Benghabrit
Kaddour Benghabrit

Aussprache: abdul qaadir ibn ghabriyt
arabisch:
عبد القادر بن غبريط
persisch:  
عبد القادر بن غبريط
englisch:
Kaddour Benghabrit

1.11.1868 - 24.6.1954 n.Chr.

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Kaddour Benghabrit war ein algerischer islamischer Gelehrter, Diplomat und Beamter mit französischer Staatsbürgerschaft, der für seine Rettungsaktionen von Juden berühmt geworden ist.

Eigentlich heißt er Abdelqadir ibnn Ghabrit [عبد القادر بن غبريط] aber die französische Umschrift und Vereinfachung in Kaddour Benghabrit hat sich im lateinischen Raum durchgesetzt.

Er ist der Gründer der Gründer und erster Leiter der Großen Moschee von Paris. Er war während des Zweiten Weltkriegs maßgeblich daran beteiligt, Juden vor der Verfolgung durch Nazis und Vichy-Regime zu retten, indem er sie in der Moschee verbarg und mit falschen Papieren versah.

Er ist 1. November 1868 in Sidi Bel Abbès in der Region Tlemcen (damals Französisch-Algerien) geboren und am 24. Juni 1954 in Paris gestorben. Er wurde auf der Nordseite des Geländes der Großen Moschee von Paris beigesetzt.

Er stammte aus einer angesehenen Familie aus Tlemcen mit andalusischen Wurzeln. Er besuchte zunächst Madrasas in Algier und Tlemcen und studierte dann an der berühmten Universität al-Qarawiyyin in Fès (Marokko) islamische Wissenschaften. Seine berufliche Laufbahn war stark mit Frankreichs Kolonialpolitik in Nordafrika verflochten. In den 1890er Jahren wurde er Hilfsdolmetscher an der französischen Vertretung in Tanger (Marokko) und arbeitete damit direkt für das französische Außenministerium.

Er machte Karriere als Vermittler zwischen französischer Verwaltung und muslimischen/religiösen Autoritäten in Marokko , unter anderem bei Verhandlungen mit aufständischen Stämmen. Er war Teilnehmer der Algeciras-Konferenz 1906 und spielte eine Rolle bei den Verhandlungen, die 1912 im Vertrag von Fès und im französischen Protektorat über Marokko mündeten. 1916 wurde er im Auftrag Frankreichs in den Hidschaz - Hedschas entsandt. Er sollte die Pilgerfahrt [hadsch] nordafrikanischer Muslime organisatorisch erleichtern. Gleichzeitig war er Teil der französischen Mission, die Scherif Husain von Mekka zur Abkehr vom Osmanischen Reich und zur Kooperation mit den Alliierten bewegen sollte (Arabische Revolte).

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich Benghabrit in Frankreich für eine repräsentative Moschee ein. Hintergrund war unter anderem der Einsatz von Hunderttausenden muslimischen Soldaten aus Nordafrika an der Seite Frankreichs; über 100.000 fielen im Krieg.

Die Große Moschee von Paris wurde als Zeichen der „Freundschaft zwischen Frankreich und dem Islam“ sowie als Dank an diese Soldaten geplant. Baubeginn war Anfang der 1920er Jahre, maßgeblich vorangetrieben von der von ihm mitinitiierten „Société des habous et des lieux saints de l’Islam“. Die Einweihung erfolgte 1926, in Anwesenheit des französischen Staatspräsidenten.

Benghabrit wurde erster Imam der Moschee – de facto der wichtigste muslimische Repräsentant Frankreichs in dieser Zeit, in der Presse oft als „der pariserischste Muslim“ bezeichnet.

Die Moschee war nicht nur Gebetsort, sondern auch ein kulturelles und soziales Zentrum für Muslime in Frankreich. Zu den Aufgaben zählten unter anderem die Unterbringung von Pilgern, soziale Hilfe und religiöse Betreuung. Während der deutschen Besatzung Frankreichs (ab 1940) nutzte Benghabrit die Moschee, um Verfolgte – vor allem Juden – zu schützen. Er ließ Juden in den Kellern und Nebengebäuden der Moschee verstecken, oft über längere Zeiträume. Er organisierte gefälschte muslimische Identitätsdokumente, mit denen Juden gegenüber den Behörden als Muslime erscheinen konnten. Diese Dokumente konnten vor Deportation und Lageraufenthalt schützen.

Über ein Netzwerk von algerischen Partisanen und Arbeitern wurden Familien zur Moschee gebracht und von dort teils in die „Zone libre“ (Südfrankreich) oder über das Mittelmeer nach Nordafrika geschleust.

Der bekannte algerisch-jüdische Sänger Salim Halali erhielt von Benghabrit ein falsches muslimisches Geburts-/Identitätszertifikat und entging so der Deportation. Zur Zahl der Geretteten gibt es unterschiedliche Angaben: einige Berichte sprechen von „mindestens 100“, andere von rund 500, wieder andere (z.B. Aussagen von Albert Assouline im Dokumentarfilm von Derri Berkani) von bis zu 1.600 Menschen. Historiker sind vorsichtig mit exakten Zahlen, aber es besteht weitgehend Einigkeit, dass Benghabrit und die Moschee unter erheblichem persönlichem Risiko eine bedeutende Zahl von Juden retteten.

Bereits zu Lebzeiten erhielt Benghabrit hohe Auszeichnungen des französischen Staates wie das Großkreuz der Ehrenlegion (Grand-croix de la Légion d’honneur) und die Widerstandsmedaille (Médaille de la Résistance) mit Rosette. Benghabrit wurde auf dem Gelände der Pariser Moschee beigesetzt; dies markiert seine zentrale Rolle für dieses Institut. In Frankreich und darüber hinaus wird er heute oft als eine Art „muslimischer Schindler“ bezeichnet.

2005 startete eine jüdisch-muslimische Fraueninitiative („Les Bâtisseuses de Paix“) eine Petition, ihn bei Yad Vashem als „Gerechten unter den Völkern“ anerkennen zu lassen; bislang blieb das ohne formale Anerkennung, u. a. weil viele der Geretteten anonym blieben oder keine Zeugenaussagen vorliegen.

Im Film „Les hommes libres“ (Die freien Menschen, 2011) wird Benghabrit von Michael Lonsdale dargestellt; der Film zeigt die Rettungsaktionen in der Pariser Moschee.

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