Fünftes Buch
Die Landschaften Kumis und Taberistan; die Scheiche von
Semnan, Demaghan und Bostam.
Der Schauplatz, in welchem der Krieg zwischen Teguder und
Arghun jetzt geführt ward, sind die beiden Landschaften
Taberistan und Kumis, welche nördlich von Masenderan, westlich
vom persischen Irak, östlich und südlich von Chorasan begränzt,
insgemein von den Reisebeschreibern zu dem nördlichen Chorasan
gerechnet werden, wiewohl alle morgenländischen
Erdbeschreibungen dieselben als zwei besondere Landschaften
aufführen; sie ziehen sich längs des Gebirges hin, so dass
Taberistan die untere südwestliche, unmittelbar an das Gebiet
von Tehran stossende, Kumis die nordöstliche obere. In der
ersten lagen einige der berühmtesten Schlösser der Assassinen,
deren schon bei der Eroberung derselben durch Hulagu Erwähnung
geschehen, wie Firuskjuh, d. i. der Glücksberg, und Girdkjuh,
d. i. der Gürtelberg; die Hauptstadt ist Demawend, gleichen
Namen mit dem Berge führend, in dessen Klüfte die persischen
Heldensagen den Kerker des von Dämonen gefolterten Tyrannen
Sohak verlegen; das Gebirgsland Taberistan mit seinen
Felsenpässen, deren berühmtester der kaspische (wahrscheinlich
der südliche Pass von Charwar), liegt dem persischen
Oesterreich (Chorasan) wie Tyrol dem europäischen Chorasan (Oesterreich)
als Schutzwehr vor. Das obere Gebirgsland Kumis zerfällt in
vier Distrikte von Schahrud, Semnan, Demaghan, Bostam, wovon
der erste nach dem Berge und Flusse so genannt ist, die
anderen drei aber nach den gleichnamigen Städten. Semnan, die
südwestlichste dieser drei Städte, am Rande der Wüste,
unmittelbar nach dem Austritte aus dem kaspischen Passe,
gelegen, kleiner als Demaghan, grösser als Bostam, ist sowohl
durch seine Pistazien und Feigen, als durch den hier geborenen
und begrabenen grossen Scheich Alaeddewlet Semnani berühmt.
„In dieser alten Stadt“, sagt Fraser, „herrscht eine
wunderbare Verschiedenheit der Gebäude, grosse luftige Häuser
von sonnengetrockneten Ziegeln und Lehm in der Form von
Schlössern, mit Schiesslöchern, Basteien und Thürmen versehen,
unstreitig von hohem Alterthume; viele tiefe Klüfte innerhalb
der Stadtmauern, welche ihren Ursprung der Wirkung von
Gewässern zu danken scheinen, bilden Höhlen, welche ihren
Einwohnern und ihren Heerden zum Aufenthalte dienen und von
ihnen den zahlreichen Ruinen ober der Erde vorgezogen werden.“
Das Bad der Stadt ward schon im sechsten Jahrhundert der
Hidschret erbaut. Die Inschriften anderer Denkmäler gehören
der späteren Zeit, der Dynastie Ssafewi an. In der Nähe ist
die von persischen Geschichten und auch von Fraser erwähnte
Windquelle, welche, verunreinigt, Sturm und Ungewitter
verursacht, eine auch in Europa mehreren Quellen und Höhlen
auf hohen Gebirgen gemeinsame Volkssage. Demaghan, deren
Erbauung von persischen Geschichtschreibern und Geographen dem
Huscheng, dem zweiten der alten persischen Könige,
zugeschrieben wird (der erste Keiomeers, der Stiermann des
Budehesch), an dem Zusammenlauf der Strassen von Chorasan,
Kuhistan, Masenderan und Irak gelegen, stand wahrscheinlich an
der Stelle des alten Hekatompylos, der Stadt von hundert
Thoren oder Pässen, in dessen Nähe der Fluss Stiboetes aus
einer schönen Felsenhöhle entsprang; diess ist der von den
morgenländischen Erdbeschreibern gerühmte Chosrewi, welcher
sich in hundert und zwanzig unterirdische Bäche vertheilt; die
Stadt liegt heute in Ruinen; das berühmteste Grabmal ist das
der vierzig Köpfe oder Töchter, und von den berühmtesten
Scheichen der Ssofi ist Ebu Dschaafer Demaghani nach der Stadt
genannt. Von den Scheichen von Demaghan und den von Semnan
geht weit im Rufe der Heiligkeit und Wunderthätigkeit der
Scheich Ebu Jesid von Bostam, der dritten Hauptstadt von Kumis,
vor. Schon in der Hälfte des dritten Jahrhunderts der
Hidschret gestorben, war er der Stifter des nach seinem Namen
genannten Ordens der Derwische Bostami; auch als Geburtsort
späterer Gelehrten ist Bostam berühmt, aber doch keiner, wie
der Scheich Ebu Jesid oder Bajesid, von dem die Antworten auf
die Frage: wo sein Vaterland? Mein Vaterland ist unter dem
höchsten Himmel, und auf die Frage: Wie bist du zu Gott
gelangt? Indem ich über mich hinausgegangen; und dessen
Sterbegebet: Mein Gott! was ich in meinem Leben zu dir
gebetet, war lauer Vollzug von Gebot, und wenn ich dir
gedienet, war's flauer Dienst in der Noth. |