Drittes Buch
Fars.
Fars, d. i. Persien im eigentlichsten und engsten Sinne,
der Kern des persischen Reichs, in welchem das Haupt desselben
die alte Persepolis, die Geburts- und Grabstätte des Cyrus,
ist als Vaterland persischen Namens, als Mutterland persischen
Stammes zu jeder Zeit seiner Geschichte, von der ältesten bis
zur neuesten, und folglich auch binnen des Jahrhunderts
mongolischer Herrschaft vor allen anderen Landschaften des
Reichs von vorwiegendem Interesse und Momente. Persien im
weitesten Sinne, d. i. Iran, das Ariene der Sendbücher, ist
das Paradies der Bibel, das zwischen den vier Flüssen des
biblischen Paradieses, dem Digloth (Tigris), Frat (Euphrat),
Gihon (Dschihun) und Phischon (Sihun), östlich und westlich
eingeschlossene asiatische Hochland. Persien im engsten Sinne,
d. i. Fars, ist die von Natur und Kunst vor allen anderen
Landschaften des Reichs am meisten ausgezeichnete südliche,
nördlich vom persischen Irak, südlich vom persischen
Meerbusen, östlich von der Sandwüste Kirmans, westlich vom
Gebirgslande Luristan begränzt, in welcher das paradiesische
Thal Schaab Bewwan, von den asiatischen Geschichtschreibern
als eines der vier Paradiese des Ostens gefeiert, die
Naturfeste Kalaaisefid, d. i. das weisse Schloss, schon aus
dem Schahname als der Sitz des weissen Diwe's bekannt, die
Ruinen der vierzig Säulen oder der vierzig Leuchtthürme, die
behauene Steinwand des Ebenbildes Rustem's, die der alten
Königsgräber, das Grab der Mutter Salomon's, d. i. das des
Cyrus (ein Felsengrab mit Pehlewiinschrift), die des Kerkers
und der Musikkapelle Dschemschid's, Felsengrotten mit
Inschrifttafeln in Pehlewi, die Sculpturen von Schabur, welche
den Triumph Schabur's über Valerian verherrlichen,
Königsgräber, Heldengrotten, Bergaltäre, Feuertempel und
mehrere andere solcher steinerner Ueberlieferungen der
ältesten Geschichte des Reichs. Ein von der Natur durch
mehrere Seltenheiten hochbegünstigtes Land, in welchem die
Rosen und der Wein von Schiras glühen, das reine Wasser von
Mossella fliesst, ein Land, das der Lebensfluss und der Kor
durchströmen, deren erster seinen Namen von den lebendigen
Bergwässern, dieser in der ältesten Zeit von Kyros, in der
mittleren vom grössten Fürsten der Dynastie Buje den Namen
hat; das Land, wo der königliche Berg der Gräber von
Persepolis und das vielfarbige Salzgebirge von Darabdscherd
sich erheben, wo zu Schiras die Berggipfel persischen
Dichterruhms in den Grabmälern von Hafis und Saadi. Persische
Baukunst und Dichtkunst haben in Fars ihre höchsten Triumphe
gefeiert, und ohne von der ältesten Geschichte zu sprechen, so
ist seit dem Aufblühen neupersischer Poesie und Literatur Fars
der Mittelpunkt derselben geblieben, bis erst in der jüngsten
Zeit sich dieselbe in dem Brennpunkte der nach Norden
übertragenen Hauptstädte von Teheran und Tebris gesammelt. In
den ersten drei Jahrhunderten der Hidschret blühte
morgenländische Dichtkunst und Literatur zwar zuerst unter der
Herrschaft der Beni Saman und Chorasan auf und erhielt sich
dort noch mit der Herrschaft der Seldschuken in bedeutendem
Flore; denn Fars wetteiferte hierin mit Chorasan schon unter
der Herrschaft der Beni Buje, und trug unter der der Salghuren
den ersten Preis davon, welcher demselben erst nach dem
Untergange dieser Dynastie, unter der Herrschaft der Ilchane
vom nördlichen Persien, wo die Residenz Tebris aufblühte,
streitig gemacht, in der Folge aber unter der Herrschaft der
Dynastien der Beni Mosaffer und Sseffi wieder errungen, und
bis in die neueste Zeit behauptet ward, wo der Lebensfluss
geistiger Kultur wieder den nördlichen Hauptstädten und
Residenzen Teheran und Tebris in seichteren Fluthen zufliesst;
also schon aus dem Gesichtspunkte der Kulturgeschichte allein
ist die Geschichte der Salghuren, welche ein Jahrhundert vor
der Herrschaft der Ilchane Fars beherrscht, von der höchsten
Wichtigkeit, indem dieselbe auch die Kulturgeschichte Persiens
während der Eroberung und der dreizehnjährigen Herrschaft
Hulagu's einschliesst. |