Viertes Buch
Alaeddin opfert sein Habe und wird verbannt.
Alaeddin, von allen Seiten der neuen, seinem Habe und Blute
drohenden Gefahr benachrichtigt, ergriff das einzige
Rettungsmittel des letzten durch freiwilliges Opfer des
ersten. Er sandte sogleich sein ganzes Habe vom Grössten bis
zum Kleinsten an den Fuss der Majestät: „Sein ganzes Habe“,
nach den Worten des in der ganzen Fülle asiatischen Styles
wuchernden Wassaf, „von den glänzenden Perlen, welche wie
Glückessterne strahlten, bis zu den geringsten Korallen und
den hölzernen Geschirren, den gemalten, von den kostbarsten
Tapeten geflochten aus den goldenen Drähten bis zu den
schlechtesten Kotzen und strohgeflochtenen Matten, von den
Reinsten und Schöngestaltetsten bis zu den Niedrigsten und
Veraltetsten, von den Gefässen, den vergoldeten, den
auserwählten, bis zu den alten Hausgeräthen, den in die
Rumpelkammer gestellten, von den Gürteln und Floren bis zu den
Vorhängen von Thoren, von den Sklavinnen, den schönsten der
Zeit, deren Wangen Rubinen von Bedachschan, bis zu den
Stallknechten (Kutal), mit groben Kitteln angethan; er
schaffte herbei aus der Musikkapelle die Pfeifen und Trommeln,
an deren Stelle die wiehernden und yahenden, die sich
stattlich und mannichfarbig als Reitthier nahenden, von den
Mäulern und Pferden die wohlfeilen und die werthen, Kameele
und Kameelinnen, Böcke und Widder. Sein Zweck war, in Ehren zu
beharren und nicht die Waaren zu bewahren; er war bereit,
Alles zu wagen und beizutragen und setzte den Fuss auf den
Spruch:
Gott soll nach meiner Ehre mein Gut nicht segnen,
als auf seinen höchsten und unabänderlichsten Entschluss.“
Zugleich eilte Alaeddin dem Ilchan entgegen und warf sich auf
der Station Dodscheil zu seinen Füssen. Da die Summe der
eingelieferten Schätze doch noch unter der Erwartung
geblieben, wurde er ungnädig empfangen, und es erging ein
Jerligh, um den Emir Taghadschar zur Einleitung des Prozesses
nach Bagdad zu berufen; er plünderte noch das von Alaeddin
gestiftete Karawanserai (Robath) Kloster, und da im Hause
Alaeddin's nur der Besitzer allein zurückgeblieben war, wurde
dieser in Empfang und Verhaft genommen. Alaeddin wurde in den
Halsblock geschlagen, auf die Folter gelegt, nackt zu Bagdad
hineingeführt und dann verbannt. In dieser Tiefe seines Elends
sandte er an seinen Bruder, den Wesir, die arabischen Verse:
Freund! dein Ohr dem Manne schenke,
Den man führt zur Todestränke;
Meinem gnädigen Herrn klag' ich
Und der Zeiten Unbill trag' ich;
Nacken schlanker Mädchen steht mir an,
Nicht der Bannstrahl im Dorfe Ban.
Ban heisst das Dorf bei Nissibin, nach welchem er verbannt
ward und dessen Name hier mit Ban spielt, dem Namen der
babylonischen Weide, mit deren biegsamen Stamm und Aesten der
Nacken und die Glieder der Schönen verglichen werden. Seine
Feinde fanden in diesen Versen neuen Stoff von Anschwärzung
und Verfolgung; sie ärgerten sich darüber, dass er inmitten
seines Unglücks noch Lust und Geist genug besitze zu
arabischen Versen und Wortspielen. Einem Freunde, der ihm von
der Stimmung der Feinde Nachricht gab, schrieb er:
Dem Freunde send' ich Wort: Mich beugt Erniedrung nicht,
Wann Nächte wenden sich mit seltsamem Gesicht;
Wie soll ich kümmern mich um der Geschäfte Macht,
Da Gott sich meiner annimmt, mich beschützt, bewacht.
Alaeddin, welcher europäischen Orientalisten bisher nur als
Geschichtschreiber bekannt gewesen, verfasste in seinem Elende
mehrere Gedichte, deren einige in dem Buche des Trostes der
Brüder, welche eine Art von arabischen Boethius, gesammelt
sind. Seine berühmte Kassidet allein, deren Beginn:
Wenn dich die Welt anschauet schief,
Bewege diess dir nicht die Brust,
haben über siebzig Dichter durch Glossen commentirt.