Gedichte im Islam
O Leid

von Niyazi Misri, übersetzt von Prof. Annemarie Schimmel

Gemeiner Himmel: was tat ich - nie hast du Ruhe mir gegönnt,
Ließt mich nicht lachen jetzt noch je - o Prüfungszeit, weh Prüfungsleid!
Hast mich von Banden nicht befreit, gabst Klagen nicht Gerechtigkeit,
Hast mich nicht einen Nu erfreut - o Grameszeit, weh Gramesleid!
Zum Freunde reicht nicht meine Hand,
                                 mein Weg führt nicht zu Gottes Strand,
Es zeigte sich kein Heimatland - o Fremdlingszeit, weh Fremdlingsleid!
Nur Gram ist mein Gewinn und Tun,
                                 der Schmerz im Haupte will nicht ruhn,
Bin Sprosser ohne Rose nun - o Trennungszeit, weh Trennungsleid!
Wie Medschnun seufze ich nur “Ach!“,
                                 wie Ferhad “Weh, mein Ungemach!“
Die Litanei klingt jeden Tag - o Sehnsuchtszeit, weh Sehnsuchtsleid!
Wenn nicht mein Weg zum Meister führt,
                                 nicht meine Wunde Balsam spürt,
Wenn meinem Schmerz nicht Heilung wird -
                                 o Wirrniszeit, weh Wirrnisleid!
Niyazi ist in Schmerz entbrannt, und niemand ist sein Gram bekannt,
Zieht klagend in ein fremdes Land - o Reisezeit, weh Reiseleid!

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