Erstes Buch
Die Familie Tschengischan's.
Man kennt insgemein nur die vier Söhne Tschengischan's:
Dschudschi, Dschaghatai, Ogotai und Tuli, die Stammväter der
vier nach ihnen genannten Uluse aus der Konghuratin Burte
Fudschin; aber Tschengis hatte noch vier andere Söhne: Kulkan
oder Gulgan aus Kulan Chatun, der Tochter Tairosun's, des
Fürsten der Merkit, und drei, die als Kinder gestorben; seine
sechs Töchter, von denen er vier an die Prinzen feindlicher
Stämme vermählte, um die alte Feindschaft zu sühnen, und nur
zwei an befreundete Fürsten, nämlich: Alakabegi an den Fürsten
der Ungkut, welcher ihm den Durchgang der grossen Mauer
geöffnet, und Kalbi an Idikut, den Fürsten der Uighuren, der
ihm gehuldigt, so dass er ihn nicht anders als seinen fünften
Sohn nannte. Das Frauengemach Tschengischan's war mit einem
halben Tausend von Weibern und Mädchen bevölkert, aber von
diesen fünfhundert hatten nur fünf den Titel von grossen
Frauen, als die fünf Centurionen dieser fünf Weibercenturien,
nämlich: 1. Burte Fudschin, die Tochter des Stammhauptes der
Konghurat, Mutter der vier Söhne, Gründer der vier Uluse; 2.
Kulan Chatun, die Tochter Tairosun's, des Fürsten des
feindlichen Stammes der Merkit, Mutter des Sohnes Gulgan; 3.
die beiden Tatarinnen, Schwestern, Jesulat und 4. Jesulun; 5.
Kundschu, die Tochter des chinesischen Kaisers, welche keine
Kinder hatte und in deren Lager sich die durch ihre Schönheit
berühmte Hogutai befand; als die nächsten an diesen fünf
grossen Frauen sind fünf andere von der Geschichte bezeichnet,
nämlich die Tochter des viermal mit Krieg überzogenen Fürsten
von Tanghut, die Tochter Tajangchan's, des siebenmal besiegten
Fürsten der Naiman, die Naimanin, Mutter des Sohnes
Dschurdschetai, die Tatarin, Mutter des Sohnes Urdschahan, und
endlich Abika, die Tochter Hakembu's, des Fürsten der Kerait,
welche Tschengischan durch ein Traumbild erschreckt, dem
Vertrauten Kehti Nujan, der in dieser Nacht die Nachtwache
hielt, mit allen ihren Schätzen und Pagen schenkte, und als
Andenken von ihr nur den Becher, worin sie mit ihm Kumis, d.
i. Stutenmilch, getrunken, und von ihrem Gefolge einen
Tafeldecker zurückbehielt. Sollte den Barbaren vielleicht die
Ahnung einer Neigung zwischen der Prinzessin und dem
Leibwächter zum grossmüthigen Opfer dieser Abtretung bewogen
haben? oder hat ihm dieselbe wirklich ein Traum abgeschreckt?
selbst in diesem Falle ist das zurückbehaltene Andenken eine
ganz unerwartete Spur menschlichen Gefühls in der Brust eines
Wütherichs, wie Tschengis, der schon als Knabe, ehe er noch
dreizehn Jahre alt, in Gemeinschaft mit dem Bruder Belgutai
den Bruder Belter erschlug; die überlebenden vier Brüder
Temudschin's sind Belgutai, sein Theilnehmer am Brudermord,
Kodschuiu, dessen Sohn Iltschidai einer der treuesten und
eifrigsten Diener des Oheims, auf dessen Wink er den
gefangenen Todfeind Dschamuka zerhieb; der jüngste, Temengu
Uldschigin, d. i. der Feuer- oder Herdhüter (seine Mutter war
die Olkunutin Usedenu, Verwandte der Mutter Tschengischan's),
ein grosser Bauliebhaber, der überall, wo er hinkam, baute,
und so viel es in seinen Kräften stand, – wenigstens dem
Willen nach gutmachte, was der Zerstörungstrieb des Bruders
Eroberers verheerte; endlich Dschudschi Keser, wegen seines
athletischen Körperbaues und seiner Stärke der Löwe beigenannt;
seine Brust war so hoch gewölbt, sein Bauch so zurückgezogen,
dass, wenn er worunter lag, ein Hund unter dem Bauche
durchlaufen konnte, seine Stärke so gross, dass er gefangene
Feinde wie Pfeile in die Hand nahm, indem er ihnen den
Rückenwirbel wie Pfeile zerbrach. Er war der starke Helfer
Tschengischan's, der ihn auszeichnete, aber auch ein Paarmal
mit ihm unzufrieden, die Beweise seiner Zufriedenheit und
Unzufriedenheit, die erste ehrenvoll und die zweite
nachtheilig, auf die Nachkommen desselben vererbte. Als
Merkmal der Zufriedenheit seiner in dem Kriege wider die
Naiman bewiesenen Tapferkeit räumte Tschengis allen Nachkommen
des Oheims das Recht ein, wie die Prinzen Söhne auf der
rechten Seite des Thrones zu sitzen, während alle andere
Verwandte des Hauses auf der linken Seite mit den Emiren; aber
als in dem Kriege wider die Kerait Dschudschi Keser zu spät
kam und zur Zeit des Mahles auf sich warten liess, sagte
Tschengischan: „So erscheinen Mücken, nur wenn sie die Sonne
bescheint, und verschwinden, sobald sie sich versteckt; der
Thautropfen will, so klein er ist, mittels der Leiter der
Sonnenstrahlen zum Himmel steigen.“ In seinem Unwillen gab er
die unverbrüchliche Satzung, dass kein Glied der Familie
Dschudschi Keser's je der Chanschaft würdig geachtet werde,
und erniedrigte also alle Nachkommen desselben für alle
künftige Zeiten zu blossen Emiren Karadschu, d. i.
unterthänigen Fürsten. |