Fünftes Buch
Verurtheilung der Atabegin Abisch, und ihr Tod.
Abisch liess in den Strassen von Schiras ausrufen, dass,
weil der Seid in dem Lande schädliche Finanzneuerungen
unternommen, derselbe auf ihren Befehl sei aus dem Wege
geräumt worden; Jedermann solle seinen Geschäften nachgehen
und die Stadt ruhig bleiben. Der Sturz des Seid's brachte, wie
jeder Umschwung von Glücksverhältnissen, seltsame Beispiele
von Undank und treuer Anhänglichkeit in Vorschein. Ein
Gelehrter, welchen der Seid mit Gnaden überhäuft hatte,
brandmarkte sich als einen Undankbaren, Niederträchtigen durch
die Verse, die er an den Fussschämel der Atabegin schrieb:
Herrscher! deine Wange glüh' aus Freude wie Rubin,
Und es sei dein Thron der allerhöchste immerhin;
Jeder Kopf, der deinen Wünschen würde nicht zusagen,
Sei, wie der Imadeddin's, vom Rumpfe abgeschlagen.
Das Gegenstück hierzu ist die schöne Dankbarkeit des
Geschichtschreibers Wassaf, welcher seiner Erzählung ein
Trauergedicht von siebzehn Distichen einverleibt hat, dessen
Beginn:
Eine Sonne ging im Staube unter,
Die im Ost des Glückes aufging munter.
Um zu stürzen diesen Bau, o Loos!
Lässt die Zügel schiessen du dem Ross.
Nach dem Tode des Seid Imadeddin wurde sein Vetter, der
Seid Dschemaleddin Mohammed, welcher, mit Gnaden der Atabegin
überhäuft, sich für ganz sicher gehalten, an ihre Pforte
vorgeladen. Sie berieth sich mit einem ihrer Räthe über den zu
fassenden Entschluss. Er rieth ihr zur Hinrichtung, zu welcher
so besserer Grund vorhanden, weil er weit reicher, als
Imadeddin, welcher blos als ein Opfer der Bewilderung zwischen
ihr und ihm gefallen sei. Die Mamluken tödteten ihn in der
Nacht und streuten am Morgen das Gerücht aus, dass er aus dem
Kerker entflohen sei. Die bald hierauf erfolgte grosse
Landplage der Heuschrecken wurde als eine Strafe des Himmels
für den Mord der beiden Seide angesehen. Mehr als
hunderttausend Bewohner von Schiras sollen an der als Folge
der Heuschreckenverheerung entstandenen Hungersnoth zu Grunde
gegangen sein. Der unmündige Sohn des Seid war mit einigen
treuen Dienern in das Lager des Chans geflüchtet, wo er Buka's,
seines Vaters Schutzherrn, Hilfe anrief. Buka trug die
Vergehungen der Atabegin dem Ilchan vor, welcher sie und alle
Gegner des Seid vor Gericht zu laden befahl, und zugleich
zurück Botschaft an die Frau Oldschai sandte, durch deren
Einfluss die Atabegin die Statthalterschaft erhalten hatte;
diese überhäufte den Gesandten, der sie in's Hoflager führen
sollte, mit Geschenken, folgte aber nicht. Drei Richtern ward
die Untersuchung über das unschuldig vergossene Blut der
beiden Seide und die unrechtmässige Besitznahme von Gütern
aufgetragen. Die Herren der Finanzkammer wurden in Ketten und
Blöcken vorgeführt; als die Prinzessin nicht erschien, wurde
Kotan Atadschi abgeordnet, um sie mit Gewalt in's Hoflager zu
bringen. Als die Prinzessin Nachts in's Lager kam, führte sie
der Haushofmeister Buka's in eines der Zelte seines Herrn.
Dieser liess ihm aber am folgenden Tage sieben Prügel geben,
weil er sich unterstanden, eine Prinzessin königlichen Geblüts
in das Zelt eines Emirs Karadschu, d. i. Unterthanen, wie er,
zu führen; trotz dieser dem Range der Prinzessin schuldigen
wahren oder geheuchelten Ehrfurcht erhielt sie den Befehl, am
folgenden Morgen vor Gericht zu erscheinen. Ihre Beschützerin,
die Frau Oldschai, sprach entschuldigend für, indem sie Alles
auf Dschelaleddin Arkan, den Verwandten der Atabegin, schob;
die drei Herren der Finanzkammer, Kawameddin, Seifeddin und
Schemseddin, erhielten jeder nach der Jasa zwei und siebzig
Prügel auf die Sohlen; die Mamluken des Seid Imadeddin waren
den Gerichtsdienern beigegeben, damit deren Strafe
schonungslos vollzogen werde. Dschelaleddin, zu Rede gestellt,
wusch sich auf Kosten der Prinzessin rein. Sie und ihre
Angehörigen wurden zur Zahlung von fünfzig Tomanen Goldes
(fünfzigtausend Dukaten) und zwanzig Tomanen an die Waisen der
ermordeten Seide verurtheilt. Sie überlebte die Schmach dieses
Urtheils kaum zwei Jahre und starb, nachdem sie deren zwei und
zwanzig als der letzte Zweig der Salghuren über Fars
geherrscht. Drei Tage lang wurde für sie zu Schiras in den
Moscheen durch öffentliche Gebete, Lesungen des Korans und
Almosen die Gebühren der Trauer, dann ihr letzter Wille
vollzogen. Nach diesem wurden ihre Familiengüter in vier
Theile getheilt; zwei fielen den Töchtern Prinzessinnen
Gardudschan und Alghardschi, der dritte ihren Mamluken und
Freigelassenen, der vierte dem Prinzen Taidschu, dem Sohne
Mengu Timur's, und diesem noch ausserdem zehntausend Dukaten
zu. Die Dynastie der Salghuren war in ihr erloschen und mit
ihr der letzte Schatten einheimischer Herrschaft in Fars
verschwunden.