Fünftes Buch
Schemseddin's Hinrichtung.
Schemseddin antwortete auf die wider ihn vorgebrachte
Anklage der Veruntreuung von Staatsgeldern und von Verrätherei,
dass, was den Abgang des Staatsschatzes betreffe, er die
Verzeihung des Padischah hoffe, dass er aber unschuldig des
geringsten Verdachts von Verrätherei. Als ihm als schuldig
Erkanntem die Hände nach mongolischer Sitte gebunden worden,
erscholl das Geschrei der Türken und Perser: warum man die
Nahrungsquellen der Völker binde! Zu Minia, in der Nähe von
Ebher, der nördlich von Kaswin gelegenen Stadt, ward ihm das
Todesurtheil verkündet. Er verrichtete sogleich die
gesetzliche Abwaschung, stach in den Koran, den er bei sich
trug, das Loos, begehrte Tintenzeug und Feder, setzte seinen
letzten Willen für die Söhne auf, und schrieb an die
Gesetzgelehrten von Tebris: „Als ich den Koran zum
Loosaufstechen genommen, ist folgender Vers gekommen: Die da
sagen, Gott nur sei Herr, und wandeln auf geraden Pfaden, über
sie werden Engel niedersteigen und sagen: Betrübt euch nicht
und fürchtet euch nicht, ich gebe euch die frohe Kunde des
Paradieses, das euch versprochen worden. Da Gott der
Allmächtige diesen seinen Diener in dieser vergänglichen Welt
immer wohlgehalten, so gestalten, dass er ihm keinen seiner
Wünsche versagt und ihm sogar die frohe Kunde künftigen Lebens
zugesagt, so muss man den Mewlana Mohijeddin, den Mewlana
Efdhaleddin, den Mewlana Schemseddin, den Mewlana Hemameddin
und den grossen Scheichen, welche aufzuzählen hier zu lang und
hier nicht der Ort wäre, diese gute Kunde geben, damit sie
wissen, dass ich aller Anhänglichkeit an die Welt entsagt habe
und mir mit ihrem guten Gebete helfen möge. Sie sollen meine
Söhne grüssen, die ich Gott dem Herrn als Unterpfand empfehle;
denn Gott verliert nicht die ihm anvertrauten Pfande. Ich
hoffte sie noch einmal zu sehen und ihnen mündliche Lehren zu
hinterlassen; da diess aber mir nicht zum Loose geworden, so
mögen sie (die obgenannten vier Mewlana) es an Nichts
ermangeln lassen, dieselben zu beschützen, und sie zu gutem
Erwerb ermuntern und nicht zugeben, dass sie das von Gott
ihnen verliehene Gut vernachlässigen. Wenn mein Sohn, der
Atabeg, und seine Mutter, die Frau Choschek, in ihr Haus
zurückkehren wollen, so sei ihnen die Erlaubniss gegönnt.
Meine beiden Söhne Newrus und Mesud sollen mit ihrer Mutter im
Geleite der Frau Bulughan bleiben und an den beiden Enden
meines Grabmals stehen; wenn sie für das Speisehaus und das
Kloster des Scheichs Fachreddin etwas thun können, so sollen
sie es unterstützen und sich dahin begeben. Ferruch und seine
Mutter sollen den Atabeg begleiten, Sekeria auf den Gütern des
Padischah arbeiten; die anderen Oerter habe ich dem Emir Buka
vermacht, welchem sie alle Güter und Besitzungen belassen
sollen; wenn er etwas davon zurück gibt, ist's wohl und gut;
wenn nicht, sollen sie sich begnügen. Gott spende uns sein
Erbarmen und auch seinen Segen! Ich habe jetzt mein Gemüth auf
die göttliche Majestät gestellt, welche meinen Antheil nicht
vergessen wolle; das Glück derselben sei beständig! Wenn
Allerhöchstdieselbe meinen Söhnen etwas lassen will, sollen
sie es nehmen und sich damit begnügen; wohin nur das grosse
Harem von Tebris sich begibt, soll auch das meine folgen. Heil
dem, der die wahre Leitung sucht!“ Dieses Schreiben warf er
den zur Vollstreckung des Todesurtheils Bestellten vor; sie
lasen es, ohne dass es Eindruck auf sie gemacht. Schemseddin
sagte dann: „Was von dir kommt, o Herr, ist gut, sei es
Krankheit, sei es Heilung“; und das Todesurtheil ward
vollstreckt. Vier seiner Söhne: Jahja, Ferruchschah, Mesud und
Atabeg, wurden ihm sogleich in's Grab nachgesandt. Jusufschah,
der Eidam Schemseddin's, kehrte auf Befehl Arghun's nach
Luristan zurück, starb aber auf dem Wege dahin. Er hinterliess
zwei Söhne: Edib und Ahmed, wovon der erste mit der Herrschaft
Luristans belehnt ward, der zweite am Hofe Arghun's als
Geissel zurückblieb. Schemseddin ward mit seinen Söhnen im
Viertel Dscherendab, wo schon sein Bruder Alaeddin ruhte, zu
Tebris bestattet. Unter den vielen Trauergedichten, welche den
Schmerz der Völker über den Sturz dieser erlauchten Familie
aussprachen, ist eines der kürzesten und bessten das folgende,
bei Wassaf erhaltene:
O Dscherendab, wo zu Tebris sein Grab,
Der erste Regen ström' auf dich herab!
Die herrlichsten Gesichter deckt dein Staub,
Der grössten Männer Wangen sind dein Raub.
Hier hat die Sonnehöchsten Punkt erreicht,
Hier ruht die Pleias, die Vollmonden gleicht.
Es weinen über sie die sieben Sterne,
In ihrem Licht und ihrer finstern Ferne
Die sieben Himmel und die Erden, sieben,
Der Meere und der Wochentage Sieben.
Feredschullah, Jahja, Mesud, Harun (Nothdürftig beizustehen,
war ihr Thun)
Den Vater Mohammed so hoch geehrt,
Es frass dieselben all' das scharfe Schwert.
Mich hat der Schmerz des Atabegs verzehrt
Wie Flamme, welche in die Höhe fährt;
Und ob Ataul Melik gekränket theils,
Er, der Ssahib, der Herr der Stadt des Heils,
Es saget über dieser Gräber Stätte,
Wer ehrt den Herrn, die frömmsten der Gebete.