Viertes Buch
Borrak zieht über den Oxus und wird von Kipdschak
verlassen.
Ausser den oben genannten, von Kaidu zur Hilfe Borrak's
bestellten neun Prinzen des Uluses Ogotai und Dschagatai
stellten sich zu seinem Dienste noch vier des Uluses
Dschudschi, nämlich die beiden Jesawur [der grosse und
kleine], Meraghul und Dschelertai. Mit diesem Heere eroberte
Borrak Chorasan von den Gränzen Bedachschan's und
Schiburghan's (bei Balch) bis nach Nischabur. Ehe er noch über
den Oxus gesetzt, sandte er Botschaft an Tekschin (den vierten
Sohn Hulagu's, den Bruder Abaka's), welchem vom Vater die
Herrschaft über das Gebiet von Badghis, östlich von Herat,
eingeräumt, vom Bruder bestätigt worden. Badghis, was nur
verderbte Aussprache von Badchis, d. i. Windaufstehend, weil
dort immer die Winde rege, hiess vormals Pasin und war die
Hauptstadt der Hunnen Euthaliten; die Wälder der Gegend sind
meistens Pistazienwälder, von denen Herat und andere Städte
mit Pistazien versehen werden. In diesem Bezirke liegt das
unbezwingliche Schloss Nertku, das Aornos Chorasan's, auf
einem tausend Ellen hohen Felsen, zu welchem eine halbe Stunde
lang ein nur für Einen Menschen gangbarer Pfad führt, noch nie
durch Gewalt der Waffen bezwungen; die Gegend umher ist so
kalt, dass die Rosen hier erst im Juli blühen; das Holz zu dem
Baue der Häuser von Herat kommt aus diesen Wäldern und ist so
trefflicher Eigenschaft, dass es weder austrocknet noch fault,
der Boden so fruchtbar, dass derselbe ohne Mühe und Kultur
hundertfach trägt. Nach der Felsenburg Nertku ist Kiasis ein
geschichtlich merkwürdiger Ort des Gebietes von Badghis, weil
es die Grabstätte Mokannaa's, des berühmten falschen
Propheten, der allnächtlich aus einem Brunnen von Nachscheb
einen Mond aufsteigen liess (vermuthlich von bengalischem
Feuer), der die Gegend weit umher erleuchtete. Borrak liess
den Prinzen Tekschin wissen, das Land von Badghis bis Ghasnin
und dem Indus gehöre zur Weide seiner Väter, und er möge daher
dasselbe räumen. Tekschin antwortete: er hätte es als
väterliches Erbe von seinem Aka, d. i. dem älteren Bruder und
Herrn Abaka, bei dem er sich erst anfragen müsse. Abaka
antwortete: dass das Land von Badghis zu den Krongütern des
Hauses Hulagu's gehöre und dass er dasselbe wider den Angriff
Borrak's zu vertheidigen wissen werde. Auf diese Antwort hatte
Borrak mit den Prinzen, die in seinem Geleite, Kriegsrath
gehalten und war über den Oxus gegangen, nachdem er seinen
Sohn Begtimur mit tausend Reitern zu Kesch und Nachscheb
zurückgelassen. Melik Schemseddin Kert von Herat kam dem
Prinzen huldigend entgegen, um die Schonung seines Landes zu
erhalten, welche auch zugestanden, aber die Verheerung alles
übrigen, dem Kubilai oder seinem Neffen Abaka gehörigen Landes
befohlen ward. Von Seite Abaka's befehligte sein älterer Sohn
Arghun, welchem die Statthalterschaft von Chorasan verliehen
ward, das Heer; in demselben befand sich ein Emir der
Tausender Namens Sidschektu, welcher ehemals ein Hausgenosse
des Prinzen Kipdschak; als er hörte, dass dieser sich im Heere
Borrak's befände, sandte er ihm ein Geschenk von Pferden, das
dieser mit gleichem entgegnete; diess war der Anlass eines
heftigen Streites zwischen Kipdschak und dem Feldherrn
Dschelartai dem Dschelairen, welcher dem Kipdschak in Borrak's
Gegenwart vorwarf, die bessten Pferde für sich behalten und
nur die schlechteren dem Borrak gegeben zu haben. Kipdschak
rief aus: „Hat je ein Karadschu, d. i. ein Unterthan, solche
Worte gegen einen Abkömmling Tschengischan's so gesprochen,
dass sich solch ein Hund solcher Worte erfrechen darf.“ –
„Wenn ich ein Hund bin“, antwortete Dschelartai, „bin ich der
Hund Borrak's und nicht der deine.“ – „Ich werde dich entzwei
hauen,“ rief Kipdschak, „ohne dass mein Aka es mir verarge.“ –
„Und ich,“ entgegnete Dschelartai, die Hand auf den Dolch
legend, „wenn du nahest, dir den Bauch spalten.“ Da Borrak
durch sein Stillschweigen dem Dschelartai Recht gab, verliess
Kipdschak erzürnt die Versammlung und in der Nacht mit
zweitausend Reitern das Lager. Die Versuche Borrak's,
denselben durch die Sendung von drei Prinzen zur Rückkehr zu
bewegen, waren vergebens. Dschelartai folgte mit dreitausend
Mann, in der Hoffnung, ihn zu überrumpeln; aber da die Prinzen
fürchteten, dass, wenn die Truppen desselben in Sicht kämen,
Kipdschak sie mit sich führen würde, kehrten sie
unverrichteter Dinge zurück. Kaidu fühlte empfindlich diese,
seinem Vetter zugefügte Beleidigung; er machte gegen Abaka die
Flucht Kipdschak's aus dem Lager Borrak's als ein Verdienst
geltend, und verband sich, seinen alten Verbündeten Borrak
verlassend, mit Abaka in Freundschaft, so dass sie sich fortan
Ortak, d. i. Genossen, hiessen. |