Erstes Buch
Turakina's Regentschaft.
Ogotai hatte vier grosse Frauen Gemahlinnen und sechzig
Beischläferinnen, aus den letzten nur zwei Söhne; die Mutter
der fünf anderen war die zweite der vier Gemahlinnen, Turakina,
aus dem Stamme Ohos Merkit, welche von Tschengischan ihrem
Gemahle Tairosun, dem Fürsten der Merkit, geraubt und dem
Sohne Ogotai zur Frau gegeben worden, wiewohl jenem früher die
Prinzessin Kulan, die Tochter Tschengischan's, vermählt war;
sie war nicht schön, aber den Mangel an Schönheit ersetzte
Herrschsucht und List, wodurch sie nach Ogotai's Tod die
Kaanschaft ihrem Sohne Gujuk verschaffte, wiewohl Ogotai
dieselbe dem Schiramun, dem Sohne seines geliebten, vor ihm
verstorbenen Sohnes Kutschu, bestimmt hatte. Nach dem
mongolischen Familiengesetze war sie nach des Gemahles Tod als
Mutter die Regentin, welcher alle Stämme bis zur
Thronbesteigung des neuen Herrschers gehorchen mussten. Durch
die Künste ihrer Herrschsucht und List verlängerte sie die
Regentschaft vier volle Jahre, während welcher sie
Alleinherrscherin der Mongolen. Sie begann ihre Herrschaft mit
der Absetzung des Staatssecretärs Ogotai's, des Uighuren
Tschinkai, welcher die Worte Ogotai's aufgezeichnet, und
entzog ihr Vertrauen dem weisen Mahmud Jelwadsch, dem
Chuaresmier, welcher schon von Tschengischan als Gesandter an
Chuaresmschah verwendet, seinen Beinamen vermuthlich dieser
Gesandtschaft dankt, wiewohl Jelwadsch eigentlich nur einen
Gottesgesandten, einen Propheten bedeutet. Turakina hatte ihr
unbeschränktes Vertrauen in Finanzgegenständen dem Moslim
Abderrahman geschenkt, welcher zu Ende der Regierung Ogotai's
sich als Pächter der Staatseinkünfte China's mit Verdoppelung
des bisherigen Pachts von Einer Million auf zwei angetragen.
Jelwadsch stellte dagegen vor, dass man wohl fünf Millionen
jährlich erpressen könne, aber das Land zu Grund richten
würde; der Pacht ward dennoch bewilligt, und Abderrahman und
die Moslimin Fatima, welche bei der Verheerung von Tus geraubt
worden, leiteten die Rathschläge Turakina's. Bald nach dem
Tode Ogotai's hatte dessen Oheim Utdschigin, der jüngste
Bruder Tschengischan's, Miene gemacht, sich der obersten
Herrschaft bemächtigen zu wollen, indem er mit Truppen der
Residenz nahte. Turakina sandte ihm Wort: warum er mit so
zahlreichem Gefolge seine Tochter zu besuchen käme? und sandte
ihm seinen Sohn, der am Hofe Ogotai's verweilte, zurück.
Utdschigin antwortete, dass er blos gekommen, ihr sein Beileid
über den Tod des Gemahls zu bezeigen, und kehrte zurück. Der
ausgeschriebene Landtag hatte endlich am See Köke statt, wo
Ogotai den Herbst zuzubringen pflegte. Der lange Aufschub
rührte vorzüglich von Batu her, welcher die Regentin nicht
liebte, und ein Uebel am Fusse vorschützte, um nicht auf dem
Kurultai zu erscheinen; endlich versprach er zu kommen, sandte
aber seiner statt seine Söhne und Enkel; auch der Temgu
Utdschigin erschien mit achtzig seiner Söhne; die Frau
Sijurkukteni, die Wittwe Tuli's mit ihren Söhnen und die
Dschagatai's; ausserdem die Statthalter des Reichs: der von
Chorasan und Persien, Arghun; der von Uighuristan und
Turkistan, Mesud, der Sohn von Jelwadsch; von den zinsbaren
Fürsten Rukneddin, der Seldschuke Rum's, Jaroslaw, der
russische Grossfürst, zwei Prinzen David, die sich um den
Thron Georgiens stritten, der Bruder des Herrschers von Mossul,
aus dem Hause Ejub, die beiden Gebieter von Kurdistan,
Schemseddin und Schihabeddin, im Namen des Fürsten der
Assassinen, die Herren von Rudbar und Alamut, Fachreddin der
Richter der Richter, von Seite des Chalifen von Bagdad, der
Gesandte des Fürsten von Fars und Kerman, und im Namen des
Papstes Innocenz des vierten die beiden Franziskaner: der Pole
Benedict und der Franzose Plan Carpin, deren letztem wir das
treue Gemälde des Kurultai und tatarischer Sitte in seiner
Reisebeschreibung verdanken. Zugleich waren vier Dominikaner
Missionäre an Baidschu Nujan, den mongolischen Befehlshaber in
Persien, abgegangen, von denen aber nur Simon von Saint
Quentin über die Missionsreise kurzen, im Geschichtsspiegel
des Vincenz von Beauvais erhaltenen, Bericht hinterlassen. |