Erstes Buch
Uebersicht der mongolischen Stämme, der Familie und
Geschichte Tschengischans; sein Gesetzbuch und sein Testament;
Charakter und Sitte, Aberglauben und Gebräuche der Mongolen.
Die Regierung Ogotai's, Gujuk's, Mengku's; die der
gleichzeitigen Dynastien in Asien und Aegypten.
Mongolische Geschichte
Tschengischans und seiner Nachkommen Thaten, die von ihnen
zerstörten und gegründeten Reiche, ihre Raubzüge und
Gesetzgebung, der Namen der Tartaren oder Tocharen, d. i.
Tataren, und der der Moalen oder Mogholen, d. i. Mongholen,
haben Europa durch zwei Jahrhunderte mit Erstaunen und
Schrecken gefüllt, von der chinesischen Mauer bis an die von
Wienerischneustadt und Olmütz, und fürchterlich hallte der
Donner ihrer Heere von den Ufern des gelben Flusses bis an die
des rothen Meeres, vom Altai bis an den Libanon zurück.
Naturrevolutionen, mit denen Gibbon das Erscheinen der
Mongolen so treffend verglichen hat, lassen nicht tiefere
Spuren ihrer verheerenden Kräfte auf der Oberfläche der Erde
zurück, als die verheerenden Hufen mongolischer Heere, unter
denen Reiche und Cultur zertreten wurden; sie fuhren daher wie
die entfesselten Elemente, wie Orkane und grosse Fluthen und
das Erdbeben und der Wetterstrahl; sie durchackerten die Erde
mit dem Schwerte und düngten sie mit Blut. Das Jahrhundert
ihrer so fürchterlichen und verderblichen Grösse und Macht
fällt zusammen mit dem zweiten der Kreuzzüge, das ist mit dem
[2] dreizehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, dem durch
grosse Begebenheiten vor anderen historisch wichtigen, durch
die Umgestaltung so vieler asiatischen Reiche und durch den
regsten Verkehr des Abendlandes mit dem Morgenlande. Einen so
namhaften Platz die Kreuzzüge auch in der europäischen
Geschichte einnehmen, so erscheinen sie in der asiatischen
doch bei weitem nicht so bedeutend, indem dieselben nur den
Westrand von Asien bestreifen. Die Ringe dieses Steinwurfs der
Eroberung der Levante verebben schon an den Ufern des Nils und
des Tigris, während die hochaufschäumende Woge mongolischer
Eroberungsfluth über ganz Asien bis nach Europa, vom Baikalsee
bis an den Platensee, und vom Kokonor bis an den Ladoga sich
verheerend fortwälzt. Die Wichtigkeit der Geschichte der
Mongolen und die Grösse des Stoffes springt also von selbst in
die Augen. Sie zerfällt in viererlei Geschichten, deren jede,
bei dem Reichthume der Quellen, Stoff für mehrere Bände.
Erstens die Geschichte Tschengischans; zweitens die der vier
Uluse, d. i. der durch die Nachkommen seiner vier Söhne
beherrschten Reiche; dann nach der Theilung der Herrschaft des
vierten Uluses in das östliche chinesische und in das
westliche persische Reich, drittens in die Geschichte der Juan
oder der chinesischen Kaiser aus den Nachkommen Kubilai's; und
viertens in die der Ilchane oder persischen Herrscher,
Nachkommen Hulagu's, des Bruders Kubilai's. Eine vollständige
Geschichte dieser Reiche könnte sich keine engeren Gränzen des
Umfangs stecken, als die des osmanischen; die vorliegende
beschränkt sich nur auf den vierten und letzten Zeitraum, als
ein Seitenstück zu der Geschichte der goldenen Horde in
Kipdschak, aber von weit grösserem Interesse, als jene, in
Bezug auf Asien.