Gedichte im Islam
Die Gans

von Kaygusuz Abdal übersetzt von Prof. Annemarie Schimmel

Kauft‘ eine Gans von einer Frau,
Lang wie ein Rohr der Hals, o schau -
Da werden vierzig Heilge grau:
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Das Holz zerhackten unser acht,
Neun haben‘s Feuer angemacht -
Die Gans hebt ihren Kopf und lacht!
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Ich kauft‘ für gutes Geld sie ein,
Ihr Fleisch ist härter noch als Bein,
Nicht Kesse‘ blieb, nicht Kelle mein:
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Nennt man das Gans. dies tolle Tier?
Blieb vierzig Jahr am Weltberg schier -
Sie glättet Schwanz und Flügel hier:
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Wir setzten sie nun in den Herd,
Doch flugs sie aus der Pfanne fährt.
Was soll denn das, mein Bruder wert?
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Der Flügel meiner Gans bebt leicht.
Ein Schaf hat einen Fuchs gesäugt.
Aus Noahs Zeit stammt sie vielleicht -
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Gelb ist der Flügel meiner Gans.
Kein Fleisch an Knochen oder Schwanz -
Weib, das vergess‘ ich dir nicht ganz!
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Der Flügel meiner Gans ist bunt.
Geh, lebe wohl und bleib gesund.
Bring Unglück nicht auf unsern Grund!
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!!

Wir streuten Grütze in die Brüh.
Die rief „Allah!“ und fort flog sie.
Sag mir, was ist das nur allhie?
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

Oh Kaygusuz, was soll geschehn?
Vertrag und Treue doch bestehn;
Nimm deine Matte, lass uns gehn -
Vierzig Tage kocht‘ ich sie, sie wurde doch nicht gar!

 

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