Gedichte im Islam
Mir sagt ein Arzt

von Ibn Hazm al-Andalusi aus dem Buch "Halsband der Taube", übersetzt von Max Weisweiler (1941)

Mir sagt ein Arzt, der aller Kenntnis bar:
"Nimm einen Heiltrunk! Du bist krank fürwahr."
Nein, außer mir kennt meine Krankheit bloß
Gott, der Allmächtige, der König groß.
Wie kann ich's bergen, wo mich doch verrät
Der Blick gesenkt und Schluchzen früh und spät,
Ein Antlitz auch, aus dem die Trauer spricht,
Ein Leib verwelkt gleichwie ein Traumgesicht?
Sind eines Tags die Zeichen offenbar
Und zweifelsfrei, ist eine Sache klar.
"Sprich deutlicher von mir", tat ich ihm kund,
"Bei Gott, du weißt nicht, was da spricht dein Mund."
"Ich seh' ein Welken", sagt er, "das sich mehrt".
Was du beklagst, ist, dass du ausgezehrt."
"Die Glieder quält sonst diese Krankheit sehr.
Sie ist ein Fieber schwankend hin und her.
Ich klag doch wahrlich über Fieber nicht
Nein, meinem Leib an Hitze es gebricht."
"Ich seh dich", sprach er, "immer sinnend gehn
Und schweigen, sehe ringsherum dich spähn.
Drum glaube ich, es ist Melancholie.
Hab acht auf dich! Ein schweres Leid ist sie."
Da sprach ich: "Dein Gerede Unsinn ist.
Wie kommt es denn, dass meine Träne fließt?"
Nun ließ der Anblick schweigen ihn verwirrt.
Ja, selbst ein Kund'ger hier den Kopf veliert.
"Mein Krankheitskeim", sprach ich, "das Leiden bannt.
Wem irrte nicht bei solchem der Verstand?
Der Augenschein beweist die Worte mein:
Der umgekehrte Zweig kann Wurzel sein,
Und wen einmal der Biss der Viper trifft,
Dem bürgt für Heilung nur der Schlangen Gift."

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