streifen.

In der Begeist'rung immer auf dem Sprunge
Steht das Geheimste, löst der Wein die Zunge.

In mir nagt Gram; schlag' die zweisaitige Leyer,
Nein, die dreisaitige, zu des Einigen Feier!

Komm, Sänger, lass dies neue Lied erklingen,
Es mahnend auch den Freunden vorzusingen.

Zur Luft der Seligen selbst im Paradies
Erzähl' uns von Barbúd und von Perwís!3

Das Schicksal spielt uns wieder Schelmentücke,
Mir frommt nur Liebesschelmerei zum Glücke.

Auf dieser blutigen Auferstehungsflur
Vergieß' ich gern das Blut von Reben nur.

Erstaunt seh' ich den Himmel kreisen rastlos:
Wen löst er heut von dieses Lebens Last los?

Man weiß, nur Täuschung kann die Welt gewähren;
Die Nacht geht schwanger: was wird sie gebären?

Entsag' der Weltgenussgedanken Glücke,
Niemand steht fest auf einer schwangen Brücke.

Der wüste Staub hat stets den gierigen Drang,
Der einst die Heere Selm's und Tur's4 verschlang.

Dies Trümmerfeld deckt noch derselbe Sand,
D'rauf einst Efrasiab's5 Prunkpalast erstand.

Doch wo ist nun sein Feldhauptmann Pirán?
Wo Schideh mit dem Dolch aus Turkestan?

Nicht ihre Burgen nur sah man zerstieben,
Man weiß selbst nicht, wo ihre Leichen blieben.

Zum Kampf gerüstet ward von Schicksal Jeder:
Das Schwer schwingt Dieser, Jener schwingt die Feder.

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Sakínâme.
(Buch des Schenken.)

Trunken müssen wir Alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;

Trinkt sich das Alter wieder zur Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.

Für Sorgend sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.

Goethe.

Bring' mir den Wein der mich begeisternd labt,
Mit Großmut und Vollkommenheit begabt,

Zwei Tugenden, die einst mein Herz geschmückt,
Bis Liebe ganz das arme Herz berückt.

Reich' mir das flüssige Gold, das Noah's Leben
Und Karun's Reichtum uns vermag zu geben.

Wenn Deine Wünsche auf solch Hoffen gehn,
Gleich wird der Wünsche Tor Dir offen stehn.

Reich' mir das Feuer, das im Schoß der Erde
Einst Zoroaster suchte mit Beschwerde;

Denn gleich gilt unsern weinberauschten Räten
Ob wir zur erde, ob zum Feuer beten.

Bring' mir den Wein, bei dessen Glanz des Lichts
Sich Dschem's Pokal erschloss das Land des Nichts,

Dass ich, wie Dschem, von seinem Glanz erhellt,
Erforsche das Geheimnis dieser Welt.

Mach' hurtig, Knabe, hol' mir Dschem's Pokal,
Trink' ich ihn leer, so füll' ihn noch einmal.

Sprach Dschemschid selbst doch einst das Königswort:
"Kein Körnchen wert ist dieser Erdenhort."

Reich den Pokal, klar wie der Selsebil,
Ein Leitstern sei er mir zum Himmelziel;

Denn Flöt' und Eiter sang mit süßem Tone:
Mehr gilt ein Weinschluck als Keï's Königskrone.

Geh', bring' mir jenen jungfräulichen Wein,
Noch unenthüllt, im Schmutz der Schenke rein.

Er soll die trüben Sinne mir erheitern,
Mag auch mein guter Name dabei scheitern.

Bring' mir die Glut, die tränkte die den Leuen,
Verwüstung würde allen Wäldern dräuen,

Und die mich aus den Schlingen dieser Welt

Aufschwingen soll zum hohen Himmelszelt.

Bring' mir den Wein, in welchem Hurisodem
Den Ambraduft gehaucht vom Himmelsbrodem,

Damit sich ihn der Glut zum Opfer bringe
Und ewig Ruhe meinem Hirn erringe.

Bring' Wein, dess Abglanz auf zum Himmel dringt
Und Dschendchid und Keï Chroßrew Grüße bringt.

Dann will ich fragen bei der Flöten Ton:
"Wann saß Kawuß, wann Dschemschid auf dem Thron?"

Mach' diese Welt zum Stoffe Deiner Lieder,
Und rufe, die sie einst beherrschten, wieder.

Bring' Wein herbei, der Königsmacht verleiht
Und, was im Herzen trübe, klärt und weiht.

Einst war ich Herrscher auf das Herzens Thron,
Doch jetzt, durch Schuld getrübt, spricht es mir Hohn.

Bring' Wein, dass er die Finsternis mir klärt,
Vielleicht auch Lind'rung meiner Qual gewährt.

Sieh', wie sein Glanz mich selbst mit Glanz erfüllt,
Im Rausch die tiefste Weisheit mir enthüllt!

War einst mein Aufenthalt das Geisterland,
Warum jetzt bin ich hier in Staub gebannt?

Mir spiegelt, wenn die Hand den Becher hält,
In seinem Glanz sich Alles in der Welt.

I Rausch poch' ich an der Entsagung Pforte,
und red' in Armut stolze Königsworte.

Denn auf des trunk'nen Hafis hohe Lieder
Grüßt Sohre's Lautenklang vom Himmel nieder.

Komm', merk' des Lebens unbeständigen Lauf,
Und schließ' im Becher seine Freuden auf,

Denn er allein verlängert Dir das Dasein
Und lässt Die selbst das Fernste immer nah sein.

Komm', bring' mit Wein das Festgelag in Gang,
Die Welt hält Keinem ihre Treue lang.

Wie jedes Bläschen, das im Wein sich bläht,
Zerstob in Luft Keïkobad's Majestät.

In laut'rem Wein still' jeden Drang des Herzens,
Sonst lebst Du blos im dunklen Zwang des Herzens.

Der Körper kann nicht leben unbeseelt,
Und so das Herz nicht, wenn der Wein ihm fehlt,

Komm', den Pokal auf's Neue vollzuschenken!
An einst allmächt'ge Herrscher will ich denken.

Wähnst Du Dich sicher vor des Schicksal's Wut?
Es treibt zur Rache und es lechzt nach Blut.

Komm', dass Du nicht zum Zorn bei mir entflammst,
Da Du von Staub nur, nicht von Feuer stammst.

Füll' den Pokal! Aus seiner reinen Glut
Steigt immer neuer Trost und Lebensmut.

Bring' Wein, der sich wie Duft uns einverleibt,
Da unser Gold und Silber doch nicht bleibt.

Bring' Wein mir, der so rein ist wie Rubin,
Trug, List und Hochmut lass zum Teufel zieh'n.

Auch Rosenkranz und Kutte mag er holen:
Verpfände sie für Wein, und Gott befohlen!

Leb' nur in Lästern, wo das Rebenkind
Zu Haufe ist, dess Schätze flüssig sind.

Sagt man: nimm vor den Klöstern Dich in Acht,
Antworte weiter nichts als "Gute Nacht!"

Komm', gib mir jenen Wein gleich rosiger Blüte,
Der Glück im Herzen weckt, Luft im Gemüte.

Von allem Gram soll er mein Herz befrei'n
Und Führer mir zu Festgelagen sein.

Bring' mir den Wein, der uns're Seele währt
Und in die Kranken selbst als Seele fährt,

Dass ich mein Zelt weit über dieser Welt
Erheb' und wohne über'm Sternenzelt.

Komm', füll' den Becher mir mit altem Wein,
Mich freut's, von seinem Geiste voll zu sein.

Hat er mich ganz erfüllt, so sing' ich wieder
Zum Preise Dir und ihm die schönsten Lieder.

Komm', Saki! gib Dein strahlend Angesicht
Jetzt unserm Nerktarmahle himmlisch Licht,

Führ' den Pokal auch ohne Scheu zur Lippe:
Im Himmel gilt er nicht als Tugendklippe.

Komm', Saik, nur Dein Wein erhält mein Leben,
Schenk' ein, und solltest Du den Rest mir geben!

Dem Tode nah' hat mich des Weltalls Kreisen
Gebracht, bis ich gelangt zum Quell der Weisen.

Komm', hilf den Quell auf meine Zunge leiten!
Auf Rustem's Renner möcht' ich heute reiten.

Und wie Tuhemten4 über's Schlachtfeld jagen,
Und mit der Wahrheit Schwert die Lüge schlagen.

Reich' mir den onyxfarbigen Pokal,
An frohe Zeit gemahnt sein Feuerstrahl.

Vernichtung möcht' ich allem Schriftwerk bringen
Und hoch die Fahne der Begeist'rung schwingen,

Auslöschen mit der Quellglut des Pokals
Die Glut tiefeingebrannten Gramesmals.

Genießen wir was uns der Tag beschert:
Wer weiß ob schon ein Tag uns wiederkehrt!

Denn die sich einst für Herrn des Glücks gehalten
In stolzer Feste prunkendem Entfalten:

Sie mussten auch der Täuschungswelt entsagen
Und hohe Sehnsucht tief zur Grube tragen.

Wer hebt sein Haupt hoch bis zum Himmelszelt?
Wer baut auf Glück in dieser flüchtigen Welt?

Ach, dass die Jugendzeit wie Wind entschwebt!
Beglückt ist nur, wer reinen Herzens lebt.

Saki, bring' Wein, in dessen Zauberbann
Ich beide Welten überspringen kann!

Wer auf den Elefanten als ein Stürmer
Der Welt stieg, fiel herab als Fraß der Würmer.

Aus lichten Sphären, auf des Morgens Schwingen
Hör' ich aus Hurismund die Worte klingen:

"Spreng' Deinen ird'schen Käfig, holder Sänger,
Verweile in der Welt des Trugs nicht länger,

Empor zum Himmel hebe Dein Gefieder
Und lass Dich hoch zu seliger Ruhe nieder!

* * *

Was nützt es Dschem, als seiner Hand entrungen
Der Becher ward, dass er die Welt bezwungen?

Die Traube starb, um Lebenswein zu geben,
Mein totes Herz soll er mir neu beleben.

Sieh', jeder Ziegel der die Dächer deckt,
War eines Herrschers7 Haupt, in Staub gestreckt.

Das Blut von Königen tränkt der Erde Grüfte,
Verwester Schönheit Staub durchweht die Lüfte.

Ich hörte, dass ein hochgemuther Zecher
Verwundert ausrief, in der Hand den Becher:

"Der Himmel liebt, Gemeines zu erheben
Im Dreh'n, der Dummheit stets den Preis zu geben."

Darius selbst, einst Herrscher dieser Welt,
So hoch wie nie ein Sterblicher gestellt,

Da ihn des Todes Hand ergriff, verschwand,
Als hätt' er nie gelebt in diesem Land.

Eil' hin zum König, ihm von mir zu sagen:
"Du, den die Krone schmückt, die Dschem getragen,

Such', dass Du erst der Armut Leiden stillst,
Eh' Du den Becher Dschem's gewinnen willst."

Dem Gram der Welt, die uns so nutzlos quält,
Entgeht man leicht, wo guter Wein nicht fehlt.

Jetzt wo ein König Zepter trägt und Krone,
Der beste, der je saß auf einem Throne;

Ein edler Spross aus edlem Stamm erzeugt,
Ein Fürst, vor dessen Macht die Welt sich beugt;

Ein Mond in uns'res Glückes Sternenzelt,
Der milden Glanzes Herz und Aug' erhellt;

Ein Herrscher, dessen Segensherrlichkeit
Den Fischen selbst und Vögeln Schutz verleiht;

Den Glauben nährt, Gerechtigkeit und Frieden:
Die höchste Zier des Throns der Keïjaniden.

Doch ich verstumme; mich vor ihm zu neigen
Geziemt mir nur in ehrfurchtsvollem Schweigen.

Vom Glanz geblendet solchen Herrschertumes,
Fehlt dem erstaunten Geist das Wort des Ruhmes.

Doch Aug' und Hand erhoben will ich treten
Vor meines Schöpfers Thron, um so zu beten:

O Herr, bei allen Gnaden die wir kennen,
Bei allen heiligen Namen die Dich nennen,

Bei deines Wortes Recht, als wie die Zeit,
Bei de Propheten Recht, durch Dich geweiht:

Gibt unserm König langes Herrschertum
Auf erden, schmücke seinen Thron mit Ruhm,

So lange Recht von Unrecht sich hier scheidet,
Auf Himmelsweisen Stier und Widder meidet,

So lange bleibe Schah Mansur erhalten
Der Welt, und reichgesegnet sei sein Walten!

* * *

Im Wein, der mir das Herz gesund gemacht,
Sei ihm ein Hoch aus Herz und Mund gebracht!

 

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