Drittes Buch
Das Chalifat der Beni Abbas zu Kairo.
Beibars Bondokdar, der sich den Weg zum Throne durch
doppelten Mord gebahnt, erst durch den Moaasem Turanschah's,
des letzten Fürsten der Beni Ejub, und dann durch den des
dritten Sultans der Mamluken, Kotos, war vor Allem bedacht,
seiner Usurpation des Thrones den Mantel der Legitimität
umzuhängen. Zu diesem Ende stellte er zu Kairo einen
angeblichen Abkömmling des Hauses Abbas, Abulkasim Ahmed,
welcher für einen Sohn Dahir's, des vorvorletzten Chalifen,
ausgegeben ward, als Phantom eines Chalifen auf, der nur dazu
diente, kraft seines angestammten Rechts als Chalife durch
Verleihung von Titeln die Herrschaft desselben als legitim zu
rechtfertigen. Zu Kairo ward feierlicher Einzug desselben
veranstaltet, bei welchem die Ulema von Missr und Kahir den
Koran, die Rabbinen die Bibel, die Christen das Evangelium
voraustrugen. Vier Tage hernach ward in feierlicher
Versammlung aller Ulema und Emire das Schauspiel des Beweises
der vorgegebenen Abstammung aufgeführt, der angebliche Sohn
Dahir's von Beibars als Chalife ausgerufen, und dieser hierauf
von ihm, dem rechtmässigen Chalifen, als Sultan Aegyptens und
Syriens belehnt. Der Chalife, mit dem schwarzen Mantel des
Hauses Abbas angethan, bekleidete den Sultan mit eigener Hand,
indem er ihm den Kaftan anzog und goldene Kette um den Hals
gab. Beibars ritt auf einem Schimmel durch die Stadt und der
Wesir und der Hofmarschall trugen abwechselnd das Diplom des
Chalifen, auf ihren Händen über den Kopf emporgehalten, vor.
Am nächsten Freitage predigte der Chalife in der Moschee, und
als dem Sultan die Predigt zu lange währte, indem er
fürchtete, dass der Chalife das Volk und das Heer sich selbst
zuwenden könnte, liess er ihm Gold- und Silbermünzen über den
Kopf schauern, womit die Predigt zu Ende. Nachdem Beibars
durch die Investitur seinen Zweck erreicht, war ihm die
Gegenwart des Chalifen überflüssig und konnte ihm sogar
gefährlich werden; er setzte also das Schauspiel in noch
grösserem Maasstabe fort, indem er ihm einen Hofstaat mit
allen Titeln des alten Chalifenhofes beilegte und zweitausend
Reiter mit einer Truppe Beduinen beigab, mit denen er zur
Wiedereroberung Bagdad's, seiner Hauptstadt, ausziehen sollte.
Ihn begleiteten die von Beibars mit den Fürstenthümern von
Mossul, Sindschar und Dschesiret belehnten drei Söhne
Bedreddin Lulu's. Am Ufer des Euphrats trat Elhakim, ein
anderer Imam aus dem Hause Abbas, als Nebenbuhler um die
Chalifenherrschaft auf. Bondokdar's Schützling zog mit Hilfe
der ihm von diesem beigegebenen Truppen zu Aana und Hadise
ein, welche ihm Anfangs ihre Thore gesperrt hatten; Hadise,
das sich widersetzte, wurde mit Gewalt genommen, die Christen
und Juden geplündert. Unterdessen zogen die mongolischen
Befehlshaber Karabuga mit fünftausend Reitern gegen Enbar und
Behadir Ali, der mongolische Statthalter von Bagdad, wider den
Abenteurer heran, der als der wahre Chalife seine alte
Residenz einzunehmen kam. Vor Enbar kam es zur Schlacht; der
Chalife ordnete die Turkmanen auf dem rechten Flügel, die
Araber auf dem linken, er selbst in der Mitte. Behadir's
Truppen ergriffen Anfangs die Flucht und stürzten sich die
meisten in den Euphrat; als aber eine Truppe Mongolen aus
einem Hinterhalte herbeiflog, wichen die Turkmanen und Araber,
und der Chalife verschwand. Wie der letzte der Chalifen des
Hauses Abbas zu Bagdad, war nun der erste der
Schatten-Chalifen aus demselben Hause zu Kairo unter dem
Schwerte der Mongolen gefallen. Der Nebenbuhler um diese
Schattenherrschaft, der Imam Hakim, welcher sein Geschlecht im
fünften Grade von Mosterschid, dem neun und zwanzigsten
Chalifen des Hauses Abbas, ableitete, flüchtete nach dieser
Schlacht nach Aegypten, wo ihn Beibars, dem es bequem und
angenehm, einen solchen Münzwardein der Legitimität unter
seinen Händen zu haben, die Abstammung desselben aus dem Blute
der Beni Abbas gerne anerkannte, ihn aber, den Geflüchteten,
im Palaste Menasirolkebesch, d. i. Belvedere des Widders, als
einen Staatsgefangenen ehrenvoll unterhielt. Sein Geschäft war
blos die Ertheilung der Investitur und der Diplome als Titel
der Rechtmässigkeit der Herrschaft; er empfing von dem damit
Belehnten Geschenke, und schattete so durch vierzig Jahre
unter dem Titel von Schatten Gottes auf Erden, Herrscher durch
Gottes Befehl, während er als Titular-Chalife nur ein Schatten
des ehemaligen Chalifen unter des Sklaven-Sultans Befehl. Er
selbst, nur ein Titelträger der Herrschaft, stempelte durch
die von ihm ausgehenden Diplome die Herrschaft moslimischer
Usurpatoren zur rechtmässigen; hierdurch gewann Beibars im
Angesicht der moslimischen Welt einen ungeheueren Vortheil
über Hulagu, dessen Herrschaftstitel auch nur das Schwert, wie
der des Sultans Aegyptens, weil er, nicht Moslim, nie vom
Chalifen als rechtmässig legitimirt werden konnte. Hakim war
der Stammvater der übrigen ägyptischen Chalifen aus dem Hause
Abbas, aus welchem mit ihm zwanzig durch dritthalbhundert
Jahre zu Kairo als Drahtpuppen der Sultane figurirten, bis
nach dem letzten derselben Selim der Erste, der Erbe Aegyptens,
ohne Recht der Geburt, nur als Eroberer Aegyptens, den
Chalifentitel annahm, der seitdem dem Titel der osmanischen
Sultane beigefügt, wie aus dem Gesagten erhellet, nur der
eines Schattens vom Schatten. |