Fünftes Buch
Arghun zu Kelat; ergibt sich.
Arghun hatte sich indessen mit nicht mehr als hundert
Begleitern von den Fürsten seines Gefolges über Meschhed
hinaus in das feste Schloss Kelat geflüchtet; dieses bis
in die neueste Geschichte als der Schatzhort Nadirschah's
berühmte feste Schloss spielt schon in der Geschichte der
ersten moslimischen Dynastien Persiens eine bedeutende Rolle.
Otbi, der Verfasser des Jemini, d. i. der durch ihren
rednerischen Schmuck berühmten Geschichte Mahmud's, des
Sultans von Ghasna, Eroberers Indiens, malt die Höhe desselben
durch das Distichon:
Wind ermüdet, indem er will die Zinnen erklimmen,
Und es gleitet das Aug' nieder von schwindelnder Höh'.
Dieses Bergschloss liegt zwischen Kasermian, Serchas,
Abiwerd und Tus in schönem und fruchtbarem Thale, welches
fünfzig bis sechzig englische Meilen lang, zehn bis fünfzehn
breit, von Osten nach Westen zieht und von den Hügeln, welche
die Ebene Meschheds von der Wüste trennen, eingeschlossen
wird. Der Anblick des Thales ist reich und grün, es hat
Ueberfluss an Pferden und Wildpret und wird ausser dem Strome,
welcher dasselbe der Länge nach durchfliesst, noch von
kleinen, in Cascadellen die Hügel herabströmenden Bächen
bewässert; aber alle diese Wasser sind schädlich und im
Herbste sogar tödtlich, wesshalb das Regenwasser zum Trinken
in Cisternen gesammelt werden muss. In diese durch Natur
unbezwingliche Bergfeste schloss sich Arghun mit Bulughan, der
geliebtesten seiner Frauen, ein. Der Emir Newrus, als er Kunde
erhielt, dass Alinak wider das Schloss im Anzuge, bat kniend,
Arghun möge über den Oxus ziehen und in dem Jurte Kuwindschi's
(des zwölften Sohnes Scheiban's, des fünften Sohnes
Dschudschi's) Zuflucht suchen. Arghun gab dem wohlgemeinten
Rathe kein Gehör; Legsi, welchen wir oben als Gesandten
Arghun's an Ahmed kennen gelernt, ging zu diesem über und
erbat sich ein Heer, mit welchem er ihm den Arghun zu liefern
versprach. Ahmed gab ihm Truppen, mit denen er das Lager der
Frau Kotlogh Chatun, der Gemahlin Arghun's, plünderte. Der
Emir Newrus kam, um ihn zur Rückkehr zu bewegen; Legsi ergriff
die Zügel seines Pferdes, um ihn mit sich zum Sultan zu
führen; aber Newrus legte die Hand an's Schwert, betheuernd,
dass er, so lang er athme, den Dienst Arghun's nicht verlassen
wolle; Legsi liess ihn frei und brachte die Beute des Lagers
der Frau Kotlogh in das Ahmed's zurück, der ihn davon
reichlich betheilte. Alinak war indessen vor Kelat angekommen
und hatte den Arghun beredet, ihm in das Lager des Oheims, der
ihm nichts Uebles wolle, zu folgen. Ahmed umarmte ihn, küsste
ihn und übergab ihn der Obhuth Alinak's; dieser stellte vor,
dass jetzt der Augenblick, sich des Feindes zu entledigen;
aber Ahmed, der, ganz der Liebe seiner neuen Gemahlin Tudai
hingegeben, für nichts Anderes Sinn hatte, sprach: Was kann er
ohne Heer und Schatz unternehmen? Ich will die Frau Kutui
(seine Mutter), wenn ich sie sehe, um ihre Meinung hierüber
fragen. Indessen befahl er doch, die Emire Arghun's, Sischi
Bachschi, Kadan, Buraligh fest zu setzen, von seinen eigenen
einige, weil sie dem Arghun ergeben, hinzurichten. Er wollte
eben aufbrechen, als er auf Bitte Buka's, dass er erlauben
möge, die Vermählung seiner Tochter mit Kipdschak Kaghul,
einem Abkömmlinge Dschudschi Kasar's, des Bruders
Tschengischan's, zu feiern, noch zu bleiben beschloss. Arghun
war in die Seele betrübt, indem er unglücklichen Ausgang
seines Schicksals fürchtete. Da sprach ihm die Frau Bulughan,
welche seine Gefangenschaft getheilt und welche auch von Ahmed
gnädig empfangen worden war, indem er ihr selbst den Becher
reichte, Trost ein. Er versprach ihr, dem Arghun die
Statthalterschaft von Chorasan zu verleihen, und verlieh ihm
ein kaiserliches Zelt. Ganz in dem Genusse der Frau Tudai
schwelgend, hatte Ahmed keinen Sinn für die Wichtigkeit des
Augenblicks, oder die Gefahr, die ihm von den nächsten
Umgebungen drohte; er befahl jedoch dem Alinak, den Arghun
nach dem Aufbruche des Lagers hinzurichten. In der nächsten
Nacht „sollte das Zelt seines Lebens abgebrochen werden, als
durch eine unvorgesehene Wendung der Dinge der arabische
Spruch, welchen Bulughan dem Arghun zu Gemüthe führte: dass
die Nächte, schwanger, gar Vieles vor dem Morgen gebären, auf
das glücklichste ausging“.