Gedichte im Islam

Wenn Du Dich freundlich zu mir neigst

von Muhammad Schams ad-Din (Hafiz) aus seinen Ghaselen, übersetzt von Friedrich von Bodenstedt 1877

Wenn Du Dich freundlich zu mir neigst,
So übst Du große Huld an mir,
Und wenn Du Dich mit zornig zeigst,
Find' ich doch keine Schuld an Dir.

Im Liede Dich, ganz wie Du bist
Zu schildern, würd' unmöglich sein,
Da grenzenlos Dein Liebreiz ist,
Und jedes Lied hält Grenzen ein.

Der Liebe helles Auge nur
Fasst Deine Zauberschöne ganz,
Und schöner scheint ihm Berg und Flur
In Deiner Zauberschöne Glanz.

Wer einen einzigen Vers nur las
Im Koran Deines Angesichts,
Kennt aller Dinge Ziel und Maß
Auf Erden, dunkel bleibt ihm Nichts.

Warum bist Du für mich allein
Wie die Zypresse ernst und kalt,
Und lässt Dir sonst gehuldigt sein
So gerne doch von Jung und Alt?

O Du, von Himmelskost genährt,
Wird Dir mein Wort zu Höllenqual?
Sind meine Lieder mehr nicht wert
Als die der Andern allzumal?

Wer in Gesang und Melodie
Hafisens Kunst erreichen will,
Der gleicht der armen Schwalbe, die
Dem Adler sich vergleichen will.

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