Tolstoi
Brief von Muhammad Abduh an Leo Tolstoi

8. April 1904 n.Chr.

Mehr zu dem Hintergrund des Briefes siehe: Leo Tolstoi und Muhammad Abduh.

An den erleuchteten Philosophen Tolstoi

Ain Shems bei Kairo, den 8. April 1904

Obgleich ich nicht das Vergnügen habe, Sie persönlich zu kennen, bin ich nicht unvertraut mit Ihren Ansichten. Das Licht Ihrer Gedanken ist uns erschienen. An unserem Himmel ist die Sonne Ihrer Ideen aufgegangen. Und so fühlen sich nun die Gebildeten hier in Freundschaft zu Ihnen hingezogen.

Gott hat Sie gesegnet mit dem Wissen um das Geheimnis jenes eingeborenen Wesens, nach dem er den Menschen bildette und hat Ihnen das Ende offenbart, an das er das Menschengeschlecht führen wird. Sie haben erkannt, dass der Mensch in diese gegenwärtige Existenz verpflanzt wurde, damit er bewässert werde durch Weisheit und Frucht trage unter großer Anstrengung, die da ist Mühsal des Leibes, die dem Geist Ruhe verschaffe, ein dauerndes Ringen, durch das das Menschengeschlecht erhoben werde.

Es ist Ihnen nicht verborgen geblieben, wie die Religionen durch entstellende Traditionen verdorben wurden, und Sie sind so zur Erkenntnis jener fundamentalen Wahrheit von einer in Gott ruhenden Einheit alles Seienden gekommen. Sie haben Ihre Stimme erhoben und die Menschen aufgefordert, sie möchten alle auch dahin kommen, wohin Gott Sie geführt, und sind jenen vorangegangen durch das Beispiel der Tat. Und wie Sie durch Ihre Worte die Geister geführt, so haben Sie diese Geister durch das Beispiel Ihrer Taten zu unnachgiebigen Entschlüssen bewogen und zu großen Zielen begeistert. Wie Ihre Gedanken ein Licht waren, die Zerstreuten wieder zu sammeln, so war Ihr Wirken ein Beispiel, das die Wahrheitssucher befolgten. Wie Ihr Dasein ein Zügel war für die Reichen, so war es eine Hilfe und ein Ansporn für die Armen. Der größte Ruhm, den Sie erreicht, die erhabenste Belohnung, die Ihnen hat zuteil werden können für Ihre Anstrengungen als Lehrer und Ratgeber, ist wahrhaftig in dem zu sehen, was die Menschen Exkommunikation und Interdikt nennen. Was die Oberhäupter der Religionen über Sie ergehen ließen, war nichts als ein Bekenntnis, dass Sie nicht zu den Verlorenen gehören. Loben und danken Sie Gott, dass jene sich selbst von Ihnen losgesagt durch ihre Worte, wie Sie sie schon vorher aufgegeben hatten in all ihrem Glauben und Tun.

Glauben Sie, unsere Herzen sind in gespannter Erwartung alles dessen, was Sie künftig noch schreiben werden. Möge Gott Ihr Leben verlängern, möge er Ihnen Kraft verleihen und möge er die Herzen der Menschheit öffnen, damit sie erfassen, was Sie verkünden, und möge er ihre Seelen bewegen, Ihnen in Ihren Taten nachzufolgen.

Grüße

Mohammed Abdu Mufti von Ägypten

Sollte der Weise mit die Ehre antun wolle, mir zu schreiben, so möge er es in französischer Sprache tun, der einzigen europäischen Sprache, die ich beherrsche.

Der ebenso aufrichtige als freundschaftliche Brief des großen Gelehrten bewog Tolstoi zu einer sofortigen Antwort: Brief von Leo Tolstoi an Muhammad Abduh.

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