Drittes Buch
Mardin's Belagerung.
Nach Miafarakain's und Hossnkeif's Eroberung befehligte
Hulagu seinen Sohn Jaschmut und die ihm beigegebenen Emire
wider Mardin, die Residenz Melik Said's, des Fürsten der
Familie Ortok, von denen die ältere Linie zu Amid und auch zu
Hossnkeif geherrscht, ehe das letzte in den Besitz der
Ejubiden kam. Mardin ist das alte Marde, der Sitz des
kriegerischen, störrigen Stammes der Marden, welche der
persische König Arsaces theils hierher, theils nach dem
Libanon verpflanzte, deren Wohnsitze sich später bis nach
Satalia an der cilicischen Küste ausdehnten und deren
Nachkommen, im Peloponnesos angesiedelt, noch heute in dem
tapfersten Stamme der Schipetar oder Albanesen in den
Mirdaiten fortleben. Der Berg Masius, sogenannt von seinen
Eichenwäldern [auf persisch Masu, ehemals Izale, dann von den
Arabern Dschudi genannt, ist eine Raubhöhle der
verschiedenartigsten Stämme und Secten, welche zu
verschiedenen Zeiten die Freiheit ihres verfolgten Cultus in
die Eichenwälder und Schluchten dieses Berges gerettet, an
dessen steilstem Ende nach der moslimischen Ueberlieferung die
Arche Noah's sitzen geblieben und von wo aus er mit seinen
Söhnen in die Ebene Mesopotamiens heruntergestiegen sein soll.
Sunni und Schii, katholische und schismatische Armenier,
Jacobiten, Nestorianer, Chaldäer und Juden, Sonne-, Feuer-,
Kalbs- und Teufelsverehrer wohnen hier einander über den
Köpfen; denn die Stadt steigt in Terrassen auf und die Häuser
stehen alle eines ober dem anderen, so dass Dächer und Thore
in einer senkrechten Linie sich übereinander erheben; die
zahlreichste Bevölkerung Kurden, Jesidi, welche dem Teufel
göttliche Ehre erweisen, wahrscheinlich Nachkommen der Marden,
welche vermuthlich zur altpersischen Secte gehörten, die das
böse Princip anbetete. Wenn irgendwo in Asien noch Spuren der
Ungarn anzutreffen sein sollen, so dürften dieselben ausser
Sibirien noch in den Eichenwäldern des Masius in dem
Volksgemische der Umgegend zu suchen sein, denn hierherum
kennt Theophylaktus das Schloss der Magyaren und den Pass der
Sabiren, welche die Namen der Ungarn, die bei dem Auszuge aus
dem Lande zwischen der Wolga und dem Dniepr sich südlich nach
Persien wandten. Melik Said, Fürst der Familie Ortok,
beantwortete mit gleichem Muthe und in gleichem Sinne, wie die
Herren von Miafarakain und Hossnkeif, die Aufforderung
Jaschmut's: „Ich hatte den Sinn, mich euch zu unterwerfen,
aber die Art, wie ihr die, so sich euch ergaben, behandelt,
hat meinen Sinn geändert; an lobenswerthen, an tapferen Kurden
und Türken fehlt es mir, Gott sei Dank! nicht.“ Oroktu
pflanzte also die Wurfmaschinen auf, welche acht Monate
fruchtlos die steile Bergfeste beschossen. Die Mongolen
rächten sich für den tapferen Widerstand des Schlosses durch
die Plünderung der Stadt und der nächstgelegenen Städte Ersen
und Dinsar. Der ältere der beiden Söhne Said's, Mosafereddin,
hatte zu wiederholtenmalen dem Vater fruchtlose Vorstellungen
wider die längere Vertheidigung gemacht; endlich räumte er
dessen längeren Widerstand durch Gift aus dem Wege und begab
sich in's Lager, sich selbst als Vatermörder aus Menschenliebe
angebend, weil er überzeugt, dass das Schloss doch endlich der
Uebermacht der Eroberer weichen müsse, durch den Tod des Einen
das Leben von Tausend habe bewirken wollen. Der Vatermörder
fand Gnade vor Hulagu, der ihm des Vaters Herrschaft verlieh;
seine Nachkommen erhielten dieselbe als zahme Vasallen der
Ilchane. Hundert dreissig Jahre nach dieser Unterwerfung
trotzte Sultan Isa, der letzte des grossen
Herrschergeschlechtes der Beni Ortok, noch den welterobernden
Waffen Timur's, der von den fruchtlos Belagerten die
gewöhnliche Neunzahl der Geschenke und das Versprechen
jährlichen Tributs annahm. Die Dynastie der Beni Ortok erlosch
fast gleichzeitig mit der der Beni Ejub zu Hossnkeif, wo nach
Mowwahid's Hinrichtung dessen Nachkommen das Schloss ebenfalls
als Vasallen der Mongolen besassen, bis der achte derselben
der aufsteigenden Dynastie der Bajandere, d. i. des weissen
Hammels, erlag, deren Gründer Kara Juluk, d. i. der schwarze
Blutegel, von Timur mit der Herrschaft von Amid und Mardin
belehnt ward. Zwei der Zweige der Beni Ejub wurden also als
Vasallen der Mongolen zu Hossnkeif und Himss geduldet, während
die Dynastien der beiden anderen von Miafarakain und Haleb mit
ihren Hauptstädten zu Grunde gingen. Ehe wir das Ende des
mächtigsten dieser Fürsten, nämlich Nassir's von Haleb, als
Folge der Niederlage von Aindschalut erzählen, erwähnen wir
noch einmal des Fürsten von Mossul. |