Gedichte im Islam
Die Feinde

von Saadi aus dem "Fruchtgarten". aus dem Persischen übersetzt von Otto Hauser

Es lebten zwei Männer in Hass einst und Streit,
Sie trugen wie Tiger das Haupt allezeit.
Auf Blickweite mieden einander die zwei,
Es schien, dass der Himmel zu eng für sie sei.
Da über das Haupt kam dem einen der Tod,
Das Leben verglomm, das so stolz einst geloht.
Sein Feind war- darüber voll Freude, da ging
Am Grab er vorbei einst, das jenen umfing.
Da fand er mit Lehm seine Stätte verschmiert,
Des Manns, dessen Haus er mit Gold sah verziert,
Und hin vor das Bett trat er hochmütiglich,
Sprach, offen die Lippen zum Lachen, bei sich:
Fürwahr, nach dem Tode des Feinds welche Lust,
Befriedigt zu ruhn an des Herzfreundes Brust!
Nicht weine man je, wenn man einen begräbt,
Der auch einen Tag nur den Feind überlebt.
Voll Hasses dann riss mit gewalttät'ger Hand
Ein Brett er herab von der Grabstätte Wand.
Da sah er sein Haupt der Verwesung zum Raub,
Das stolze, sein weitblickend Auge voll Staub,
Den Leib, der im Kerker des Grabes nun saß,
Die Nahrung der Würmer, der Ameisen Fraß,
Mit Moder bestreut seine Knochen so dicht,
Wie Puder im Büchslein von Elfenbein nicht,
Zum Neumond des Antlitzes Vollmond verzehrt,
Zum Strohhalm des Wuchses Zypresse verkehrt;
Vom Wandel der Tage der kraftvollen Hand
Gelöst, der gewaltigen, Sehne und Band.
Da wurde sein Herz so in Mitleid versetzt,
Dass heiß seinen Staub er mit Tränen benetzt.
In Scham und in Reu ob der schändlichen Tat,
Dann ließ auf den Grabstein er schreiben den Rat
Oh freu übern Tod eines Menschen dich nicht,
Du wandelst viel länger als er nicht im Licht.

Ein Gottsucher hörte, ein weiser, dies Wort
Und seufzte: O mächtiger Schöpfer und Hort,
Wie würde ihm einst dein Erbarmen versagt,
Wo nun unter Tränen sein Feind um ihn klagt?
Auch ich einst erscheine in solcher Gestalt,
Dass Glut durch das Herz meiner Feinde dann wallt.
Wohl ist zum Erbarmen der Freund auch bereit,
Sieht Mitleid mir Armem vom Feind er geweiht.

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