Erstes Buch
Ogotai's Bauten, Feste, Jagden, Freigebigkeit und
Unmässigkeit.
Die Verwaltung der von der goldenen Dynastie eroberten
chinesischen Länder übertrug Ogotai dem weisen Wesire
Jelwadsch, welcher schon im ersten Jahre des Feldzugs zehn
Steuerämter zur Einrichtung und Einhebung der Steuern
niedersetzte, deren jedes einen Präsidenten und
Vicepräsidenten hatte und deren Beamte chinesische Gelehrte.
„Das Reich“, stellte der weise Staatsmann dem Herrn vor, „ist
zu Pferd erobert worden, kann aber nicht zu Pferd regiert
werden“; sechs Jahre hernach wurden die ersten Tresorscheine
für die Summe von zehntausend kleinen Barren, d. i. für
fünfzigtausend Unzen Silber, ausgegeben.Er stiftete zwei hohe
Schulen, die eine zu Pingang in Schendai, die andere zu Peking
in Petsche-li, wohin die mongolischen Emire ihre Söhne
sandten, um in der Geschichte, Geographie, Arithmetik und
Astronomie unterrichtet zu werden. Durch Colonien, aus China
weggeschleppte Maurer, Zimmerleute, Maler und Vergolder, wurde
während des Feldzugs zu Karakorum, welches auf der Ostseite
des Berges Utekian, in der Nähe des Flusses Orghan, ehemals
die Residenz der Uighuren, die neue Residenz des Herrschers
gebaut und geschmückt, welche Ordubaligh, d. i. Lagerballei,
genannt ward, als Seitenstück zur chinesischen Residenz
Peking, welche später unter Kubilai den Namen von Chanbaligh,
d. i. Chansballei, erhielt. In zwei besonderen Quartieren
derselben wohnten die Moslimen und Chinesen von den Mongolen
getrennt; an den nach den vier Himmelsgegenden gelegenen
Thoren wurden die Märkte der Schafe und Ziegen, Ochsen und
Pferde gehalten; zwölf Götzentempel, zwei Moscheen, eine
christliche Kirche zeigten, dass nebst dem herrschenden
heidnischen Kultus auch die freie Ausübung der anderen
gestattet ward. Die Stadt wurde täglich durch fünfhundert
Wagen verproviantirt, deren einige sehr gross, von acht Ochsen
gezogen; der Palast der Residenz hiess Karschi; Goldschmiede,
unter denen ein französischer, von den Mongolen auf ihrem
Raubzuge durch Ungarn von Belgrad weggeschleppter, arbeiteten
an den goldenen und vergoldeten künstlichen Thieren, welche
als Fontainen an festlichen Tagen statt Wassers Kumis, Wein,
Meth und Reisabsud spien. Den Frühling brachte der Kaan auf
den Weiden zu, wo vormals die Herden Efrasiab's geweidet haben
sollen und wo er das Zelt Gewher Chagan, d. i. des Chakan's
Edelstein, baute, den Sommer am Gebirge Ormektu, wo das
goldene Zelt (Sira Ordu) aufgeschlagen, dessen Nägel Gold, das
von innen mit goldenen Tapeten behangen, tausend Personen
fassen konnte; den Herbst brachte er zu Köschei Nawer, vier
Tagreisen von Karakorum, zu, und im Winter jagte er
grösstentheils zu Ongko, an dem Gebirge von Telenku; nur einen
Monat lang schenkte er seine Gegenwart der Residenz; zwei
Parasangen davon hatte er ein hohes Köschk erbaut, welches
Terghubaligh, d. i. Proviantballei, hiess; hier ward vor dem
Einzuge in die Stadt Einen Tag Rast gemacht, an welchem der
ganze Hofstaat einfarbig gekleidet erscheinen musste. Während
des Aufenthalts in der Residenz (Karschi) wurden täglich Feste
gegeben und die reichsten Geschenke gespendet, denn Ogotai war
an Freigebigkeit ein zweiter Hatim; die Zeit verging unter
Bogenschiessen, Scheibenwerfen, Ringen, Jagen. Vor der Stadt
war ein Stück Landes im Umfange von zwei Tagreisen mit einem
Walle aus Lehmen und Reisig als Park umfangen, in welchen das
grosse, auf dreissig Tagreisen ausgedehnte Jagdrevier des
Heeres, immer näher zusammenrückend, das ganze Wild der Gegend
hineintrieb. Die Prinzen und Emire erlegten dasselbe in des
Chanes Gegenwart; das erlegte wurde unter den Hofstaat und das
Volk vertheilt. In Chorasan wurde die Stadt Herat, welche bei
der Eroberung durch das Blutbad von hundertachtzigtausend
ihrer Bewohner entvölkert und niedergebrannt wurde, wieder
aufgebaut; fünfzigtausend Gefangene wurden zu diesem Ende
dahin befehligt. Die Statthalterschaft Chorasan's war dem
Uiraten Arghun anvertraut, die von Persien dem Körges (Blindaug),
welcher mit Dschurmaghun nach Persien gekommen; über die
Länder vom Gebirge Chankai bis an den Oxus war Mesud, der Sohn
von Jelwadsch, als Statthalter bestellt. Ogotai's
Freigebigkeit kannte keine Gränzen, aber auch nicht seine
Unmässigkeit im Trinken, welche seinen frühzeitigen Tod
herbeiführte; sein Bruder Dschagatai hatte ihn beschworen,
sich die Zahl der Becher zu mindern; er minderte die Zahl,
nahm aber Becher von grösserem Umfange. Abika, die Schwester
Sijurkukteni's, die Gemahlin Tuli's, um deren Hand
Tschengischan vergebens bei Owangchan geworben und die
heimlich an einen Tafeldecker vermählt an der chinesischen
Gränze ihren Jurt hatte, kam alljährlich mit ihrem Sohne,
welcher mit dem Amt eines Mundschenken bekleidet war, zur
Aufwartung. Eines Nachts, wo ihr Sohn den Wein kredenzt hatte,
starb Ogotai. 11. Dec. 1241. Man wollte Abika und ihren Sohn
der Vergiftung beschuldigen, aber Iltschidai und die anderen
Emire vertheidigten ihre Unschuld, indem es klar war, dass
Ogotai im Uebermasse des Rausches vom Schlage getroffen
worden. |