Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Drittes Buch

Das Chalifat der Beni Abbas zu Kairo.

Beibars Bondokdar, der sich den Weg zum Throne durch doppelten Mord gebahnt, erst durch den Moaasem Turanschah's, des letzten Fürsten der Beni Ejub, und dann durch den des dritten Sultans der Mamluken, Kotos, war vor Allem bedacht, seiner Usurpation des Thrones den Mantel der Legitimität umzuhängen. Zu diesem Ende stellte er zu Kairo einen angeblichen Abkömmling des Hauses Abbas, Abulkasim Ahmed, welcher für einen Sohn Dahir's, des vorvorletzten Chalifen, ausgegeben ward, als Phantom eines Chalifen auf, der nur dazu diente, kraft seines angestammten Rechts als Chalife durch Verleihung von Titeln die Herrschaft desselben als legitim zu rechtfertigen. Zu Kairo ward feierlicher Einzug desselben veranstaltet, bei welchem die Ulema von Missr und Kahir den Koran, die Rabbinen die Bibel, die Christen das Evangelium voraustrugen. Vier Tage hernach ward in feierlicher Versammlung aller Ulema und Emire das Schauspiel des Beweises der vorgegebenen Abstammung aufgeführt, der angebliche Sohn Dahir's von Beibars als Chalife ausgerufen, und dieser hierauf von ihm, dem rechtmässigen Chalifen, als Sultan Aegyptens und Syriens belehnt. Der Chalife, mit dem schwarzen Mantel des Hauses Abbas angethan, bekleidete den Sultan mit eigener Hand, indem er ihm den Kaftan anzog und goldene Kette um den Hals gab. Beibars ritt auf einem Schimmel durch die Stadt und der Wesir und der Hofmarschall trugen abwechselnd das Diplom des Chalifen, auf ihren Händen über den Kopf emporgehalten, vor. Am nächsten Freitage predigte der Chalife in der Moschee, und als dem Sultan die Predigt zu lange währte, indem er fürchtete, dass der Chalife das Volk und das Heer sich selbst zuwenden könnte, liess er ihm Gold- und Silbermünzen über den Kopf schauern, womit die Predigt zu Ende. Nachdem Beibars durch die Investitur seinen Zweck erreicht, war ihm die Gegenwart des Chalifen überflüssig und konnte ihm sogar gefährlich werden; er setzte also das Schauspiel in noch grösserem Maasstabe fort, indem er ihm einen Hofstaat mit allen Titeln des alten Chalifenhofes beilegte und zweitausend Reiter mit einer Truppe Beduinen beigab, mit denen er zur Wiedereroberung Bagdad's, seiner Hauptstadt, ausziehen sollte. Ihn begleiteten die von Beibars mit den Fürstenthümern von Mossul, Sindschar und Dschesiret belehnten drei Söhne Bedreddin Lulu's. Am Ufer des Euphrats trat Elhakim, ein anderer Imam aus dem Hause Abbas, als Nebenbuhler um die Chalifenherrschaft auf. Bondokdar's Schützling zog mit Hilfe der ihm von diesem beigegebenen Truppen zu Aana und Hadise ein, welche ihm Anfangs ihre Thore gesperrt hatten; Hadise, das sich widersetzte, wurde mit Gewalt genommen, die Christen und Juden geplündert. Unterdessen zogen die mongolischen Befehlshaber Karabuga mit fünftausend Reitern gegen Enbar und Behadir Ali, der mongolische Statthalter von Bagdad, wider den Abenteurer heran, der als der wahre Chalife seine alte Residenz einzunehmen kam. Vor Enbar kam es zur Schlacht; der Chalife ordnete die Turkmanen auf dem rechten Flügel, die Araber auf dem linken, er selbst in der Mitte. Behadir's Truppen ergriffen Anfangs die Flucht und stürzten sich die meisten in den Euphrat; als aber eine Truppe Mongolen aus einem Hinterhalte herbeiflog, wichen die Turkmanen und Araber, und der Chalife verschwand. Wie der letzte der Chalifen des Hauses Abbas zu Bagdad, war nun der erste der Schatten-Chalifen aus demselben Hause zu Kairo unter dem Schwerte der Mongolen gefallen. Der Nebenbuhler um diese Schattenherrschaft, der Imam Hakim, welcher sein Geschlecht im fünften Grade von Mosterschid, dem neun und zwanzigsten Chalifen des Hauses Abbas, ableitete, flüchtete nach dieser Schlacht nach Aegypten, wo ihn Beibars, dem es bequem und angenehm, einen solchen Münzwardein der Legitimität unter seinen Händen zu haben, die Abstammung desselben aus dem Blute der Beni Abbas gerne anerkannte, ihn aber, den Geflüchteten, im Palaste Menasirolkebesch, d. i. Belvedere des Widders, als einen Staatsgefangenen ehrenvoll unterhielt. Sein Geschäft war blos die Ertheilung der Investitur und der Diplome als Titel der Rechtmässigkeit der Herrschaft; er empfing von dem damit Belehnten Geschenke, und schattete so durch vierzig Jahre unter dem Titel von Schatten Gottes auf Erden, Herrscher durch Gottes Befehl, während er als Titular-Chalife nur ein Schatten des ehemaligen Chalifen unter des Sklaven-Sultans Befehl. Er selbst, nur ein Titelträger der Herrschaft, stempelte durch die von ihm ausgehenden Diplome die Herrschaft moslimischer Usurpatoren zur rechtmässigen; hierdurch gewann Beibars im Angesicht der moslimischen Welt einen ungeheueren Vortheil über Hulagu, dessen Herrschaftstitel auch nur das Schwert, wie der des Sultans Aegyptens, weil er, nicht Moslim, nie vom Chalifen als rechtmässig legitimirt werden konnte. Hakim war der Stammvater der übrigen ägyptischen Chalifen aus dem Hause Abbas, aus welchem mit ihm zwanzig durch dritthalbhundert Jahre zu Kairo als Drahtpuppen der Sultane figurirten, bis nach dem letzten derselben Selim der Erste, der Erbe Aegyptens, ohne Recht der Geburt, nur als Eroberer Aegyptens, den Chalifentitel annahm, der seitdem dem Titel der osmanischen Sultane beigefügt, wie aus dem Gesagten erhellet, nur der eines Schattens vom Schatten.

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