Erstes Buch
Tschengischan's Nachfolger.
Ungeachtet der klaren Anordnung Tschengischan's über die
Nachfolge auf dem Throne blieb derselbe fast zwei Jahre lang
ledig, wovon die Ursache wohl nur in der Umsicht Ogotai's,
welcher seine Brüder Dschaghatai und Tuli und des Neffen Batu
Pläne und Absichten kennen und prüfen wollte, ehe er den etwa
von ihnen selbst gewünschten Thron bestieg. Diese Zögerung
zeigt, dass es ihm auch mit der dreissigtägigen Weigerung auf
dem zur Thronbesteigung im Familienhorde Tschengischan's zu
Keluran am Onon zusammenberufenen Kurultai der Prinzen
einigermassen Ernst gewesen sein mag; erst am vierzigsten Tage
zogen ihn sein Bruder Dschagatai und sein Oheim Utdschigin
(der jüngste Bruder Tschengischan's) auf den Thron, sein
jüngster Bruder, Tuli, brachte ihm knieend den mit Stutenmilch
gefüllten Becher dar, im selben Augenblicke warf die ganze
Versammlung die Mützen in die Höhe und den Gürtel über den
Rücken, worauf er sich vor der Sonne anbetend niederwarf und
mit neunmaliger Kniebewegung dem neuen Kaan huldigte. Die
vorzüglichsten Prinzen, welche auf diesem Kurultai erschienen,
waren nebst den zwei schon genannten Brüdern der Bruder Gulgan
und der Oheim Belgetai, sieben Neffen, Söhne Dschudschi's, von
denen der zweite, Batu, der Herrscher in Kipdschak; dann die
Neffen Iltschidai, der Sohn Dschudschi Kasar's, und Karadschar
Nujan, welchem Tschengischan die Berathung des Thronfolgers
anempfohlen. Um dem Herrscher im Grabe zu huldigen, wurden ihm
vierzig seiner liebsten Sklavinnen unter die Erde nachgesandt;
um seine Anordnung der Welteroberung nach allen vier
Weltgegenden in Erfüllung zu sehen, ein dreifacher Heereszug
beschlossen. Dschurmaghun der Dschelaire wurde mit einem Heere
nach Persien gesandt, um Dschelaleddin, den Schah von Chuaresm,
welcher sich nach Tschengischan's Tod eines Theils des
väterlichen Erbes bemächtigt hatte, zu vernichten. Batu und
seine Brüder wurden zur Eroberung des Westens, das ist
Russlands, Polens, Ungarns und der angränzenden Länder
befehligt; Ogotai selbst zog wider China aus, um die vom Vater
begonnene Eroberung des himmlischen Reichs zu vollenden. Unter
ihm befehligten die Abtheilungen des Heeres Subutai, der eine
der beiden Feldherren, welche vor sieben Jahren Persien bis
nach Russland durchzogen, und Tatschar, der Sohn des
hochbetrauten ersten Örlök Bugurdschi, dessen Stelle als Wesir
jetzt einer der weisesten und menschlichsten und folglich
grössten Wesire versah, deren die Geschichte erwähnt. Mahmud
Jelwadsch war ein Perser und Moslim, welchen sich die
chinesischen Quellen aneignen, indem sie den Namen Jelwadsch
in Jelui verstümmeln, ihn selbst zu einem Chitanen, Bekenner
der Lehre des Fo, machen. Sieben Jahre lang dauerte der Krieg
im Osten und Westen, glorreich in den nördlichen Provinzen
China's, in Schensi, Petseli und Iran, in Russland, Polen und
Ungarn, erobernd und verheerend geführt. Die mongolischen
Heere drangen zu gleicher Zeit bis an die Ufer des Kara Muran,
d. i. der schwarzen Mur, oder des gelben Flusses in China und
fast bis an die der weissschäumenden Mur in Steiermark vor;
China's Länder wurden bleibend erobert; mit dem Falle der
Residenz Peanking, deren von Subutai dem mongolischen Heere
versprochene Plünderung nur durch die Vorstellungen Jelui
Tschutsai's (Jelwadsch's) abgewendet worden, stürzte auch die
Dynastie der goldenen Kaiser zusammen, deren letzter, von
Tschengischan zuerst besiegter, sich erhing. Im Westen waren
die Heere Batu's über Russland, Polen und Ungarn bis nach
Mähren, Oesterreich und Dalmatien vorgedrungen; sie erschienen
belagernd vor den Mauern von Wienerneustadt und zogen vor
denen Wien's vorbei; von denen von Olmütz, nachdem die Blüthe
des mährischen und schlesischen Adels in der unglücklichen
Schlacht von Lignitz geblutet, wehrte sie Jaroslav von
Sternberg ab, von dessen Hand Peta, d. i. Paidar, der Sohn
Dschagatai's, fiel, wie sein Bruder Mowatukan vor den Mauern
Bamian's gefallen, wesshalb Olmütz für die Mongolen eine böse
Stadt, wie sie Bamian und Koseslk nannten. Auf dem Rückzuge
von China starb Tuli, welcher während des ganzen
siebenjährigen Feldzugs dem Bruder eben so treu und tapfer als
Feldherr gedient, als vormals dem Vater, nur vierzig Jahre
alt, ein wahrer Spiegel (was sein Name Tuli heisst) von
Sohnespflicht und Brudertreue. |