Fünftes Buch
Schemseddin Dschuweini zu Kum.
Nach dem Herrscher Arghun und seinem Wesire Buka, der ihn
auf den Thron gesetzt, steht ein Grösserer als Beide vor uns,
nämlich der flüchtige Wesir Schemseddin Dschuweini, dessen
Auslieferung Arghun zu wiederholtenmalen vergebens von Teguder
begehrt und welchen sein Feind Medschdolmülk nicht nur
treuloser Verwaltung der Krongüter Abaka's, sondern auch der
Vergiftung desselben und des Bruders Mengu Timur angeklagt.
Nachdem Alinak getödtet und Teguder geschlagen worden, hatte
Schemseddin von Dschadscherm, wo er sich befand, auf einem
Dromedare mit ein Paar Dienern sich durch die Wüste nach
Issfahan geflüchtet. Die Einwohner, sobald sie von der
Umwälzung der Dinge Kunde erhalten, beriethen sich mit dem
Atabeg von Jesd, welchen der Statthalter von Issfahan als
einen dem Arghun Ergebenen während der Regierung Teguder's in
Verhaft gehalten, was zu thun. Schemseddin, hiervon
benachrichtigt, begab sich unter dem Vorwande, zu einer
Grabstätte zu wallfahrten, ausser der Stadt und entfloh auf
trefflichen Rennern nach Kum, sich in das Heiligthum des
Grabes der Schwester des Imams Risa flüchtend. Dieses Grabmal
ist seit einem Jahrtausend die sichere Freistätte Unschuldiger
und Schuldiger, die in die Mauern desselben flüchten. Die
Heiligkeit derselben wurde von den Mongolen, wie von den
früheren Herrschern Persiens, den Seldschuken und Bujiden, wie
von ihren Nachfolgern, den Herrschern der Dynastie Ssafewi und
der regierenden der Katscharen, hoch geachtet. Die Pracht
desselben hat Chardin ausführlich beschrieben, und noch heute
prangt dasselbe mit silbernen Gittern und goldbeschlagenen
Thoren, und den Schatz, dessen Reichthum sich vorzüglich von
den Schahen der Familie Ssafewi herschreibt, haben reiche
Opferspenden Feth Alischah's vermehrt. Er opferte hierher
einen Kopfschmuck seiner Mutter, wie einst Crösus das Halsband
und den Gürtel seiner Gemahlin nach Delphi. Feth Ali jagte nie
in der Umgegend, ohne den Umgang um das heilige Grab, von
welchem die Stadt auch die heilige heisst, zu verrichten. Wie
vor sechsthalbhundert Jahren Schemseddin Dschuweini hier
Zuflucht gesucht und gefunden, so in unseren Tagen der von
Feth Alischah und dann von seinem Enkel, dem regierenden
Schah, verungnadete, in Morier's Hadschi Baba nach dem Leben
geschilderte Botschafter Mirsa Abul Hasan. „Die Stadt ist
heute“, sagt Morier, „nur durch drei Dinge merkwürdig: durch
die vergoldete Kuppel des Grabmals, durch die zahlreichen
Märkte und durch ihre Ruinen“; denn der Umfang der Mauern
betrug ehemals vierzigtausend Ellen, das ist um vierzig Ellen
mehr, als die von Kaswin. Kum ward im Beginn des achten
Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung, als Hidschadsch,
der tyrannische Statthalter von Irak, das Heer Abderrahman
Asker's schlug, aus sieben Dörfern, deren Vorsteher getödtet
worden waren, in eine Stadt vereint, deren sieben Viertel jene
sieben Dörfer und deren eines der Stadt den Namen gab. Von
derselben erhielten hernach, als persischer Kunstfleiss und
Handel im höchsten Flore, die schöngewirkten seidenen Stoffe
den Namen Kumasch, den dieselben noch heute führen; sie ist so
berühmt durch ihre luftigen hohen Cypressen und ihre blauen
leichten Trinkkrüge, als das benachbarte Kaschan durch sein
Fayence und seine Scorpionen und Giftspinnen, als der
Geburtsort des grossen Geschichtschreibers Abderresak, des
Verfassers des Aufganges zweier Glücksgestirne (der Geschichte
Timur's und seines Sohnes Schachroch), und des letzten
Dichterkönigs Feth Ali Chan, des Sängers des Heldenbuchs Feth
Alischah's. In dem Heiligthume Kums sammelten sich um
Schemseddin seine Freunde, deren Meinung dahin ging, dass er
sich nach Hormusd retten solle, von wo ihm der Weg weiter nach
Indien offen. Ich kann, antwortete ihnen Schemseddin, meine
Söhne nicht in den Händen der Mongolen zurücklassen; das
Besste ist, ich begebe mich zu dem Dienste der Majestät,
welche mir vielleicht Emir Buka, der mein alter Freund,
versöhnen wird; wenn nicht, so geschehe, was Gott will.
Unschlüssig verweilte er einige Tage, als von Seiten des Chans
Melik Imameddin von Kaswin und Jusufschah, der Atabeg
Grossluristans, erschienen. |