Erstes Buch
Die Feinde Temudschin's bis zu seiner ersten
Thronbesteigung.
Der Jugendfreunde Temudschin's ist schon oben bei den
Stämmen Erwähnung geschehen; seine Feinde können in vier
Klassen getheilt werden, erstens die persönlichen
unversöhnlichen; zweitens die besiegten und zum Theile,
wenigstens dem Scheine nach, versöhnten Stämme; drittens die
sich Herrschaft anmassenden Nebenbuhler um den Thron, und
viertens, nachdem Tschengischan denselben bestiegen, die
reichsgefährlichen feindlichen Mächte. Der erbittertste seiner
persönlichen Feinde ist Dschamuka Sasan, d. i. der Listige,
der Fürst der Dschadscherat, dessen List ihn mit Owangchan
entzweite und die Anregung der Verschwägerung herbeiführte,
welche dann der nächste Anlass des Krieges zwischen Owangchan
und Tschengischan. Er machte gemeinsame Sache mit Taidschuten,
welchen alsbald nach dem Tode Jisukai's der Stamm der
Konghuraten und der mit ihm verwandten zugefallen waren. Von
den Taidschuten hatte Tschengischan die grössten Unbilden
seiner Jugend zu erleiden, die Sklaverei, aus der ihn Schurkan
Schire, der Sulduse, gerettet, und der Blutsturz, die Folge
von zwölf ihm an den Hals geschossenen Pfeilen, dessen
Todesgefahr die Freunde Burghudschi und Burghul abgewendet;
solche Unbill und Schmach büssten sie in den siebzig Kesseln
gesotten. Nach den Taidschuten waren die unerbittlichsten der
Feinde die Tataren und Merkiten, wider welche Tschengis, sowie
wider die Taidschuten, den Krieg bis zur Vertilgung führte,
die höchsten der Frauen schonend, die er als Frauen und
Beischläferinnen in sein eigenes Frauengemach nahm oder den
Söhnen überliess. Dem ältesten Sohne Dschudschi zürnte er
unversöhnlich, weil dieser dem jüngsten Sohne Tuktabeg des
Fürsten der Merkit als einem trefflichen Pfeilschützen das
Leben retten wollte. Von dem sechsgetheilten Stamme der
Tataren waren zuletzt auf Fürbitte der beiden Schwestern
Tatarinnen, Gemahlinnen Tschengischan's, nur dreissig Familien
das Leben gerettet, und vom Tataren Kuli, welchem eben diese
beiden Frauen als Kind das Leben erbeten hatten, in ein
Regiment organisirt worden. Die Taidschuten waren das erstemal
zu Baldschusch in der Niederlage der siebzig Kessel. zum
zweitenmale von Temudschin und Owangchan zu Kisiltasch, d. i.
am rothen Steine, geschlagen worden; mit ihnen verbündeten
sich aus den Naimanen, den nächsten Stammverwandten
Temudschin's, die Stämme Katagin, Saldschiut, Durbin und
Konghurat, ihr Bündniss durch das fünffache Opfer eines
Pferdes, Stiers, Widders, Hundes und Bockes beschwörend; die
Fürsten, welche mit Tschengischan um die Oberherrschaft der
Mongolen buhlten, waren Dschamuka, der Fürst der Dschadscherat,
Olak Odur, der Fürst der Merkiten, Sidschebeg, der Fürst der
Kijat, Burkin, der nächste Verwandte Temudschin's, und
Dschudschi Kasar, der Oheim desselben. In diese Epoche fällt
die Unzufriedenheit Temudschin's mit dem Oheim, der Anlass
aber des Abfalls des Vetters Sidschebeg war der folgende. Bald
nach dem ersten Siege über die Taidschuten gab Temudschin
seiner Mutter Ulun Ike, seinen Brüdern Dschudschi, Bilkuti und
Utdschigin ein Fest, bei welchem sich auch Sidschebeg, das
Haupt des Stammes der Kijat Burkin, mit seiner grossen und
kleinen Mutter, d. i. mit seiner wahren und Stiefmutter,
einfand; die Mutter fand sich beleidigt, weil Sijudscher, der
erste Tafeldecker Temudschin's, die Stutenmilch ihr nicht der
ersten vorgesetzt; sie schlug ihn desshalb, und als auch bald
hierauf Bilgutei beleidigt worden, kam es zwischen den
Knechten Temudschin's und Sidschebeg's zum Handgemenge, die
beiden Frauen wurden gefangen, hernach wieder freigegeben,
aber Sidschebeg trennte sich mit seinem ganzen Stamme vom
Hause Temudschin's und trat wider ihn mit gewaffneter Hand als
Anmasser der Oberherrschaft auf. Die obgenannten verbündeten
Stämme riefen den Dschamuka zum Oberherrn mit dem Titel
Gurchan, d. i. des grossen Herrschers, aus. Sie verschworen
sich abermal am Ufer der Tula, indem sie mit ihren Füssen die
Erde des Ufers in den Fluss stampften und mit ihren Säbeln das
Gesträuch abhieben: „dass der Verräther wie diese Erde
zerstampft, wie dieses Gesträuch niedergehauen sei!“
Temudschin schlug die sieben Stämme zu Jedi Gurgan, d. i. bei
den sieben Grabmalen, was ein als ihre Grabstätte, Unglück
vorbedeutender Namen; als er hierauf auch die Tataren und
Naimanen geschlagen. unterwarfen sich die Konghurat, der
nächste der Stämme der Naimanen, und Temudschin bestieg als
grosser Herrscher derselben den Thron. |