Viertes Buch
Briefwechsel zwischen den beiden Schemseddin (Kert und
Dschuweini)
Schemseddin Kert, an hohem Muthe und Geist ein würdiger
Zeitgenosse und Nebenbuhler des Wesirs Schemseddin Mohammed
Dschuweini, sandte an diesen, als er die Annäherung der wider
ihn gesandten Truppen vernahm, die folgenden Verse:
Wer schickt nach Chata Botschaft an den Türkenchan?
Ist nicht Nimrus das Vaterland von Purdestan,
Von dessen Schwerte und von dessen Stiereskeule
Das Haus Efrasiab's noch heute trägt die Beule?
Schemseddin Dschuweini, um als Dichter nicht
zurückzubleiben und um die Sache in Gutem beizulegen, sandte
Schemseddin Kert das folgende Schreiben, halb in Versen, halb
in Prose:
„Reichsglanz, o König Schemseddin Mohammed Kert,
In dem der König und der Engel sich bewährt.
Wie schwer dem Herzen deine Trennung fällt zur Last,
Wird nicht von Genien, von Menschen nicht gefasst.
O Du von hellem Sinn und von wahrhaftem Wesen,
Es ziemt sich, dass, wenn du diess Schreiben hast gelesen,
Du, wie der Wind, entflammst der Wunscherreichung Gluth,
Und diesen Staub abwaschest mit der Vorsicht Fluth.
Da der Gebrauch des lieblosen Himmels und des trübseligen
Erdgetümmels droht, dass sie das Begehrte und Beliebte hinter
dem Schleier der Verwehrung verstecken und den Zweck des
Herzens und der Seele ferne stecken, so geschieht es, dass
alle Lüsten und Mühen, welche sich der Menschenliebe geben,
nur Beschwerden und Gefahren nach sich ziehen, und dass sie
allzumal in der Wahl der Sicherheit, wie sie dieselbe immer
erfinden, nur Stoff der Entäusserung und Täuschung finden.
Weltenbrauch ist's einmal nun,
Stäts das Gegentheil zu thun;
Hätten wir die Eintracht nicht begehrt,
Hätte Welt dieselbe uns gewährt.
O wenn Genuss zu uns doch heute wiederkehrte,
Ich würde sagen ihm, wie Trennung uns beschwerte.
Der Sinn des Gesagten ist: Seit Jahren ist das Ohr der
Seele und die Seele des Ohrs mit dem Schalle der Grossmuth des
Königs des Islams, des Herrschers von Iran, des Chosrews der
Erde, die Sonne der Wahrheit und der Religion (die Welt sei
seinen Geboten und Verboten unterthänig und der Himmel seinem
Vorhaben günstig!) als mit einem Ohrgehänge geschmücket und
entzücket worden, und dieser elende Sklave Mohammed Ben
Mohammed El-Dschuweini hat gewünscht, dass er von Angesicht zu
Angesicht denselben schaue; als es nahe daran war, dass dieser
Wunsch erfüllet worden ganz und gar, brach von dem Loos eine
geheime Absicht der Verzögerung los (sie möge nur Gutes
bewirken!); das erstaunte Herz blieb ohne Kopf und die Seele
blieb nur das Ergebniss des Spruchs: Der Gierige bleibt
beraubt zurück:
Ein Engel sitzt an des lazurnen Daches Rand,
Der für die Liebenden dort bildet Scheidewand.
Seit einigen Tagen sind Boten des Prinzen Mohammed von
jener Seite gekommen und haben erfreuliche Nachrichten von
beglückter höchstdero Seite gebracht. Diese Kunden hatten des
Messias Eigenschaft, dessen Wunderkraft Todte in's Leben
rafft; der Kiel des Schreibers der Kunden hatte über die
Nothwendigkeit, sich vor Seiner Majestät dem Ilchan zu hüten,
sich herausgelassen; hier erkühnt man sich aber, zu schreiben,
dass der Weg unnöthiger Behutsamkeit des leeren Verdachts möge
verschlossen bleiben, indem der Vorsatz jener Majestät (des
Ilchan's) nach Westen und nicht nach Osten steht.“
Hierauf antwortete Schemseddin Kert, wie folgt:
„Da die Tage und Nächte, die nacheinander ziehen, sich
dahin bemühen, dass kein Geschöpf den Wunsch des Herzens
erreiche, und dass jeder Gedanke, auf welchen man das Herz
setzt, verändert sich nimmer gleiche, so nützen Nichts Fleiss
und Streben, und Mühen und Beschwerden können keinen Gewinn
geben. Jahre sind es, dass ich mit Gebet und Fasten und Bitten
ohne Rasten gewünscht das verehrte Antlitz des grossen
Inhabers (des Diwans), des gerechtesten und geehrtesten
Wesirs, dessen Rath und That gesiegt, der die Sonne des Reichs
und der Religion (seine Würde werde vermehrt!), zu sehen und
demselben alten und neuen Gram zu gestehen, aber
Da mit den Feinden viel der Freund ist umgegangen,
Geziemt sich nicht, von diesem Freunde zu verlangen:
Hüt' vor dem Honig dich, dem Gift ist beigemischt,
Und vor der Fliege, die gesessen ist bei Schlangen.
Durch die Frische der Rosenzeit und durch die Bewässerung
der Jahre wurden die Banden der Eintracht und Freundschaft und
die Formen der Liebe zwischen beiden Seiten befestigt und das
Gebäude der Einigkeit stark und hart vor den Giftwunden alles
Fremdartigen bewahrt, die Kibla der Wahrheit zugewendet, und
es wurden alle Tage Briefe gesendet, einzuladen Tataren und
lasterhafte Barbaren. (Hemistich)
Was dir gefällt, gefällt mir nicht.
Diess liegt aber ausser der gesunden Vernunft Pfaden, und
es ist zuwider dem reinen prophetischen Gesetze und den
Ueberlieferungen Mustafas, des Freunds der Gnaden.
Besser ist's, dass Weiser einsam streife,
Dass nach Winkeln er als Festen greife,
Dass er trinke, küsse und ausschweife,
Bis dass Welt Beständigkeit ergreife.
In diesen Tagen wird an den Sohn Mohammed kommen, was soll
frommen, so Gott will, der Allgeehrte.“