Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Drittes Buch

Begebenheiten zu Damaskus; Mord der mongolischen Botschafter zu Kairo.

Am dritten Sonntage des Monats Ssafer waren die Abgeordneten Hulagu's, vom Richter Muhijeddin Ben Seki begleitet, angekommen, welcher sich nach Haleb begeben hatte und dort von Hulagu zum Oberrichter ganz Syriens ernannt worden war. Am folgenden Morgen versammelten sich die Bewohner ohne Furcht in der grossen Moschee; Ibn Seki, mit dem Ehrenkleide Hulagu's angethan, las den versammelten Rechtsgelehrten das Diplom der Investitur (Taklid) des mongolischen Herrschers und die Fermane, wodurch den Bewohnern von Damaskus Sicherheit ihres Lebens und Gutes versprochen ward. In der Hälfte des folgenden Monates waren die Generale Hulagu's an der Spitze einer zahlreichen Truppenabtheilung von Tataren im Geleite Keitbugha Nujan's erschienen und bald darauf wurde durch ein Diplom der Richter Kemaleddin Omer von Tiflis zum Stellvertreter der richterlichen Gewalt (Naibol-hukm) ernannt, so dass er als Richter der Richter in den Städten Syriens zu Mossul, Mardin und Miafarakain Recht sprach. Dasselbe Diplom verlieh ihm die Aufsicht der Moscheen und der frommen Stiftungen. Die Tataren hatten indessen ganz Syrien überschwemmt; sie waren bis Ghasa, Beit, Dschibrail, Hebron und Ssalt vorgedrungen, hatten überall geplündert und Sklaven gemacht und verkauften die Beute auf den Märkten von Damaskus. Die Christen von Damaskus, welche einen besonderen Schutzbefehl Hulagu's zu Gunsten freier Religionsübung erhalten hatten, übernahmen sich in der ihnen zugestandenen Freiheit gegen die Moslimen, indem sie im Ramasan öffentlich auf den Gassen Wein tranken und denselben vor den Moscheen ausschütteten; sie zogen mit dem Kreuze durch die Strassen und zwangen die Kaufleute, demselben aufzustehen, die sich dessen Weigernden misshandelnd; Prozessionen zogen mit dem Kreuze nach der Kirche der heiligen Jungfrau, von deren Kanzel der Triumph des Christenthums über den Islam verkündet ward. Die gekränkten und misshandelten Moslimen beschwerten sich darüber beim mongolischen Statthalter, von dem sie, statt Ausrichtung zu erhalten, mit Schlägen abgefertigt wurden; er überhäufte die christlichen Priester mit Ehren, besuchte ihre Kirchen und begünstigte offenbar das Christenthum. Eine merkwürdige Epoche für die Geschichte christlicher Kirchen in Syrien während der mongolischen Herrschaft unter der Statthalterschaft Keitbugha's; aber diese dauerte nicht lange, denn Melik Eschref, der ejubidische Fürst von Himss, erschien mit einem Diplome Hulagu's, welches ihn zum Statthalter über ganz Syrien bestellte. Indessen hatte der Emir Bedreddin Mohammed Ben Kermdsche, der Festungsbefehlshaber der Citadelle von Damaskus, und der Emir Dschelaleddin Ben Seirafi den Entschluss gefasst, die Thore der Citadelle zu schliessen und sich darin wider die Mongolen zu vertheidigen. Keitbugha begann die Belagerung des Schlosses. Dieselbe dauerte fünf und vierzig Tage mitten unter fürchterlichen Ungewittern, die mit Erdbeben begleitet waren; mehr als zwanzig Wurfmaschinen schleuderten Felsenstücke wider die Mauern, um sie zu erschüttern, während eine Menge anderer Häuser durch das Erdbeben einstürzten, und mit den Blitzen kreuzten sich die Flammengeschosse des Naphta. Nachdem die Belagerten endlich zu kapituliren begehrt, plünderten die Tataren das Schloss, zündeten dasselbe an mehreren Ecken an, schleiften mehrere Thürme und zerstörten alle Kriegsmaschinen; von hier zogen sie nach Baalbek, wo die Citadelle ebenfalls zerstört ward; eine andere Heeresabtheilung verheerte Bamias und die Umgegend. Hulagu, nachdem er von Haleb abgezogen, liess dort den Keitbugha und zu Damaskus den Baidera als Statthalter zurück und führte sieben Emire der Mamluken Bahri, d. i. derer vom Nile, mit sich. Bald darauf erschienen Botschafter Hulagu's mit einem Schreiben an Kotos voll Drohungen, dessen Inhalt in den folgenden Schlussworten desselben zusammengedrängt ist: „Sag' dem Lande Aegypten, Hulagu kommt, begleitet von entblössten Degen und schneidenden Schwertern; er wird die Mächtigen demüthigen, die Grossen zurechtweisen und die Kinder nachsenden den Greisen.“ Im gehaltenen Kriegsrathe der Emire wurde beschlossen, die Botschafter Hulagu's, es waren deren vier an der Zahl, zu vernichten; vor der Hand wurden sie aber nur in den Kerker geworfen. Hälfte Schaaban's zog Sultan Kotos, von seinen Truppen begleitet, aus dem Schlosse Kairo's gegen Ssalihije aus. Unmittelbar vor seinem Auszuge wurden die vier mongolischen Botschafter an vier der volkreichsten Plätzen der Stadt, nämlich am Fusse des Schlosses, ausser dem Thore Soweila, dem Thore Nassr und zu Ridhania entzweigehauen, ihre Köpfe an dem Thore Soweila aufgehangen; vier bedeutungsvolle Stätten, mehr als einmal in der späteren mamlukischen und osmanischen Geschichte und bis in unsere Tage herunter durch die Schlachten von Heeren und das Schlachten von Menschenopfern blutig befleckt; durch das Thor Nassr's, d. i. des Sieges, zogen die jeweiligen Eroberer Kairo's triumphirend ein, am Fusse des Bergschlosses rann das Blut der letzten, von Mohammed Ali veranstalteten Mamlukenvesper; in der Schlacht von Ridhania zwischen Sultan Selim, dem Eroberer Aegyptens, und Sultan Tumanbai, dem letzten Sultan der Mamluken, wurde das tragische Schicksal des letzten entschieden, und am Thore Soweila, wo jetzt die Köpfe der vier entzweigehauenen mongolischen Botschafter hingen, baumelte dritthalbhundert Jahre später der Kopf Tumanbai's, des letzten Sultan's der Mamluken Tscherkessen. Im Gefolge der mongolischen Gesandten befand sich ein Kind, welches der Sultan begnadigte und unter die Zahl seiner Mamluken aufnahm. Wassaf erzählt diese Botschaft und das Sendschreiben derselben auf eine im Wesentlichen zwar übereinstimmende, in den Nebenumständen aber abweichende Weise. Nach ihm waren nicht vier Botschafter, sondern nur Einer, von vierzig Dienern begleitet, und die Botschaft lautete: „Gott hat dem Hause Tschengischan's die Weltherrschaft zuerkannt; der sich Uns unterwirft, hat sich und seiner Familie Leben und Gut gerettet. Der Ruf Unseres unzählbaren Heeres geht demselben wie die Heldensage Rustem's und Isfendiar's voraus; sende unterwürfige Botschaft und komme selbst, um einen Vogt in Aegypten zu bitten; wenn nicht, so sei gerüstet zum Kriege.“ Sultan Kotos berief bei Ankunft der mongolischen Botschaft seine sechs chuaresmischen Emire, welche nach der Zerstörung der chuaresmischen Länder sich von Achlath nach Aegypten geflüchtet und hier besonders zur Erhebung Sultans Kotos auf den Thron beigetragen hatten. „Hulagu“, sagte er ihnen, „wäre schon in Aegypten eingefallen, wenn ihn nicht die Nachricht von des Bruders Tod aus Syrien abgerufen hätte; er hat aber den Keitbuka an der Gränze zurückgelassen, der das Land wie ein grimmiger Löwe und wüthiger Drache zu verheeren droht und dem Niemand zu widerstehen im Stande; was denket ihr hierüber!“ Der sechste Emir, Nassireddin Kimeri, von welchem die kimrischen oder cimerischen Mamluken ihren Namen haben, sprach: „Es wäre keine Schande für uns, dem Hulagu, als dem Sohne Tului's, dem Enkel Tschengischan's, entgegen zu gehen; welcher Vernünftige wird sich aber selbst vergiften und muthwillig dem Tode entgegen gehen? Die Beweise seiner Treulosigkeit liegen in dem Schicksale der Herren von Alamut, Deriteng, Irbil, Miafarakain und des Chalifen offen.“ Kotos sprach im selben Sinne und endete so: „Mir bleibt nur eines von dreien zu wählen übrig: Freundschaft, Feindschaft oder Auswanderung.“ Alle stimmten für den Krieg. Kotos berieth sich noch insbesondere mit Bondokdar, dem Emirol umera, dem ersten der ägyptischen Mamluken, welcher sich schon seit zehn Jahren dadurch, dass er der erste den Todesstreich wider Melik Moaasem, den letzten Herrscher Aegyptens aus dem Hause Ejub, führte, Namen und Ansehen erworben und seitdem als Fürst der Fürsten behauptet hatte. Bondokdar, d. i. der Bogenhalter, der Kipdschake, dessen ursprünglich türkischer Name Beibars, d. i. Beg Panther, und der später als Sultan Aegyptens der Schrecken der Franken in Syrien wie der Mongolen, rieth zum Morde des Gesandten; noch in derselben Nacht blutete der Gesandte und seine vierzig Begleiter bis auf einen als Martyrer mamlukischen diplomatischen Verkehrs; ihre Köpfe wurden am Thore Soweila aufgesteckt, und am Morgen brach Kotos mit zwölftausend Reitern gegen Syrien auf.

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