Tolstoi
Brief von Leo Tolstoi an M.M.Krymbajew (einem russischen Muslim)

16. März 1909 n.Chr.

Mehr zu dem Hintergrund des Briefes siehe: Leo Tolstoi

Jasnaja Poljana, 16. März 1909

An M.M.Krymbajew

Werter Herr,

Die Grundlage aller Religionen ist die gleiche: Liebe zu Gott, d. h. zur höchsten Vollkommenheit, und zum Nächsten. Aber in allen Religionen geschah es und geschieht es, daß sich zur grundlegenden Erkenntnis, die ihnen allen gemein ist, trügerische Deutungen gesellen, die durch die Jünger hineingetragen werden. So geschah es und geschieht es auch im Mohammedanismus. Und daher gilt es für alle Religionen wie für den Mohammedanismus: die Aufgabe der Menschheit besteht zur Zeit nicht darin, die Religionen zu verwerfen und an ihre Stelle die engen, unzulänglichen und platten, sogenannten wissenschaftlichen Anschauungen einzuführen, sie muß sich vielmehr bemühen, das wahre Wesen der Religiosität zu erkennen, um die religiösen Grundwahrheiten von ihren entstellenden Zutaten zu befreien. Und das geschieht in allen Religionen, geschieht auch im Mohammedanismus. Es gibt eine ihrem religiösen Gehalte nach sehr hochstehende Sekte, die Babisten. Sie wurde von Beha Ullah weiter entwickelt, der von der türkischen Regierung nach Akka verbannt wurde, wo sein Sohn lebt. Seine Anhänger erkennen keine äußeren religiösen Formen an und sehen die allen Religionen gemeinsame Grundlage in einem guten Leben, d. h. in der Liebe zum Nächsten und darin, daß sie sich unter keinen Vorspiegelungen zur Teilnahme am Bösen verleiten lassen. Eine andere mohammedanische Sekte kenne ich in Kasan. Diese Sekte heißt sich „Gottes Heer“, oder nach ihrem Begründer: die Anhänger des Waisow. Beide Sekten bedeuten für den Mohammedanismus einen Schritt vorwärts zur Befreiung von äußeren toten Formeln, die sich übrigens, wie man zugeben muß, im Mohammedanismus als der jüngsten Religion viel seltener finden als in den andern großen Glaubenslehren. Und daher glaube ich, ein jeder, der der Menschheit und ihrem Fortschritte dienen will, darf die Religion, in der er geboren wurde, wie Sie im Mohammedanismus, nicht rundweg ablehnen, sondern er muß im Gegenteil danach streben, ihre tiefen Wahrheiten, die in jeder Religion und auch im Mohammedanismus enthalten sind, von jenen Auswüchsen zu befreien, die sie überwuchert haben. Auch im Koran kann man viel Richtiges und Tiefes finden: es gibt ein englisches, in Indien erschienenes Büchlein, in dem die Aussprüche Mohammeds gesammelt sind: Auszüge daraus, die durch ihre Tiefe und Seelengröße bemerkenswert sind, werden demnächst im Verlag des „Posrednik“ gedruckt.

Leo Tolstoi

Aus all diesen Beziehungen Tolstois zur mohammedanischen Welt geht hervor, wie teuer sie ihm war, und welche seelische Anstrengungen er machte, um den Islam mit den andern großen Konfessionen in einer großen Religion der erneuerten Menschheit zu vereinen.

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