Talqin
Talqiyn (Vorsagen)

Aussprache: talqiyn al-mayyit
arabisch:
تلقین المیت‎ 
persisch:
تلقین میت
englisch: Talqin

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Talqiyn al-mayyit (Unterweisung der Leiche), kurz Talqiyn (Vorsagen) ist ein empfohlener [mustahab] Ritus für den Verstorbenen bei der Beisetzung.

In lateinischer Schrift wird der Begriff sehr unterschiedlich geschrieben, wie Talqin, Talkin, Telkin und Talqiyn. Das Wort selbst bedeutet an sich: Einprägen, Vorsagen, Unterweisen, Einflößen, Eingeben, jemandem etwas beibringen, indem man es ihm vorsagt. Es kommt von der arabischen Wurzel ل ق ن (l-q-n), deren Grundidee ist: etwas aufnehmen, verstehen, sich einprägen.

Im Kontext der Verstorbenen-Regeln im Islam bedeutet Talqiyn dem Sterbenden oder Verstorbenen die zentralen Glaubenssätze vorzusprechen, besonders das Bekenntnis zu ALLAH, zum Prophet Muhammad (s.), bei Schiiten zudem zu den Ahl-ul-Bait (a.) und den Grundwahrheiten des Jenseits. Talqiyn ist keine religiöse Verpflichtung [wadschib] der Leichnamsbehandlung sondern empfohlen [mustahab]

Talqiyn wird an mehreren Stellen empfohlen:

bulletbeim Sterbenden,
bulletnach dem Hineinlegen ins Grab,
bulletund nach Abschluss der Beerdigung, wenn die Anwesenden gegangen sind.

1. Talqīn beim Sterbenden تلقين المحتضر

Die erste Form betrifft heißt Talqiyn beim Sterbenden [تلقين المحتضر ] und gilt beim Menschen während des Sterbens. Dabei wird ihm, wenn er es verstehen kann, das Glaubensbekenntnis [schahada]. Das Bekenntnis zu ALLAH, zum Prophet Muhammad (s.), bei Schiiten zudem zu den Ahl-ul-Bait (a.) werden dem Sterbenden so vorgesprochen, dass er sie versteht; auch die Wiederholung bis zum Tod wird empfohlen. Es erfolgt idealerweise ruhig, würdevoll und ohne den Sterbenden zu belasten. Der Sinn ist nicht, ihn zu „unterrichten“ wie einen Lebenden im gewöhnlichen Sinn, sondern ihn an seine Glaubensgrundlagen zu erinnern und ihn geistlich auf den Tod vorzubereiten.

Die zweite wichtige Form erfolgt nachdem der Verstorbene in das Grab gelegt wurde, aber bevor das Grab geschlossen und Erde darüber gegeben wird. Bevor das Grab geschlossen wird, legt eine Person die rechte Hand an die rechte Schulter des Verstorbenen, die linke Hand kräftig auf die linke Schulter, bringt den Mund nahe an sein Ohr, bewegt ihn sinngemäß aufrüttelnd und spricht dreimal: „Höre, verstehe, o [Name] Sohn/Tochter von [Name des Vaters]“.

Danach wird der Verstorbene an den Bund erinnert, auf dem er die Welt verlassen hat und die erwähnten Bekenntnisse.

Dann folgt der Teil, der sich auf die Befragung im Grab bezieht: Wenn die zwei Engel kommen und nach dem Herrn, dem Propheten, der Religion, dem Buch, der Qibla und den Imamen fragen, soll der Verstorbene sich nicht fürchten und antworten. Genau diese Themen werden in der persischen Darstellung der Talqiyn-Formel genannt.

Eine weitere Form des Talqiyn geschieht nachdem das Grab geschlossen wurde und die Leute gegangen sind. Dann soll der Testamentsvollstrecker oder Vertreter des Verstorbenen — also der zuständige Angehörige bzw. Vormund — oder jemand mit seiner Erlaubnis den Talqiyn noch einmal sprechen. Dabei wird empfohlen, in Gebetsrichtung [qibla] zu sein. Der Mund des Sprechers ist in der Nähe beim Kopfbereich nahe am Grab und das Grab wird mit beiden Händen umfasst oder berührt. Es wird stimmhaft gesprochen.

Beim Hineinlegen ins Grab vor dem Schließen des Grabes wird in der beschriebenen Praxis die Anrede dreimal gesprochen: „Höre, verstehe, o N. Sohn/Tochter von N.“ Nach der Beerdigung ist die Wiederholung als dreimaliger Talqiyn nicht ausdrücklich festgestellt

Die klassische Formel ist arabisch. Wenn der Verstorbene aber nicht Arabisch sprach, wird empfohlen, nach dem arabischen Talqiyn ihn noch einmal in seiner eigenen Sprache zu sprechen.

Der religiöse Sinn ist dreifach:

bulletEine Erinnerung an den Glaubensbund: Der Verstorbene wird symbolisch an das erinnert, dass er als Muslim gestorben ist.
bulletUnterstützung im Zusammenhang mit der Befragung im Grab durch die Engel.
bulletEine Handlung der Angehörigen für den Verstorbenen: Sie begleiten ihn nicht nur körperlich bis zum Grab, sondern auch religiös-spirituell bis zur Schwelle des Jenseits.

Talqiyn wird zurückgeführt auf die Zeit des Propheten Muhammad (s.). Auch später sollen die Zwölf Imame (a.) ihren Anhängern den Ritus nahe gebracht haben.

Für das Talqiyn des Verstorbenen hat Allamah Madschlisi in seinem Bihar-ul-Anwar eine Reihe von Überlieferungen [hadith] zum Thema aufgelistet. Im Mafatih-ul-Dschinaan wurde darauf aufbauend eine empfohlene [mustahab] Vorgehensweise beschrieben. Demnach wird der Leichnam ins Grab gelegt, die Knoten des Leichentuches gelöst, der Kopf und Körper leicht nach rechts gedreht und der Rücken mit Erde abgestützt, so dass der Blick des Leichnams zur Kaaba sichergestellt ist. Dann tritt ein Rezitator nahe ans Ohr des Leichnams und spricht ihm den Text des Flehens von Talqiyn ins Ohr. Dabei legt er seine Hand auf die Schulter des Leichnams und rüttelt ihn sanft dreimal. Der Text des Flehens wird wiederholt beim Auffüllen des Grabes und wenn die Teilnehmer der Beerdigung das Grab verlassen.

Die in Mafatih-ul-Dschinaan zusammengestellten Texte stammen aus verschiedenen  Überlieferungen [hadith]. Die Sätze sind für Männer und Frauen etwas unterschiedlich.

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