Erstes Buch
Aberglaube und Gebräuche.
Von dem Aberglauben ist bereits des das Donnerwetter
betreffenden erwähnt worden; wie sie glaubten, dass die Kamen
es beschwören könnten, so auch, dass es in ihrer Macht stände,
mittels des Regensteines, Dschade (welcher schon von Japhet
her vererbt war), Regen zu machen, und die Dschededschi, d. i.
die Regenmacher, vertraten bei dem mongolischen Heere die
Stelle der Auguren des römischen. Zauberei wurde geübt, weil
geglaubt, und war, wenn die Person des Herrschers mit ins
Spiel kam, Majestätsverbrechen. Um sich wider die Wehen der
Zauberei zu bewahren, mussten die zu Reinigenden zwischen zwei
Feuern durchgehen, die polnischen und russischen Gesandten und
die des Papstes im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert,
wie schon fünf und sechs Jahrhunderte früher der byzantinische
Gesandte Zemarchos am Hofe des Königs der Türken durchs Feuer
gereinigt ward. Ihre Wahrsager wahrsagten besonders aus den
Schulterblättern der Schafe; sie schwuren bei dem Blute
geschlachteter Thiere, bei der in den Strom gestampften Erde,
bei den abgehauenen Bäumen, bei dem Fleisch und Blut ihrer
Herrscher, aber nicht im Namen Gottes. Ehe die Lehrer des
Budhismus und des Islams die Mongolen bekehrten, verehrten sie
ein höchstes Wesen, von Marco Polo Natagai, von Ssetsen
Hormusda genannt; das letzte ist gewiss der Hormusd der Maghen,
das erste vielleicht nur die Verstümmelung des türkischen
Wortes Onggan, d. i. Gott. Sie beteten die Sonne und Sterne
sammt den Elementen an, und weihten diesen ihren Göttern, ehe
sie assen, Speise und Trank. Bei dem Gebete wurden die Gürtel
gelöst und über die Schulter geworfen, wie Tschengischan
gethan, als er in der Nacht hinaus ging auf den Berg, um den
Beistand des Himmels zu erflehen wider den Herrscher des
himmlischen Reichs auf Erden. Einer der grössten Lobsprüche,
welche ihm die Geschichte zollen muss, ist seine Duldung gegen
alle Religionen. Uighurische Kamen und chinesische Bonzen
hielten vor ihm Controverse, die Budhapriester erhielten die
Erlaubniss, ihre Burhanenbilder aufzustellen, aber die Kamen
blieben in nicht minderem Ansehen; neben ihnen wurden die
Priester aller anderen Religionen, namentlich die Arghaun, d.
i. die Christlichen, der Nestorianer geduldet. Zu Bochara war
Tschengischan zwar in die Moschee geritten, stieg aber, als er
hörte, das sei Gottes Haus, vom Pferde auf die Kanzel und
ertheilte die Befugniss der allgemeinen Plünderung mit den
Worten: Das Feld ist gemäht, gebt euren Pferden zu fressen,
worauf die Korane unter die Hufe der Pferde getreten wurden
und der Wein die Flur der Moschee überschwemmte, während die
Imame oder Scheiche als Stallknechte die Pferde warten
mussten; aber hingegen hatte er in der kleinen Bucharei, wo
Kuschluk der Naimane den Islam unterdrückt, die freie Ausübung
desselben gestattet. Diese allgemeine Duldung blieb
Herrscherprincip der Kaane und auch der persischen, und selbst
noch zum Theile nach ihrer Bekehrung zum Islam. Ausser dem
grossen Schmiedefest am neuen Jahrestag wurde alljährlich auch
das des Geburtstages des Chan's, sowie die Thronbesteigung
desselben mit Trinkgelagen gefeiert. Bei diesen Gelagen gab
einer der Diener das Zeichen, indem er Ha! schrie, zum Beginne
der Musik; der Cythernspieler begann sein Spiel, die Männer
tanzten vor dem Herrn, die Weiber vor der Frau des Hauses,
Alle in die Hände klatschend. Nachdem der Hausherr getrunken,
schrie der Diener wieder Ha!, der Cythernspieler verstummte,
und nun tranken alle Gäste unter Gesang, der aber mehr ein
Geheul. Bei diesen Trinkgelagen wurden die Preise der
Tapferkeit vertheilt, und dieselben leben noch zum Theil in
den kalmukischen Uerrus fort. Das Seitenspiel zu diesem Harufe
ist das Zetergeschrei von Morio als Mordio, das sie während
des Pferderennens oder Pfeilschiessens erhoben, indem sie die
Hände ausstreckten. Im Kriege vermieden sie so viel als
möglich das Gefecht von Mann zu Mann und suchten nur im
Fliehen zu verwunden oder zu tödten; den Belagerten sicherten
sie Schonung des Lebens und Eigenthums zu, hielten aber fast
niemals Wort; die Besatzungen metzelten sie alle nieder und
schonten manchmal nur der Künstler und Handwerker, die sie in
die Sklaverei mit sich schleppten. Bei der Todtenzählung nach
Schlachten oder Gefangnengemetzel wurde nach jedem
geschlachteten Zehntausend Ein Leichnam mit dem Kopfe zur
Erde, mit den Füssen in die Höhe als Trophäe aufgerichtet. Bei
den Begräbnissen ihrer Fürsten wurden ihre Sklavinnen oder
Beischläferinnen geschlachtet, wie schon Terxanthes, der Fürst
der Türken, gefangene Hunnen am Grabe seines Vaters
geschlachtet. Bei dem Begräbnisse wurde gewöhnlich dem Todten
ein Hengst, Stute oder Füllen mit ins Grab gegeben mit Sattel
und Zeug, damit er im anderen Leben sogleich beritten sei,
damit es ihm an Stutenmilch nicht fehle; ein anderes Pferd
wurde zum Todtenmal geschlachtet und dann ausgestopft über dem
Grabe aufgestellt; die Gräber der Vornehmen waren aus Stein,
Häuser der Todten, nur Tschengischan hatte noch bei seinen
Lebzeiten geboten, sein Grab geheim zu halten und ihn ohne
Maal zu begraben unter einem grossen Baume im Walde von Burhan
Kaldun. |