.Bücher
zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Die Geschichte der „Drei Siebe“ ist in der
Westlichen Welt bekannt als „Die drei Siebe des Sokrates“,
und handelt von der vernünftigen Weitergabe von Nachrichten
und der Abwehr von Gerüchten. Die Geschichte stammt allerdings
nicht von
Sokrates sonder aus Quellen des
Islam.
Die Geschichte wird in der
Westlichen Welt folgendermaßen zusammengefasst:
„Ein Mann rannte auf Sokrates zu. „Sokrates, Sokrates!
Weisst Du, was ich gerade über einen Deiner Schüler gehört
habe?“ - „Warte einen Moment“, sagte der Philosoph. „Bevor Du
mir davon erzählst, möchte ich, dass Du einen kleinen Test
machst, den ich ‚die drei Siebe’ nenne.“ „Die drei Siebe?“
„Ja. Bevor Du aussprichst, was Du sagen willst, prüfe
es. Das 1. Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Hast du absolut
sichergestellt, dass es wahr ist, was du mir erzählen willst?“
- "Äh - naja, nein. Ich habe nur davon gehört." "Gut - du
weißt also nicht, ob es wahr ist oder nicht.
Lass uns zum 2. Test kommen - das Sieb der Güte. Ist,
was du mir über meinen Schüler erzählen willst, etwas Gutes?"
- "Äh - nein. Im Gegenteil." - "Aha. Du willst mir also etwas
Schlechtes über meinen Schüler erzählen, obwohl du nicht
weißt, ob es wahr ist?" Der Mann zuckte die Schultern. Er
wirkte inzwischen etwas betreten.
Sokrates fuhr fort: "Vielleicht besteht es das, was du
mir sagen willst, den 3. Teil - das Sieb der Nützlichkeit. Ist
das, was du mir mitteilen möchtest, hilfreich für mich?" -
"Also - nein, nicht wirklich."
"Wenn es weder wahr ist, noch gut oder zumindest
nützlich, warum solltest du mir es überhaupt erzählen?" Der
Mann verstummte. Er schämte sich und ging fort. Er hatte
verstanden.“
Daraus werden folgende moralische Fragen aufgeworfen, die
den Begriff der drei Siebe eregeben:
Obwohl die Geschichte
Sokrates zugesprochen wird, existiert sie bei keinem
seinen Schüler und in keiner der Schriften aus der Zeit. Die
Geschichte wird erstmals im 18./19. Jh. n.Chr. im
deutschsprachigen Raum von Christoph Martin Wieland
(1733–1813) oder Immanuel Niethammer (1766–1848) bzw. ihrem
Umfeld verbreitet.
Tatsächlich existiert eine nahezu identische Fassung der „Drei-Siebe-Geschichte“
in der islamisch-schiitischen
Überlieferungen [hadith].
Das erste Sieb geht direkt auf den
Heiliger Quran zurück (vgl. 49:6) sowie zahlreiche
Überlieferungen [hadith]. So sagt
Imam
Sadiq (a.) unter anderem: „Wenn du sprichst, so sei
deine Rede wahrhaftig ...“. Das zweite und dritte Siebe
kann unter anderem direkt aus einer
Überlieferungen [hadith] von
Imam Ali (a.) herausgelesen werden: „Sprich nicht, was
Gott missfällt, und nicht, was dir keinen Nutzen bringt.“
Die Dreiteilung Wahrhaftigkeit [صدق], Güte [خير], Nutzen
[نفع] entspricht den Grundprinzipien des
Islam
zur Rede. Im 18. Jh. n.Chr. war der
Orientalismus sehr verbreitet und so kamen Übersetzungen
zahlreicher Moral-Schriften auch nach Europa.
Die Struktur der drei Fragen (Wahrhaftigkeit, Güte, Nutzen
ist im
Orient weit verbreitet. Schon im 9.–10. Jh. n.Chr.
kursieren in islamischer Ethikliteratur Sprüche wie: „Wenn
du sprichst, so prüfe, ob es wahr ist; wenn es wahr ist, ob es
gut ist; wenn es gut ist, ob es nützt.“
Nasir al-din al-Tusi behandelt in seinem ethischen
Hauptwerk „Achlaq-i Naßri“ [اخلاق ناصری] genau die Frage nach
der Kontrolle der Zunge und dem richtigen Gebrauch des Wortes,
die sich inhaltlich direkt mit der Idee der „Drei Siebe des
Sokrates“ deckt: „Das Reden des Menschen soll in keinem
Fall außerhalb dieser drei Zustände liegen: Entweder es
enthält Wahrheit, oder es enthält Güte, oder es enthält
Nutzen. Und wenn nichts von diesen dreien vorhanden ist, ist
Schweigen besser.“