Fünftes Buch
Wassaf bei Schemseddin; Zustände von Schiras.
Schemseddin, welchem unter Abaka's Regierung von seinen
Anklägern Vergeudung der Staatsgelder zur Last gelegt worden
und der sich ausgewiesen, dass dieselben zum Theil für den
Hofstaat der Prinzen und andere Ausgaben des Hofes
aufgegangen, begann seine neue Verwaltung mit Einschränkungen
der Ausgaben der Küche des Chans und des Hofstaates der
Prinzen und Prinzessinnen. Die Ausgaben der Küche, welche
bisher unter dem Oberstküchenmeister Fachreddin jährlich
achtzig Tomane (Toman ist zehntausend) betragen hatten, wurden
nun ohne Einmischung des Oberstküchenmeisters mit der Hälfte
dieser Summe bestritten. Dieser besonders wider das
Zehrgadenamt gerichteten Oekonomie lag einige Persönlichkeit
Schemseddin's wider Fachreddin zum Grunde, weil diesem gleich
nach der Thronbesteigung Teguder die Wesirschaft verleihen
wollte, was sich Fachreddin verbeten hatte; nichtsdestoweniger
war Schemseddin auf denselben eifersüchtig; Wassaf, bei
welchem sich diese Angabe findet, konnte um so besser von der
Sache unterrichtet sein, als er gerade in diesem Jahre dem
Wesir Schemseddin persönlich aufwartete, und einige Spannung,
in welcher er mit demselben gestanden, auszugleichen bemüht
war; es scheint nämlich, dass Wassaf sich einigen Tadel über
des Wesirs frühere Verwaltung erlaubt, worüber ihn der Wesir
zur Rede stellte. Wassaf bekräftigte zwar mit den stärksten
Schwüren das Gegentheil und sandte zweimal entschuldigende und
um Vergebung flehende Verse an Schemseddin, aber „ohne
dadurch“, wie er sagt, „den leicht zu lösenden Knoten der
Entfremdung des Inhabers des Diwans zu entwirren“. Wiewohl
Wassaf weder den Gegenstand des Tadels, noch den Anlass seiner
Reise ins Hoflager näher angibt, so betrafen wahrscheinlich
beide die Angelegenheiten seines Vaterlandes, die Landschaft
Fars, deren Geschichte er der seinen so umständlich
einverleibt hat. Zu Ende der Regierung Abaka's war die
Statthalterschaft von Schiras dem Emir Sughundschak (von dem
so eben als vom Richter Medschdolmülk's die Rede gewesen)
anvertraut, von dessen Scharfsinn und die Wahrheit
ergründenden Urtheilen Wassaf Belege erzählt. Unzufrieden mit
den Pächtern der Steuereinnahme, ernannte er einen derselben,
der die wenigsten Staatsgelder unterschlagen hatte, den
Chodscha Nisameddin, zum Wesir und ordnete ihm die anderen
Pächter unter. Zum Richter der Richter ernannte er den Ebu
Mohammed Jahja Imadeddin, wiewohl der grössere Theil der
Einwohner den hochgelehrten Seid Abdallah, den Verfasser
vieler Werke über die Exegese und Hermeneutik, über die
Ueberlieferung und Rechtsgelehrsamkeit, über Dogmatik und
Philosophie für den Würdigeren erkannten. Sughundschak begab
sich mit einigen Pächtern, deren Summen noch ausständig, nach
Hof; nur als es in seiner Abwesenheit zwischen dem Wesir und
dem Oberrichter zu Reibungen kam, sandte er einen Befehl,
vermöge dessen der letzte im Hause des ersten in Verhaft
gesetzt ward. Zu dieser Zeit (wo eben Medschdolmülk's Anklage
wider Schemseddin angebracht und Abaka's Sinn auf
Zusammenscharren des Goldes erpicht war) wandte sich der Seid
Richter an Buka, einen der geheimen Schatzmeister Abaka's,
welcher sich damals zu Schiras befand, und dieser sandte den
Seid und den Intendenten Schemseddin nach Hof, wo sie, von
Abaka wohl empfangen, ihre Beschwerden wider die Verwaltung
Sughundschak's und des von ihm bestellten Wesirs Nisameddin
anbrachten. Abaka reichte ihnen mit eigener Hand einen Becher
Wein und befahl, dass Nisameddin zweihundert der ausständigen
Tomane abtrage; dieser wurde nun im Hause des Seid Imadeddin
festgesetzt und der Emir Taghadschar kam, die Eintreibung der
Summe zu vollstrecken; die Pächter aber, hierdurch aufgelärmt,
machten mit Nisameddin gemeinsame Sache, und wiewohl sie dem
Scheine nach sich den Befehlen Taghadschar's fügten, so ruhten
sie doch nicht, bis sie den Nisameddin aus der Haft befreit
und Taghadschar in Verlegenheit brachten. Dieser begab sich,
da unterdessen die Thronbesteigung Teguder's stattgefunden,
an's Hoflager und führte seine beiden Schutzgenossen, den
Melik Schemseddin und den Seid Imadeddin, mit sich. Teguder
verlieh dem letzten die Wesirschaft von Schiras und forderte
den Statthalter Bulghuwan, welcher öffentlich die Partei der
Intendenten wider Taghadschar ergriffen hatte, nach Hof;
dieser hielt die Gesandten des Chans zu Schiras auf, ohne
ihnen Erlaubniss zur Rückkehr zu gewähren, und wandte sich
heimlich an den Prinzen Arghun in Chorasan, von dessen
Umtrieben weiter unten die Rede sein wird. Diess war der
Zustand der Dinge in Fars, als Wassaf sich bei Schemseddin
rein zu waschen bemüht war.
Auf Veranlassung Schemseddin's wurde eine feierliche
Botschaft an den Sultan Aegyptens abgesandt, um demselben von
dem Uebertritte Teguder's zum Islam Kunde zu geben. Das
Beglaubigungsschreiben der beiden Gesandten und die Antwort
Kilawin's sind so durch Gehalt als Styl merkwürdig genug, um
unverändert hier in sach- und wortgetreuer Uebersetzung zu
folgen:
„Durch Gottes des Allmächtigen Kraft (welcher erhöhet
werde!) Ferman des Kaan Ahmed an Aegyptens Sultan. Gott der
Allmächtige hat durch die Vorgänge seiner Gnaden und das Licht
seiner Leitung in der ersten Jugend und Frische Uns geleitet
auf die wahren Pfade zur Kenntniss seiner Herrlichkeit und zum
Geständniss seiner Einheit, zur Zeugenschaft, dass Mohammed
(über welchen das reinste Gebet!) Gottes Prophet, zum schönen
Glauben in seine Heiligen und frommen Männer. Wen Gott leiten
will, dessen Brust erleichtert er durch den Islam, und Wir
haben nicht aufgehört, Uns für die Erhöhung der Religion und
Zurechtbringung der Geschäfte des Islams geneigt zu zeigen,
bis von Unserem Vater, dem Bessten, und Unserem Bruder, dem
Grössten, die Reihe der Regierung auf Uns gekommen, bis dass
über Uns der Schmuck seiner Gnaden ausgegossen und Wir von
seinen Wohlthaten, was Wir verdienten, genossen in dem
Uebermaasse seiner Gnaden, der grossen; und es ward Uns das
Brautgemach des Reichs aufgeschlossen und die Braut Uns
vorgeführt unverdrossen. Es wurde von Uns ein gebenedeites
Kurultai versammelt, diess ist die Versammlung, wo einen
Funken gibt der Feuerstahl der Brüder und Kinder, der Emire,
der Grossen, der Führer des Heers, der Vorgesetzten der
Truppen; ihr Wort stimmte darin überein, die Verfügung Unseres
Bruders des Grossen auszuführen in der Aufstellung eines
allgemeinen Aufgebotes Unserer Heere: die Erde ist zu enge vor
ihrer Menge, und es füllet die Herzen Schrecken vor der
Gewalt, womit sie die Erde bedecken; vor ihrem hohen Muthe
werden die Berge zu Ebenen ausgegleichet und die härtesten
Felsen erweichet. Wir dachten nach über das, was sie sich
vorgenommen und worin ihre Begierden übereingekommen, und Wir
fanden, dass ihre Absicht widerstreite mit dem, was Wir in
Unserem Innern beschlossen zur Bewirkung allgemeinen Wohls.
Hierunter verstehen Wir die Stärkung der Satzungen des Islams,
dass so viel als möglich keiner von Unseren Befehlen in
anderer Absicht ergehe, als um Blut und Brand zu stillen und
alle Länder mit dem Wehen der Winde der Ruhe und der
Sicherheit zu erfüllen, und damit ausruhen mögen die Könige
der anderen Länder auf dem Lager der Milde und Wohlthätigkeit,
um Gottes Befehle zu ehren und dem Volke Gottes Mitleid zu
gewähren. Gott hat Uns eingegeben, dieses Feuer auszulöschen
und diese Unruhe zu stillen, und die Anzeige dessen, den Gott
der Allmächtige hierauf geleitet hat, ist die des Vorschlags
der Mittel, womit die Heilung der Welt von den Gebrechen
erzweckt und die Anwendung der letzten verschoben würde; denn
Wir lieben, nicht schneller die Pfeile zu senden und uns zu
den Lanzen des Kampfes zu wenden, als nachdem Wir das Nöthige
erklärt, und Wir gestatten diess nicht, als nachdem Wir die
Wahrheit und Nothwendigkeit mit Beweisen bewährt. Wir wurden
bestärkt in dem, was wir Uns Gutes vorgenommen hatten, und in
der Durchführung gemeinnütziger Thaten durch die frommen
Wünsche des Scheichs des Islams, des Musterbildes der
Erkennenden, dessen Hilfe Uns in den Geschäften der Religion
nützt und unterstützt, und Wir haben dieses Schreiben erlassen
als Gottes Barmherzigkeit für den, der sich demselben fügt,
wie sich's gehört, und als Pein wider den, der sich abwendet
und empört. Wir haben damit betraut den entscheidendsten der
Richter, den Pol der Religion und des Volks (Kutbeddin), und
den Atabeg (Behaeddin), welche beide von den Bewährtesten und
Gelehrtesten dieses blühenden Reichs, weil sie Unsere Wege
kennen und weil sie mit Gewissheit wissen, was Uns eingibt
Unser Gewissen zum allgemeinen Wohl der Moslimen. Wir haben
sie in dieser Absicht gesendet, denn Wir sind von Gott auf die
Wachsamkeit angewiesen, denn der Islam liebt, was ihn
empfängt, und Gott der Allmächtige hat in Unser Herz gelegt,
dass Wir der Wahrheit und ihren Bekennern folgen sollen, damit
sie bezeugen die grosse Gnade Gottes über die Gesammtheit in
dem, was wir fordern als Vertrag der Ursachen der Wohlthat.
Sucht dieses nicht zu erproben durch einen Rückblick auf
Unsere Brüder (die Herrscher vergangener Zeit), denn jedem
Tage ist anderes Loos bereit. Wenn die Seelen Einsicht nehmen
wollen in einen Beweis, wodurch die Forderung des Vertrauens
befestiget würde, und in eine Urkunde, worin sie die Erfüllung
ihres Wunsches fänden, so sollen sie ihre Blicke auf Unsere
Denkmale richten, deren Ruhm nicht klein und deren Wirkung
allgemein. Wir haben unter Gottes Leitung angefangen, die
Spuren der Religion zu erheben, dieselben in jedem Dinge an
Tag zu legen und auszuheben zur Aufrechterhaltung der Novellen
des Gesetzes, des mohammedanischen, nach Erforderniss der
Kanone der Gerechtigkeit, der ahmedischen, um es zu erheben
und demselben Ehre zu geben. Wir liessen Freude scheinen in
die Herzen des Wesens, des gemeinen, Wir haben nachgesehen die
Vergehen und den Schuldigen verziehen und stellten auf die
Verbesserung der Geschäfte Unser Bemühen, auf die frommen
Stiftungen der Moslimen, von Moscheen, Grabstätten, Medreseen,
auf den Bau frommer Zellen und verfallener Wachposten, indem
Wir die Einkünfte derselben denen, so dieselben verdienen,
verlieh'n und dadurch erfüllet der Stifter Sinn; Wir haben
verwehrt, dass Neuerung in denselben werde begehrt und dass
das Geringste werde verletzt von dem, was ursprünglich
festgesetzt; Wir haben befohlen, den Pilgerreisen die grösste
Ehre zu erweisen, ihre Schaaren zu bewahren, ihre Wege
zu sichern und zu ebnen die Bahnen der Karawanen; Wir haben
freigelassen die Strassen den Kaufleuten, die von Land zu Land
wandeln und handeln, damit sie nach ihrer Willkür und mit
ihrem bessten Vermögen reisen mögen; Wir verwehren den Heeren,
den Wachen und denen, welche die Runde machen, dass sie
denselben auf ihren Wegen, wenn sie kommen oder gehen, das
Geringste in den Weg legen. Eine Unserer Wachen hat einen
Kundschafter ergriffen in der Verkleidung eines Fakirs, und
wiewohl es in der Ordnung gewesen wäre, denselben zu tödten,
so wollten Wir doch nicht sein Blut vergiessen lassen aus
Schonung dessen, was Gott verboten, und Wir haben denselben
zurückgesandt. Indessen ist es denselben nicht unbekannt, dass
die Kundschafter ein Schaden im Land; denn so lang unsere
Armeen dieselben in der Gestalt von Fakiren und Andächtigen
sehen, ist ihre Meinung von diesen Leuten schlecht, sie tödten
den Mann und thun, was sie gethan: die Nothwendigkeit davon
ist, Gott sei Dank, erhöhet durch das, was Wir ergehen liessen,
um die Wege aufzuschliessen dem Zuge der Kaufleute und anderer
Wanderer. Wenn dieselben diesen Geschäften einiges Bedenken
schenken, so wird denselben nicht verborgen sein, dass diese
Eigenschaften uns angeboren als zweite Natur und dass darin
von Affectation keine Spur; und da die Sache so liegt, so sind
alle Anforderungen gegenseitiger Abneigung, welche zum
Widerstand führten, aus dem Wege geräumt. Diese gründeten sich
vormals auf den Weg verschiedener Religion und der Entfernung
von dem Schoosse des Islams; aber nun ist durch Gottes Huld
und die Gunst Unseres Glückes das helle Licht erschienen, und
wenn es vormals Ursachen gab, so wandten wir uns nun von
denselben zum Besseren ab; Wir sind auf dem Pfade der Gnade,
wo Einkehr und Rückkehr. Wir haben den Schleier aufgehoben
durch dieser Anrede Farben und haben dieselben unterrichtet
von dem, was wir zu thun aufrichtig gesonnen, und haben
hiermit begonnen; Wir haben Unseren Heeren verboten, zuwider
zu handeln diesen Geboten, Gott und seinem Propheten zu
Gefallen. Damit auf den Blättern die Spuren des Glücks und der
Annahme erscheinen, damit die Welt über die Verschiedenheit
des Wortes beruhiget werde, damit durch das Licht des
Einverständnisses verschwinde die Finsterniss des
Missverständnisses, damit ausruhen mögen unter dem weiten
Schatten die Städter und die Bewohner der Matten, und damit
sich erfrischen die Seelen, welchen die Plagen gestiegen in
die Kehlen. Wenn Gott der Herr den Sultan Aegyptens leitet zum
Besten der Welt und zu dem, was die Ordnung der Menschen
erhält, so ist's nöthig für ihn, den Eimer fester
Anhänglichkeit zu erfassen und zu wandeln dergleichen Strassen
durch Eröffnung der Thore der Unterwürfigkeit und Einigkeit,
durch Erwähnung der Aufrichtigkeit, damit diese Länder sich
dieser Gnaden erfreuen, damit die Unruhen sich legen, welche
zerstreuen, damit die Schwerter, welche schneiden, gesteckt
werden in die Scheiden, damit die ganze Erde ein Eden der Ruhe
werde, damit die Nacken der Moslimen werden befreit von dem
Joche der Verachtung und Niedrigkeit. Sollte aber böse Meinung
die Oberhand behalten über das, was Wir aus Gottes des
Allverleihers Barmherzigkeit behalten, und sollte dieselbe
verwehren, diesem Antrage, wie er es verdient, Anerkennung zu
gewähren, so wird Gott Unsere Bemühungen ehren und Unsere
Entschuldigungen lassen gewähren. Wir haben Uns nicht zur
Strafe gewandt, ehe Wir einen Gesandten gesandt; bei Gott, er
leitet zur Rechtlichkeit und zum rechten Verstand! Er bewahret
sicher die Unterthanen und das Land. Wir rechnen auf Gott den
Einen. Geschrieben Ende Dschemmasiulewwels 681 (Anfangs
September 1282).“