Gedichte im Islam
In jedem Augenblick

von Saadi aus dem "Rosengarten". aus dem Persischen übersetzt von Karl Heinrich Graf

In jedem Augenblick vergeht ein Lebenshauch;
Kaum hast du ihn bemerkt, dahin ist er wie Rauch.
Du konntest fünfzig Jahr im Schlafe sorglos liegen,
Willst um fünf Tage denn du jetzt dich noch betrügen?
Dem Trägen Schande, der die Arbeit nicht berührt!
Die Trommel tönt, er hat sein Bündel nicht geschnürt.
Wann es zur Reise tagt, will er noch Schlaf genießen,
So wird der Wandrer wohl dem Weg entsagen müssen.
Ein jeder, wenn er kommt, erbaut ein neues Haus,
Dem andern lässt er bald den Bau und geht hinaus;
Es strebt der andre auch, sich andres zu erringen,
Und so kann jenen Bau niemand zu Ende bringen.
Dem Unbeständ'gen gib nicht deiner Freundschaft Hand,
Zur Freundschaft passet nur, was treu und von Bestand.
Ob gut sie sind, ob bös, es müssen alle sterben:
Heil dem, der es verstand, den Kampfpreis zu erwerben!
O schicke nur voraus den Vorrat in das Grab,
Niemand bringt dir ihn nach, send' ihn zuvor hinab.
Das Leben ist ein Schnee, der in des Sommers Sonne
Zerschmilzt, doch Täuschung ist dem Greise selbst noch Wonne.
Sind deine Hände leer, wenn du zu Markte gehst,
So furcht' ich sehr, dass du kein volles Tuch erstehst.
Wer seine Saat, noch eh' sie reif ist, will genießen,
Wird in der Erntezeit dann Ähren stoppeln müssen.

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