Gedichte im Islam

Die Welt

von Ibn Hazm al-Andalusi aus dem Buch "Halsband der Taube", übersetzt von Max Weisweiler (1941)

Die Welt, die stets ihr Darlehn heischt zurück, hat dir geliehn
Ein Leben voller Überfluss; doch welken wird sein Grün.
Wünscht sich ein Mensch mit festem Sinn, dass er noch länger hier
Wenn das Geschick des Todes schon geklopft an seiner Tür?
Wie kann das Auge freuen sich am Schlummer einer Stund
Wenn's lang gewarnt durch das, was es gesehen in der Rund?
Wie kann die Seele ruhn in einem unbeständ'gen Zelt,
Wenn sie gewiss ist, dass es sie doch nicht für immer hält?
Wie kann sie denken an die Erde einen Augenblick,
Wenn sie nicht weiß, wohin sie nach dem Tode kehrt zurück?
Kann fesseln sie das Streben nicht nach ihrem ew'gen Heil?
Und hält sie nicht die Furcht zurück, dass Strafe einst ihr Teil?
Enttäuscht sind Seelen, die die Lust des Augenblicks gebracht
In eines Feuers Glut, das stets aufs neue sich entfacht.
Sie hatten einen, der sie oft getrieben und gejagt
Und eifrig selbst nach dem gestrebt, dem sie sich stets versagt.
Man wünscht ein Werk von ihnen, doch ihr Ziel ist andrer Art;
Ihr Streben führt, wohin nicht sollte gehen ihre Fahrt.
Ja, eilen sie zu dem, was ihren Jüngsten Tag versehrt,
Obwohl sie wissen, dass am Ende ihnen Qual beschert?
Sie lassen ihren Glücksteil, und ein Rest sie selig macht.
Verblendung hat und Ungehorsam ihnen Leid gebracht.
Sie neigen sich dem zu, woraus nur Qual für sie entspringt,
Und fliehn dagegen alles das, was ihnen Rettung bringt.
Sie kehren sich vom Herrn, der ihnen Redlichkeit gebot,
Um einer Welt zu folgen, deren Meiden wär von Not.
So wende drum, Betrogner du, gar eilends deinen Schritt!
Denn Gottes ist ein Obdach, dessen Feuer nie verglüht.
Und statt des Ew'gen wähle nicht, was doch vergeht einmal!
Wer ungetrübten Sinnes ist, erhellt aus dieser Wahl.
Was du verschmäht hast, weist du, dass es lauter ist und wahr?
Und wandelst du auf Pfaden, deren Mängel offenbar?
Lässt du die helle Strasse, weil du von ihr abgeirrt,
Und gehst die dunkle, wo dir wund der Fuß vom Stolpern wird?
Ergötzt du an Getändel dich, wenn nachher kommt die Reu?
Ist es zu Ende, sind doch seine Folgen nicht vorbei.
Es werden alle Tändelei'n und Freuden mal vergehn;
Jedoch der Sünden Folge und die Schande bleibt bestehn.
Reibst du, Betrogener, dir endlich mal die Augen klar,
Nachdem dir das Geheimnis nun der Dinge offenbar?
Drum suche eilends deines Herrn Gefallen! Sei gewillt,
Zu lassen die Verbote, deren Fackel nun enthüllt!
Er jagt die Zeit an dir vorbei, inzwischen tändelst du,
Bleibst einer Welt ergeben, die dir Böses raunet zu.
Wie manche Völker hat enttäuscht schon vor uns das Geschick!
Und ihrer Wohnung Stätte beut sich öde nun dem Blick.
Gedenke der Vergangenheit! Nimm ihre Warnung an!
Denn jener Völker Warnung den Verstand dir schärfen kann.
Wer ihnen nachgetrachtet, hat vor ihren Höhn gescheut,
Und vor den Feinden bürgte ihre Überlegenheit.
Nun sind sie all im Erdenschoss, gesprengt ist ihre Schar.
Zurückgekehrt zum Eigner ist, was nur entliehen war.
Vie mancher schläft und sorgt sich um ein Todesschicksal nicht,
Das graden Weges zu ihm eilt, wie's seiner Art entspricht!
Wie oft raubt Unrecht Gut mit frechen Händen ein Despot!
Allein beim Herrn des Himmelsthrons Vergeltung ihnen droht:
Voll Eifer seh’ ich dich, wenn diese Welt dein Herz begehrt,
Obwohl sie deutlich zeigt, dass sie dereinst sich von dir kehrt.
Doch in des Herren Dienst aus Trägheit lahm du worden bist.
Bequemlichkeit zeigst du, wie sie nur schwer entschuldbar ist.
Du nimmst dich vor dem Leid, das schwindet und vergeht in acht.
An das, wovor du fliehen so'llst, hast du noch nie gedacht.
Voll Widerwillen sehe ich dich deutlich schon im Geist,
Wenn über dich das Schicksal kommt, das keiner von sich weist.
Dann spricht der Mensch: ,,Wer bringt zurück mir jene Zeit einmal,
Die längst entschwunden, als in meiner Hand noch lag die Wahl?“
O, wende deinen Blick zu jenem Tage voller Not,
Der dir schon nah gerückt und deiner Seele bringt den Tod!
Dann wird verleugnen jeder dich, der dir befreundet war.
Es bricht die Stunde an, wo du wirst aller Hoffnung bar.
Dem Dunkel übergibt man dich, das dich gar hart beengt,
Und deine Blicke schauen, wie's von düsterm Grau verhängt.
Man ruft dich, doch du stehst allein und kennst den Rufer nicht.
Entrückt ist nun der Schleier von des Lebens Angesicht.
Man ruft zu einem schweren Tage dich, der Schrecken beut,
Zur Stunde der Versammlung, die bekannt ist weit und breit,
Wenn sich vereint das Wildgetier, wenn man zusammenliest
Die Blätter unsrer Taten und sie dann dem Blick erschließt,
Wenn sich das Paradies uns naht geschmückt in reicher Pracht
Und wenn das Höllenfeuer wird zu voller Glut entfacht,
Wenn finster wird die Sonne, die den Morgen uns erhellt,
Und schnell der lichten Sterne Schar vorn Himmel niederfällt'
Erhaben war das Wort, das einst der Welt Gestalt verlieh;
Doch nun ein Wort ergeht, das in das Chaos stürzet sie.
Die Berge rühren sich. Die Erde wandelt ihr Gesicht'
Der trächtigen Kamele achtet ihr Besitzer nicht,
Der eine, weil ein Haus ihm winkt der ewgen Seligkeit,
Der adre, weil ein Kerker droht, aus dem er nie befreit.
Die Sünden werden auf gezählt, ob groß sie oder klein,
Vor dem Allmächtigen, der straft und doch wird gnädig sein.
Wer kleine nur beging, dem tut's am Jüngsten Tage leid;
Die große Schuld jedoch den Sünder dem Verderben weiht.
Beneiden wird man Leiber dann, und leben bleibt ihr Geist,
Wenn Offnes und Geheimes sich bei ihnen gleich erweist,
Wenn Allah ihnen Gnade schenkt, erbarmend sich versöhnt
Und in dem Haus sie wohnen lässt, des Wein nicht mehr verpönt.
Die Sünder aber halten nur dereinst mit ihnen Schritt,
Wenn mit den Rossen in der Rennschar kann der Esel mit!
Des Diesseits Freunde fliehen dann voll Angst mit ihrer Welt,
Von der du heute glaubst, dass sie nur Glückliche erwählt.
Zur Mutter Welt ist man mit Ungehorsam liebevoll,
Und nur wer sie im Stiche lässt, wahrt ihre Rechte wohl.
Drum wird nur dem, der sie verachtet, Glück durch sie beschert.
Verderben muss, nur wer ihr naht und bei ihr eingekehrt.
Ein Sehnsuchtsvoller nach dem andern Unglück bei ihr fand,
Und klugen Geistern ist sie aus Erfahrung wohl bekannt.
Sei ruhig ob des Schicksals Brandung! Bleib auf deiner Hut,
Dass du nicht drin versinkst! Lass dich verschlingen nicht die Flut!
Gib acht, dass dich nicht täuscht, wie sich das Diesseits dir stellt dar!
Hat sich sein Prüfstein doch gezeigt dem klugen Sinn als wahr.
Ich sehe, dass den Königen der Erde steht der Sinn
Nach Macht und nach der Seele Lust, da köstlich ihr Gewinn.
Der Weg, nach dem sie trachten, ist des Erdenbleibens Pfad'
Dass kurz die Frist, wünscht jeder, der sein Heil vor Augen hat.
Wenn man der Menschen Streben schützt, indem man es zerbricht,
Ist Ehrgeiz wohl ein Streben, das zu schützen unsre Pflicht.
Trägt nicht bloß der Gewinn davon, der still auf Gott vertraut,
Genügsam ist, im Herzen reich, den man gelassen schaut?
Der Reiche Lenker sieht er bangend und mit Sorgen schwer,
Von ihnen überwältigt tragen sie die Last nicht mehr.
Mit eignen Augen sehen wir dies klar. Doch es umgibt
Ein tiefer Rausch den Geist, und uns sein Nebel nicht zerstiebt.
Bedenk! Wer hat einst ob der Erd' das Himmelsdach erbaut?
Und wem sind ihre Fluren grün und Wüsten wohl vertraut?
Wer ist es, dessen Wort die Sterne und die Erde hält?
Von Säulen frei sind sie auf seinem Worte fest erstellt.
Wer hat mit weisem Sinne ihre Ordnung wohl erdacht,
Sodass in rechtem Laufe bleibt bei ihnen Tag und Nacht?
Wer sorgt, dass auf der Erde Plan das Wasser sprudelnd rinnt,
Sodass der Erde Frucht und Samen Nahrung draus gewinnt?
Wer hat auf ihrem Blumenflor der Farben Spiel gemalt?
Der Rosen und Narzissen Pracht auf Erden herrlich strahlt.
Hier blüht es grün, dass Staunen weckt der Blumen helle Zier
Dort leuchtet es in grellem Rot, dass du geblendet schier.
Wer hat mit leichter Hand gegraben einst der Ströme Tal,
Dass von den harten Felsen stürzet ihrer Wasser Fall?
Wer lässt die frühe Sonne strahlen hell im Silberlicht,
Lässt scheinen sie in fahlem Glanz, bevor die Nacht anbricht?
Wer ist's, der schuf der Sphären Kranz, ihm weite Bahnen wies,
Ihm seine Ordnung gab und wunderbar ihn kreisen hieß?
Wer ist das Wesen, das allein der Not des Herzens wehrt,
Wenn uns ein hartes Missgeschick des Geistes Kraft versehrt?
Du siehst, wie alles dies einmal zum Schöpfer heimwärts geht.
Gefügig lenkt er es, und unter seinem Wort es steht.
In den Propheten wies er uns des Himmels Zeichen klar;
Drum wurden machtvoll sie, nachdem sie erst der Wirkung bar.
Der Weisheit Worte ließ entströmen er aus manchem Mund.
Sie gaben ihre Lehre niemals unter Stammeln kund.
Er brachte ein Kamel hervor aus hartem Felsgestein,
Ließ in derselben Stunde hören sie des Tieres Schrei'n,
Dass gläubig würden manche, doch ungläubig eine Schar,
Die ins Verderben stürzte dann die Bosheit des Qudar.
Für Moses hat er einst gespalten ohne Müh das Meer,
Und seine Wogen sah gedrängt man stehen ringsumher.
Freund Abraham er aus des Ofens Glut errettet hat;
Ihr Brennen und ihr Züngeln rings ihm keinen Schaden tat.
Der Sündflut ließ entrinnen er den Noah, weil er recht
Ein Volk geführt, in dem der Schurken Taten allzu schlecht.
Dem David, seinem Sohne lieh er eine starke Hand;
Für alle ihre Nöte stets sich eine Lösung fand.
Er legte Salomo der Länder Herrn zu Füssen hin,
Und seinem Geiste er erschloss der Vogellaute Sinn.
Muhammeds Volk hat er als Vorzug seine Schrift gesandt
Und seinen Fahnen Sieg verliehn bis in das fernste Land.
Er teilte ihm den Vollmond, schenkte ihm nur den Koran
Mit seinen wahren Versen, die kein Mensch entkräften kann.
Vom Unglaub unserer Meinungen hat uns befreit sein Wort;
Sie kreisten um die Achse des Verderbens immerfort.
Weh uns! Warum nur lassen wir nicht unsre Torheit ziehn,
Dass wir uns retten vor dem Feuer, dessen Funken sprühn?

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