Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Fünftes Buch

Schemseddin's Hinrichtung.

Schemseddin antwortete auf die wider ihn vorgebrachte Anklage der Veruntreuung von Staatsgeldern und von Verrätherei, dass, was den Abgang des Staatsschatzes betreffe, er die Verzeihung des Padischah hoffe, dass er aber unschuldig des geringsten Verdachts von Verrätherei. Als ihm als schuldig Erkanntem die Hände nach mongolischer Sitte gebunden worden, erscholl das Geschrei der Türken und Perser: warum man die Nahrungsquellen der Völker binde! Zu Minia, in der Nähe von Ebher, der nördlich von Kaswin gelegenen Stadt, ward ihm das Todesurtheil verkündet. Er verrichtete sogleich die gesetzliche Abwaschung, stach in den Koran, den er bei sich trug, das Loos, begehrte Tintenzeug und Feder, setzte seinen letzten Willen für die Söhne auf, und schrieb an die Gesetzgelehrten von Tebris: „Als ich den Koran zum Loosaufstechen genommen, ist folgender Vers gekommen: Die da sagen, Gott nur sei Herr, und wandeln auf geraden Pfaden, über sie werden Engel niedersteigen und sagen: Betrübt euch nicht und fürchtet euch nicht, ich gebe euch die frohe Kunde des Paradieses, das euch versprochen worden. Da Gott der Allmächtige diesen seinen Diener in dieser vergänglichen Welt immer wohlgehalten, so gestalten, dass er ihm keinen seiner Wünsche versagt und ihm sogar die frohe Kunde künftigen Lebens zugesagt, so muss man den Mewlana Mohijeddin, den Mewlana Efdhaleddin, den Mewlana Schemseddin, den Mewlana Hemameddin und den grossen Scheichen, welche aufzuzählen hier zu lang und hier nicht der Ort wäre, diese gute Kunde geben, damit sie wissen, dass ich aller Anhänglichkeit an die Welt entsagt habe und mir mit ihrem guten Gebete helfen möge. Sie sollen meine Söhne grüssen, die ich Gott dem Herrn als Unterpfand empfehle; denn Gott verliert nicht die ihm anvertrauten Pfande. Ich hoffte sie noch einmal zu sehen und ihnen mündliche Lehren zu hinterlassen; da diess aber mir nicht zum Loose geworden, so mögen sie (die obgenannten vier Mewlana) es an Nichts ermangeln lassen, dieselben zu beschützen, und sie zu gutem Erwerb ermuntern und nicht zugeben, dass sie das von Gott ihnen verliehene Gut vernachlässigen. Wenn mein Sohn, der Atabeg, und seine Mutter, die Frau Choschek, in ihr Haus zurückkehren wollen, so sei ihnen die Erlaubniss gegönnt. Meine beiden Söhne Newrus und Mesud sollen mit ihrer Mutter im Geleite der Frau Bulughan bleiben und an den beiden Enden meines Grabmals stehen; wenn sie für das Speisehaus und das Kloster des Scheichs Fachreddin etwas thun können, so sollen sie es unterstützen und sich dahin begeben. Ferruch und seine Mutter sollen den Atabeg begleiten, Sekeria auf den Gütern des Padischah arbeiten; die anderen Oerter habe ich dem Emir Buka vermacht, welchem sie alle Güter und Besitzungen belassen sollen; wenn er etwas davon zurück gibt, ist's wohl und gut; wenn nicht, sollen sie sich begnügen. Gott spende uns sein Erbarmen und auch seinen Segen! Ich habe jetzt mein Gemüth auf die göttliche Majestät gestellt, welche meinen Antheil nicht vergessen wolle; das Glück derselben sei beständig! Wenn Allerhöchstdieselbe meinen Söhnen etwas lassen will, sollen sie es nehmen und sich damit begnügen; wohin nur das grosse Harem von Tebris sich begibt, soll auch das meine folgen. Heil dem, der die wahre Leitung sucht!“ Dieses Schreiben warf er den zur Vollstreckung des Todesurtheils Bestellten vor; sie lasen es, ohne dass es Eindruck auf sie gemacht. Schemseddin sagte dann: „Was von dir kommt, o Herr, ist gut, sei es Krankheit, sei es Heilung“; und das Todesurtheil ward vollstreckt. Vier seiner Söhne: Jahja, Ferruchschah, Mesud und Atabeg, wurden ihm sogleich in's Grab nachgesandt. Jusufschah, der Eidam Schemseddin's, kehrte auf Befehl Arghun's nach Luristan zurück, starb aber auf dem Wege dahin. Er hinterliess zwei Söhne: Edib und Ahmed, wovon der erste mit der Herrschaft Luristans belehnt ward, der zweite am Hofe Arghun's als Geissel zurückblieb. Schemseddin ward mit seinen Söhnen im Viertel Dscherendab, wo schon sein Bruder Alaeddin ruhte, zu Tebris bestattet. Unter den vielen Trauergedichten, welche den Schmerz der Völker über den Sturz dieser erlauchten Familie aussprachen, ist eines der kürzesten und bessten das folgende, bei Wassaf erhaltene:

O Dscherendab, wo zu Tebris sein Grab,
Der erste Regen ström' auf dich herab!
Die herrlichsten Gesichter deckt dein Staub,
Der grössten Männer Wangen sind dein Raub.
Hier hat die Sonnehöchsten Punkt erreicht,
Hier ruht die Pleias, die Vollmonden gleicht.
Es weinen über sie die sieben Sterne,
In ihrem Licht und ihrer finstern Ferne
Die sieben Himmel und die Erden, sieben,
Der Meere und der Wochentage Sieben.
Feredschullah, Jahja, Mesud, Harun (Nothdürftig beizustehen, war ihr Thun)
Den Vater Mohammed so hoch geehrt,
Es frass dieselben all' das scharfe Schwert.
Mich hat der Schmerz des Atabegs verzehrt
Wie Flamme, welche in die Höhe fährt;
Und ob Ataul Melik gekränket theils,
Er, der Ssahib, der Herr der Stadt des Heils,
Es saget über dieser Gräber Stätte,
Wer ehrt den Herrn, die frömmsten der Gebete.

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