Gedichte im Islam
Orpheus' Totenklage

von Fatma Kölling

Orpheus' Totenklage

I.

Fröhlicher Mund meiner Tage
weh mir, die Leier zersprang,
sprang vor dem Ansturm der Klage!
Aber ihr letzter Gesang

füllt die unendlichen Räume,
fasst schon die Enden der Welt:
Nun sind die Blumen und Bäume,
Liebe, zum Lobe bestellt

II.

Alles ist leise und tief,
dass es den Schlaf dir nicht stört.
Seit mir dein Lachen entschlief,
hab ich noch keines gehört.

Nur noch die Nacht, die sich neigt,
fühl ich vertraut und bekannt:
über das Dunkel, das schweigt,
bin ich dir zugewandt.

III.

Als ich mich wandte, um die anzusehen,
geliebtes Leben, das mir einst gehört, -
erst da begriff ich ganz, was uns geschehen,
als dich der dunkle Tod so tief betört.

Denn deine Augen, die sich zögernd hoben,
ganz ohne Lächeln und schon sehr entfernt,
die wussten nichts mehr von dem Leben oben
und hatten alle Zärtlichkeit verlernt.

Und jener Gott, der schweigend dich entführte,
ahnt er denn wohl, was ich an dir verlor?!
Ach, nur mein Schmerz, der selbst die Schatten rührte
er steigt mit mir ins alte Licht empor!

IV.

Eberesche, hoher Baum der Klage,
fand in die die Welt ihr schweres Herz?
Klarer, kühner noch, als ich es wage,
sagst du ihn, den ungeheuren Schmerz.

Denn schon hängt der Herbst in Deinem Laube,
reif und lockend in Korallenrot,
Beer um Beeren drängen sich zur Traube ...
und doch tragen sie verschwieg'nen Tod

Eschenbaum, du klage das Verhängnis,
doch vergiss es nicht, auch dies ist treu:
immer noch aus Sterben und Empfängnis
schafft sich alles dies Lebendige neu.

V.

Hörst du, ich singe, und die ganze Erde
ist wie ein großes hingehalt'nes Ohr,
denn dieses Lied, das ach so spät erlernte,
wächst groß wie ein Baum aus mir empor.

Wächst wie ein Baum und meine wunden Sinne
sind wie ein Wind, der in der Krone rauscht,
denn alle Stimmen, die sich lang verschwiegen,
stehn klagend in mir auf.
(Ich weiß, du lauschst)

Stehn klagend auf. Mir aber ist, als zeuge
sich alles Leid der Erde in mir fort
und warte, dass es einer endlich sage ...
da sag ich Dich, o bittersüßes Wort!

VI.

So leise gingst du fort von allen Dingen,
dass es nun ist, als ließen sie dich nicht,
in jeder ihrer schwebenden Gebärden
find ich dich wieder, holdes Ingesicht.

Den du so liebtest, jener Duft des Wiesen,
ist er nicht süßer, seit dein Fuß dort ging?
Der Wind ist wie ein halbvergessenes Lächeln,
das noch von dir in alten Bäumen hing.

Und so behutsam wie die Blütenblätter,
wenn sie sich scheu verschließen vor der Nacht,
so sanft, Geleibte, sangen dir die Lider
vor jener nie gekannten Übermacht.

VII.

Höre, ich biege mein Herz dir zur Leier,
dass es zu lichten Oktaven sich fügt;
da uns die tödlichen Schatten ergriffen:
wo ist der Klang, der dir reiner genügt?

Höre, ich hebe mein Herz auf und singe,-
alles ist Stimme an mir und ist Ohr -
singe die Einzige, rühme die Schöne,
dich, die ich unwiederbringlich verlor.

Sturm ist in mir und das Lächeln am Morgen,
kühne Gestirne und Pflanze und Tier,-
ja, ich bin Leier! Ich klinge - ich klinge,
höre, Geliebte, ich klinge von dir!

Gedichtet als Ingeborg Kölling vor der Annahme des Islam

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