Erstes Buch
Charakter und Sitten der Mongolen.
Ehe wir von Tschengischan zur Geschichte seiner Nachfolger,
Herrscher der Mongolen, übergehen, nur noch ein Paar Worte
über den Charakter und die Sitten des Volkes. Die beste und
kürzeste Schilderung derselben liegt im Namen Mongol selbst,
sei es, dass derselbe, wie die persischen Quellen sagen, trübe
und traurig, sei es, dass er, wie ein mongolischer
Geschichtschreiber behauptet, trotzig und unerschrocken
bedeute. Es hat mit dem Namen der Mongolen dieselbe
Bewandtniss, wie mit dem der Slaven, welchen die Fremden von
Slavo: schwach und feige, die Eingebornen von Slaba: Ruhm und
Glanz, abgeleitet haben; wie dem auch sei, der Charakter der
Mongolen entspricht der doppelten Angabe der Bedeutung ihres
Namens, sie sind eben so ein trübes und trauriges, als
trotziges und unerschrockenes Volk. Die Traurigkeit und
Schwermuth spricht sich schon in den Klaggesängen, welche vom
mongolischen Geschichtschreiber Ssetsen aus der ältesten Zeit
her erhalten sind, in der wehmüthigen Sehnsucht nach den Ufern
des Onon und Kerulon, sowie in den Volksliedern der heutigen
Mongolen aus; ihre Tapferkeit hat sich Asien unterworfen und
Europa zittern gemacht, ein trauriges barbarisches Volk, das
erst Tschengischan durch das Beil und die Prügel gesittigt,
und das durch Raubsucht und angeborenen Sklavensinn das
tüchtigste Werkzeug zur Welteroberung; „sie hatten das Herz
des Löwen, die Geduld der Hunde, die Behutsamkeit des
Kranichs, die List des Fuchses, die Vorsicht des Raben, die
Raubsucht des Wolfes, die Heftigkeit der Hahnen, für Familie
sorgend wie Hühner, die Ruhe der Katzen, die Heftigkeit im
Anfall vom Schweine“, welche Eigenschaften der Morgenländer
dem vollkommenen Krieger insgemein beilegt; man könnte aber
auch sagen, dass sie alle Eigenschaften der zwölf Thiere ihres
Jahrescyclus in sich vereinten, dass sie diebisch wie Mäuse,
stark wie Stiere, raubsüchtig wie Panther, vorsichtig wie
Hasen, listig wie Schlangen, schrecklich wie Drachen, muthige
Renner wie Pferde, folgsam wie Schafe, kinderliebend wie
Affen, familiensorgsam wie Hühner, treu wie Hunde, unrein wie
Schweine; der Cyclus ihres Jahres war das Sinnbild ihres
sittlichen Gesichtskreises. Mittler Statur, breit von
Schultern, stark vom Rücken, hervorragender Brust und
eingezogenen Bauchs, von grauen und braunen Augen, die aus
schiefen Winkeln hervorglotzen, von breiten olivenfarbenen
Wangen, Stumpfnasen, dicken Lippen, spärlichen Barthaaren,
aber wucherndem Haarwuchse auf dem Kopfe, dessen Vordertheil
vom Scheitel bis zu den Ohren hufeisenförmig geschoren;
leicht, flink, mit ihren Pferden wie Centauren
zusammengewachsen; gewandte Bogenschützen, wie einst die
Parther, nie gefährlicher als im Fliehen, mit Kampf und Beute
gesättigt noch immer nach Kampf und Beute durstend, undankbar,
schmutzig, grob, raubsüchtig, grausam, aber leibeigen,
wahrheitsliebend, prunkhassend, tapfer und blindlings
gehorsam, Niemand war ihnen Freund, aber sie hassten der
Denuncianten scheussliche Brut. Ihre Nahrung: Hirse, Haiden
und Fleisch von allen Arten, am liebsten das des Pferdes, aber
auch Mäuse, Hunde, Katzen und sogar gebratenes
Menschenfleisch; das Fett leckten sie von den Fingern und
schmierten damit ihre Stiefel. Ihr liebstes Getränke:
Stutenmilch sammt dem daraus gezogenen, gegohrnen,
berauschenden Kumis und Meth; ihre Kleider aus Thierfellen
genäht, ihre Waffen aus Eisen geschmiedet, ihre Kopfbedeckung
eine dreieckige, am Rande verbrämte Mütze, der sogenannte
tatarische Hut, die der Frauen eine ellenhohe Pyramide aus
leichtem Holz, deren Obertheil mit Pfauenfedern und Juwelen
geschmückt, mit einem Flore bedeckt, welcher Baghtak hiess,
woraus die Missionäre Botta, die Venezianer Bauta gemacht. Die
Weiber, deren grösste Schönheit die kleinste Nase, wie bei den
Chinesen der kleinste Fuss, bereiteten den Kumis und die
getrocknete sauere Milch, welche Kurut hiess; sie verfertigten
alle Arten der Hausgeräthe, Kleider, Zelte, Reitzeug, Schilde,
Schuhe, Socken, Betten, die vermählten mit weissem, bis auf
die Brust reichenden Schleier verhüllt, ihre ledernen
aufgeschlagenen Oberkleider hielt ein Gürtel um die Brust
zusammen. Die Frauen, deren Zahl nur durch die Lust des Mannes
oder durch seine Mittel, sie zu erhalten, beschränkt war,
genossen grossen Ansehens und Einflusses, besonders die Mütter
und die Stiefmütter, deren der Sohn nach des Vaters Tod
gewöhnlich sich einige als Gemahlinnen aneignete. Sie
glaubten, dass der Mann in jenem Leben seine Weiber wieder
finde, aber damit der Herrscher bis zu ihrem Hinscheiden im
anderen Leben nicht langweile, sandten sie ihm seine
Beischläferinnen, dieselben schlachtend, ins Grab nach. |