Erstes Buch
Gujuk's Thronbesteigung.
Durch vier Tage wechselten die Prinzen und ihr Gefolge den
Anzug, indem sie am ersten Tage in weissen Kleidern, am
zweiten in rothen, am dritten in violeten, am vierten in
scharlachfarbenen erschienen; zwei Eingänge führten zum
grossen Wahlzelte, in welchem Raum für zweitausend Personen;
einer der Eingänge unbewacht, nur für den Herrscher; der
andere von Bogenschützen besetzt, welche die, denen der
Eingang nicht gestattet war, abwehrten. Die Thronbesteigung
sollte schon am Tage der Himmelfahrt Mariä statthaben, ward
aber ob eines fürchterlichen Hagels und Schneegestöbers
(welches in der Hälfte Augusts für die Rauheit des Klima's im
Gebirge von Karakorum zeugt und den mongolischen
Volksaberglauben der donnerbeschwörenden Uriankuten und der
hagelmachenden Schamanen erklärt) bis an den Bartholomäustag
verschoben. 24. August 1246. Turakina hatte für ihren Plan,
den Thron ihrem ältesten Sohne Gujuk zuzuwenden, die Stimme
Sijurkukteni's und ihrer Söhne gewonnen, und der Minister
Kaidak, Chinese, wie Tschinkai, leiteten die Wahl. Gujuk, von
heftigem und wankelmüthigem Sinne, verstand sich zur Annahme
des ihm von der Mutter bestimmten Thrones nur unter der
Bedingniss, dass die Fortdauer der Herrschaft in seinem Uluse
beschworen werde. Der Vertrag ward mit der Formel
unterzeichnet: „dass, so lange vom Stamme des Kaan's ein Stück
Fleisch übrig, an der Herrschaft kein Anderer Theil nehmen
solle“. Dem Gujuk, wiewohl noch nicht zum Herrscher
ausgerufen, wurden schon ausschliessliche Ehren erwiesen; wenn
er aus seinem Zelte ging, traten ihm Sänger vor und die
Hofdiener neigten vor ihm ihre Ceremonienstäbe mit den rothen
Quasten. Als man endlich mit dem Wahlvertrage im Reinen, hatte
die Feierlichkeit der Thronbesteigung statt. Gujuk wurde auf
einen goldenen Stuhl gesetzt, und die Prinzen und Nujanen
erklärten, dass sie ihn zum Herrscher wollten. Gujuk fragte:
ob sie bereit, seinem Worte zu gehorchen, zu gehen und zu
kommen nach seinem Befehl und zu tödten auf seinen Wink? und
als sie dies bejaht, sagte er: So wird dann künftig sein mein
Wort als Schwert. Sie gaben ihre Zustimmung, setzten ihn vom
goldenen Stuhle auf eine Filzdecke auf die Erde und sagten:
Schaue auf zu Gott im Himmel und nieder auf den Filz zur Erde;
wenn du gut regierst, wenn du gerecht, freigebig, die Prinzen
und Freiherren ehrst, wird dir die Erde unterthan sein nach
deinem Willen; im Gegentheil wirst du arm, verachtet und elend
sein und nicht einmal der Filz wird dein gehören, auf dem du
sitzest. Dann setzten sie neben ihn seine Gemahlin
Oghulkaimisch die Merkitin, hoben sie beide auf dem Filze
empor und riefen ihn als Chakan und Moilchan und sie als
grosse Frau der Mongolen aus. Die Mützen flogen in die Luft,
die Gürtel wurden über die Schulter geworfen, die ganze
Versammlung beugte neunmal das Knie, drei Becher von
Stutenmilch, Wein und Meth wurden ihm dargebracht, und als er
aus dem Zelte ging, fiel das versammelte Volk und Heer dreimal
vor ihm nieder; sieben Tage dauerte das Fest, während welches
vom Zelte des Chakan's Fleisch und Salz und Stutenmilch
ausgetheilt ward. Die Frauen hatten ihre Sitze links des
Thrones, auf der rechten Seite standen nur die Prinzen; die
Nujanen hatten ihre Sitze inmitten des goldenen Thronzeltes;
die der Frauen waren von weissem Filz; die Diplome wurden
erneuert, die Jurte und Privilegien bestätigt, die
Statthalterschaften vertheilt. Die Feldherren Subutai Behadir
und Dschaghan wurden nach China, Iltschikidai mit einem
schweren Heere nach Westen zur Schlichtung der Angelegenheiten
Rum's und Georgien's abgeordnet, dem Arghun wurde die
Reichshut wider die Schlösser der Assassinen in Chorasan und
Kuhistan aufgetragen, die Gesandten von Alamut und die des
Chalifen wurden mit drohenden Briefen entlassen, indem über
den Fürsten der Assassinen Arghun, der Statthalter von
Chorasan, über den Chalifen sich Schiramun, der Sohn
Dschurmaghun's, des vormaligen Feldherrn in Persien, beklagt
hatten. Die Finanzverwaltung von China war in den Händen
Abderrahman's; Mesud, der Sohn von Jelwadsch, behielt die
Verwaltung Turkistan's; die Wesirschaft war zwischen den
beiden Chinesen Tschinkai und Kaidak getheilt, unter denen die
nestorianischen Priester hoch das Haupt empor trugen und auf
deren Einfluss die Missionäre des Papstes die Hoffnung der
Bekehrung des Chan's zum Christenthume bauten. Turakina starb
schon zwei Monate nach ihres Sohnes Thronbesteigung, und ihre
Günstlingin Fatima ward unter der Anklage, dass sie dem
Prinzen Kulan, dem Bruder des Chan's, eine Krankheit
angezaubert, als Zauberin ertränkt. Im Frühjahre des zweiten
Jahres seiner Regierung ging Gujuk von Karakorum gegen Imil,
sein Stammgebiet; die Wittwe Tuli's sandte hievon Batu, dem
Herrscher von Kipdschak, Kunde, um ihn zu warnen, dass der
Marsch wider ihn gerichtet sein könnte; auf demselben starb
Gujuk im drei und vierzigsten Jahre als ein Opfer seiner
Ausschweifungen in Trunk und Weibern. |