Drittes Buch
Aufbruch von Tebris.
Nach der Eroberung Bagdad's war Hulagu erst gegen Hamadan
und von da über Meragha nach Tebris gezogen, das von nun an
die Hauptstadt von Aserbeidschan (dem alten Atropatene), von
nun an auch die des neuen mongolischen Reichs in Persien und
die Residenz des Ilchan's; seitdem heisst dieselbe mit dem
ganzen Lande umher Paitachti Hulagu, d. i. der Fuss des
Thrones Hulagu's. Tebris, d. i. das warm Rieselnde, hat seinen
Namen, der gleichbedeutend mit Tepliz, von seinen warmen
Quellen; es liegt auf der Westseite des Berges Sehend mitten
unter üppigen Gärten, vom Flusse Surchab, d. i. Rothwasser,
bespült. Es ist möglich, dass Tebris nur eine Verstümmelung
des alten, beim Ptolemäus vorkommenden Gabris; aber alle
Quellen arabischer Geschichte nennen als Erbauerin der Stadt
die Gemahlin Harun Reschid's, seine Base, die grosse Frau
Sobeide. 175 (791) Schon neun und dreissig Jahre nach ihrer
Erbauung vom Erdbeben zerstört, wurde Tebris vom Chalifen
Motewekkil wieder erneuert 245 (857) und zweihundert Jahre
später vom Erdbeben gänzlich in Schutt gelegt. 434 (1042) Der
Astronom Abu Tahir von Schiras hatte das Erdbeben für die
Nacht, wo es stattfand, vorausgesagt und die Einwohner der
Stadt, dieselbe zu verlassen, ermahnt; Viele beherzigten seine
Warnung, aber vierzigtausend, welche in den Häusern
zurückblieben, wurden unter denselben begraben. Der neue Bau
ward unter der Leitung des genannten berühmten Astronomen im
Zeichen des Scorpions begonnen, um dadurch für immer die
Gefahr gänzlicher Zerstörung durch Erdbeben abzuwenden; „und
wirklich“, sagt Hamdallah Mestufi, der persische
Geschichtschreiber Geographe, „haben in den seitdem
verflossenen dreihundert Jahren mehrmal Erdbeben
stattgefunden, ohne der Stadt wesentlich zu schaden, so dass
die Stadt ihren Ruin nicht mehr von Erdbeben, sondern nur von
Ueberschwemmung fürchtet“. Zahlreiche, seitdem gegrabene
Kanäle und unterirdische Wasserleitungen gewähren dem Wasser
Abfluss, so dass auch diese Furcht verschwunden; der vom Berge
Sehend niederströmende kleine Fluss Mehranrud vertheilt sich
in mehr als hundert solcher Kanäle, um die Gärten der Stadt zu
bewässern; die Waldungen rund um die Stadt sind so dicht,
dass, als zu Beginn des vorigen Jahrhunderts das osmanische
Heer hier den Befehl erhielt, dieselben auszuhauen, dreitägige
Arbeit der Axt keinen merklichen Unterschied hervorbrachte, so
dass sie so dicht, wie ehe, schienen. Die schöne und
fruchtbare Ebene von Tebris, welche sich auf der Westseite der
Stadt gegen den See von Urmia hinzieht, wetteifert durch
üppigen Baumwuchs mit den Zauberthälern von Soghd, Damaskus,
Schaabbewwan und mit der Ebene von Mamschanrud bei Hamadan um
edenischen Ruhm. Die Aepfel, Birnen, Aprikosen und vorzüglich
die Weinbeeren ohne Kern sind vortrefflich; die Einwohner
blühender Gesichtsfarbe, gewerbfleissig und auch nicht ohne
Muth, aber durch Treulosigkeit verschrien. Derohalben ist von
ihnen der persische Viervers gang und gäbe:
Als Freund hat Keiner noch Tebrisern je getraut;
Die Anderen sind Mark, Tebriser ist nur Haut.
Wer in der Freundschaft nicht beständig wird geschaut,
Hat, wenn nicht von Tebris, sich dorten angebaut.
Hierauf entgegnete ein Dichter von Tebris:
Tebris ist Paradies, sein Volk ist spiegelrein.
Du sagst, dass sie aufrichtig nicht in Freundschaft sei'n;
Wie konntest And'res dir von ihnen bilden ein,
Der Spiegel wirft zurück von dir den Widerschein.
Vorzüglich hat sich in der Landschaft Aserbeidschan von
jeher wissenschaftliches Streben kund gegeben, und schon Abu
Tahir sagte: Aserbeidschan ist im Osten, was Andalus im
Westen, durch philologischen und medicinischen Ruhm. Von den
grossen Männern und Dichtern, deren Ruhm die Stadt
verherrlicht, sowie von den grossen Gebäuden derselben, wird
unter der Regierung Ghasan's, dessen Grabdom noch heute die
schönste Ruine der Stadt, zu sprechen der Ort sein.