Gedichte im Islam
Wie ich die Liebe auch erklären will…

von Dschalaleddin Rumi

Als die Zusammenkunft zu Ende war,
führte der König ihn zum Frauenraum,
erzählte von der Krankheil, von der Kranken
und setzte ihn dann an das Bett der Kranken.
Er sah die Farbe, Puls und den Urin,
verstand die Zeichen und den Ursprung auch,
und sprach: «Die Mittel, die die Ärzte gaben -
nicht aufgebaut, nein, nur zerstört sie haben.
Sie konnten nicht den innern Zustand finden -
Ich flucht' zu Gott vor dem, was sie erfinden!»
Er sah den Schmerz, Verborgnes ward enthüllt,
doch hielt er's vor dem König ganz verhüllt.
Nicht litt sie unter schwarz- und gelber Galle -
Der Rauch enthüllt des Holzes Arten alle!
Das Jammern, sah er, kam von Herzens-Schmerzen,
der Leib gesund, doch leidet sie am Herzen.

Verliebtsein wird bekannt vom Schmerz der Herzen -
Ach, keine Krankheit gleicht des Herzens Schmerzen!
Nicht so wie andre Leiden ist der Schmerz
der Liebeskrankheil für das Menschenherz.
Die vom Geheimnis Gottes Kunde gab -
die Liebe ist das beste Astrolab.
Der Liebe Zustand - sei's von hier, von dort -
führt uns zuletzt zu jener Seite fort!
Wie ich die Liebe auch erklären will -
Komm' ich zur Liebe, schweig’ beschämt ich still.
Erleuchten mag Erklärung durch die Zungen,
doch leuchtender ist Liebe ohne Zungen!
Die Feder eilt' im Schreiben, kaum zu hallen -
Sie kam zur Liebe und musst' gleich zerspalten!
Verstand: ein Esel, der im Schlamm geblieben -
Erklärung gibt für Liebe mir das Lieben.

Nur Sonne von der Sonne Kunde gab -
suchst Hinweis du, wend' dich von ihr nicht ab!
Und mag der Schatten wohl auch Zeichen geben
Die Sonne bringt ja stets das Licht zum Leben.
Der Schatten schläfert ein, wie Unterhaltung;
Erscheint die Sonne, sieh des Mondes Spaltung!
Die Sonne wandelt in der Welt gar seltsam - :
Die Seelensonne bleibt - sie kennt kein Gestern.
Mag auch die äuß're Sonne einzig sein -
leicht bildest du dir ihresgleichen ein!
Die Seelensonne, außerhalb des Äthers -
sie kennt kein Ähnliches im Geist, im Draußen;
Unmöglich, dass Vorstellung sie umfasse,
dass Ähnliches man je erdenken könnte!
Ja, wenn vom Anlitz Schamsuddins man spricht,
verhüllt die Sonne schamvoll ihr Gesicht.
's ist nötig, wenn sein Name hier erklingt,
dass man andeutend seine Huld besingt!

Die «Seele» zupft am Saum mich eben jetzt -
sie ist vom Duft von Yusufs Hemd ergötzt:
«Um unsrer Freundschaft für so manches Jahr -
leg das Erlebnis, wundervoll, doch dar,
dass lächeln froh der Himmel und die Erde,
dass hundertfach uns Herz und Augen werde!»
«Beiast mich nicht, denn ich bin ganz entworden;
Mein Sinn betäubt, ich weiß nicht, wie zu loben!
Was man, nicht nüchtern, alles sagen mag,
es ziemt sich nicht, wenn man gezwungen ist.
Was sag ich - keine Ader ist mehr nüchtern -,
den Freund zu schildern, dem ja keiner gleicht!
Von dieser Trennung, dieser Herzblut-Qual
zu reden - lass es für ein andres Mal!»

Er sprach: «O speise mich, ich habe Hunger,
und eile, denn die Zeil: ein schneidend Schwert.
Der <Sufi ist ein Sohn des Nu>, Gefährte,
zu sagen «Morgen», widerspricht der Sitte.
Ob du vielleicht kein rechter Sufi bist?
Wenn man's verschiebt, wird der Besitz zu nichts!»

«Des Freunds Geheimnis möge niemand lichten -
du horche auf den Inhalt der Geschichten:
In Sagen, Märchen aus vergangnen Tagen
lässt sich des Freunds Geheimnis besser sagen!»

Er sagte: «Nackt und ohne Hüllen sprich,
und weise mich nicht noch einmal zurück!
O heb den Vorhang, sag' es nackt und licht -
ich schlaf im Hemd doch mit der Liebsten nicht!»

Ich sagte: «Wenn es nackt und deutlich wird,
wirst du nicht bleiben, noch dein Leib, dein Haupt.
Du magst wohl wünschen - wünsche doch mit Maß:
Denn Berge tragen: das kann doch kein Gras!
Die Sonne, die das Weltall uns erhellt -
naht sie ein wenig, brennt die ganze Welt.
Such Aufruhr nicht noch Blutvergießen mehr:
Sprich nun von Schams-i Tabrizi nie mehr!»

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