Drittes Buch
Marsch bis Haleb.
Nachdem Hulagu den Sommer in Mesopotamien verweilt, trat er
erst im Herbste des Jahres zwölfhundert neun und fünfzig
seinen Marsch nach Syrien an. Auf vier Punkten wurden Brücken
über den Euphrat geschlagen; diese vier Orte sind noch heute
die betretensten gewöhnlichen Uebergangspunkte, nämlich zu
Malatia, Kalaatol Rum, Bire und Kirkesia, alle vier als
Uebergänge des Euphrats schon aus der römischen und
byzantinischen Kriegsgeschichte bekannt. Malatia, das alte
Melitene, Kalaatol Rum, d. i. das Römerschloss, an der Stelle
des alten Zeugma, d. i. der Brückenverband, Bire, das alte
Birtha, und Kirkesia, ganz unverändert das alte Kirkesion. Das
erste Blutbad hatte zu Menbedsch, dem alten Hierapolis, statt,
dessen heutiger Name aus dem alten Bambyce verstümmelt; die
beiden alten Namen enthalten schon statistische und
historische Kunde der Stadt, die berühmt durch ihre
Baumwollpflanzungen und ihre Tempel, besonders den der
Astarte, der grossen syrischen Göttin, vor welchem sich
vereinzelte Thürme erhoben, Thürme, die heute Minarete, d. i.
Leuchtthürme, genannt, ursprünglich Phallische Sinnbilder der
Zeugung. Von hier aus wurden die Castelle am Euphrat, deren
Einwohner alle unter dem Schwerte fielen, mit Besatzungen
versehen, nämlich: die Schlösser Nedschm, Rakka und Dschaaber.
Nedschm heisst das Sternschloss; Rakka hat in der römischen
und griechischen Kriegsgeschichte als Kalinike oder
Nicephorium schönen Sieg verkündenden Namen, Dschaaber aber in
der osmanischen die grösste Wichtigkeit, weil hier dreissig
Jahre vor dem Uebergange Hulagu's über den Euphrat Suleiman,
der Grossvater Osman's, des Gründers des osmanischen Reichs,
als er von Chorasan, vor dem Heere Tschengischan's
auswandernd, flüchtete, hier bei'm Uebergange über den Euphrat
vom steilen Ufer in den Fluss stürzte und ertrank, wo seine
Grabstätte noch heute unter dem Namen des Türkengrabs geehrt
wird. Noch im October streiften ungeheuere Schaaren bis in die
Nachbarschaft von Haleb, wo ihnen Moaasem, der Sohn Nassir's,
der Urenkel des grossen Ssalaheddin, entgegen kam, aber von
ihnen geschlagen in die Stadt floh. Abtheilungen des Heeres
rückten vor Maarretnaaman, Hama und Himss, welche sich
ergaben; die Sultane der beiden letzten Städte waren nach
Aegypten entflohen, so auch Melik Nassir, der Sultan von Haleb,
welcher sich in das innerste Syrien, nach Schaubek und Kerek,
gerettet. Damaskus ergab sich gutwillig, aber Haleb wurde von
Hulagu belagert. Er selbst lagerte vor dem westlichen Thore,
das nach Antiochien führt, Oroktu Nujan vor dem Thore der
Juden, Keitbuka Nujan vor dem Thore der Griechen und Sundsche
Nujan vor dem südlichen Thore von Damaskus. Vor dem Judenthore,
das auch Thor der Freude heisst, ist ein grosser alter Stein,
bei welchem Juden und Christen schwören; ausser demselben
wallfahrtet der Moslim zu Haleb noch zu zwei Stätten Chiser's,
des Hüters des Lebensquells, dessen Legende in Syrien mit der
des heil. Georg zusammengewachsen, und zu zwei Stätten
Abraham's, dessen Heerden hier gemelket worden sein sollen,
eine Legende entstanden aus der Verstümmelung des alten Namens
Chalybon in Haleb, was auf arabisch Milch heisst. Haleb ist
durch seine Früchte, sowie durch seinen Handel von jeher
berühmt gewesen, durch seine Gurken, Wassermelonen, Feigen,
Aprikosen, vorzüglich aber durch seine Pistazien, welche der
Araber die Tochter des Gedächtnisses nennt, weil sie gegessen
das Gedächtniss stärken sollen; als Niederlage indischer
Waaren wird Haleb auch das kleine Indien genannt. |