Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Viertes Buch

Briefwechsel zwischen den beiden Schemseddin (Kert und Dschuweini)

Schemseddin Kert, an hohem Muthe und Geist ein würdiger Zeitgenosse und Nebenbuhler des Wesirs Schemseddin Mohammed Dschuweini, sandte an diesen, als er die Annäherung der wider ihn gesandten Truppen vernahm, die folgenden Verse:

Wer schickt nach Chata Botschaft an den Türkenchan?
Ist nicht Nimrus das Vaterland von Purdestan,
Von dessen Schwerte und von dessen Stiereskeule
Das Haus Efrasiab's noch heute trägt die Beule?

Schemseddin Dschuweini, um als Dichter nicht zurückzubleiben und um die Sache in Gutem beizulegen, sandte Schemseddin Kert das folgende Schreiben, halb in Versen, halb in Prose:

„Reichsglanz, o König Schemseddin Mohammed Kert,
In dem der König und der Engel sich bewährt.
Wie schwer dem Herzen deine Trennung fällt zur Last,
Wird nicht von Genien, von Menschen nicht gefasst.
O Du von hellem Sinn und von wahrhaftem Wesen,
Es ziemt sich, dass, wenn du diess Schreiben hast gelesen,
Du, wie der Wind, entflammst der Wunscherreichung Gluth,

Und diesen Staub abwaschest mit der Vorsicht Fluth.

Da der Gebrauch des lieblosen Himmels und des trübseligen Erdgetümmels droht, dass sie das Begehrte und Beliebte hinter dem Schleier der Verwehrung verstecken und den Zweck des Herzens und der Seele ferne stecken, so geschieht es, dass alle Lüsten und Mühen, welche sich der Menschenliebe geben, nur Beschwerden und Gefahren nach sich ziehen, und dass sie allzumal in der Wahl der Sicherheit, wie sie dieselbe immer erfinden, nur Stoff der Entäusserung und Täuschung finden.

Weltenbrauch ist's einmal nun,
Stäts das Gegentheil zu thun;
Hätten wir die Eintracht nicht begehrt,
Hätte Welt dieselbe uns gewährt.

O wenn Genuss zu uns doch heute wiederkehrte,
Ich würde sagen ihm, wie Trennung uns beschwerte.

Der Sinn des Gesagten ist: Seit Jahren ist das Ohr der Seele und die Seele des Ohrs mit dem Schalle der Grossmuth des Königs des Islams, des Herrschers von Iran, des Chosrews der Erde, die Sonne der Wahrheit und der Religion (die Welt sei seinen Geboten und Verboten unterthänig und der Himmel seinem Vorhaben günstig!) als mit einem Ohrgehänge geschmücket und entzücket worden, und dieser elende Sklave Mohammed Ben Mohammed El-Dschuweini hat gewünscht, dass er von Angesicht zu Angesicht denselben schaue; als es nahe daran war, dass dieser Wunsch erfüllet worden ganz und gar, brach von dem Loos eine geheime Absicht der Verzögerung los (sie möge nur Gutes bewirken!); das erstaunte Herz blieb ohne Kopf und die Seele blieb nur das Ergebniss des Spruchs: Der Gierige bleibt beraubt zurück:

Ein Engel sitzt an des lazurnen Daches Rand,
Der für die Liebenden dort bildet Scheidewand.

Seit einigen Tagen sind Boten des Prinzen Mohammed von jener Seite gekommen und haben erfreuliche Nachrichten von beglückter höchstdero Seite gebracht. Diese Kunden hatten des Messias Eigenschaft, dessen Wunderkraft Todte in's Leben rafft; der Kiel des Schreibers der Kunden hatte über die Nothwendigkeit, sich vor Seiner Majestät dem Ilchan zu hüten, sich herausgelassen; hier erkühnt man sich aber, zu schreiben, dass der Weg unnöthiger Behutsamkeit des leeren Verdachts möge verschlossen bleiben, indem der Vorsatz jener Majestät (des Ilchan's) nach Westen und nicht nach Osten steht.“

Hierauf antwortete Schemseddin Kert, wie folgt:

„Da die Tage und Nächte, die nacheinander ziehen, sich dahin bemühen, dass kein Geschöpf den Wunsch des Herzens erreiche, und dass jeder Gedanke, auf welchen man das Herz setzt, verändert sich nimmer gleiche, so nützen Nichts Fleiss und Streben, und Mühen und Beschwerden können keinen Gewinn geben. Jahre sind es, dass ich mit Gebet und Fasten und Bitten ohne Rasten gewünscht das verehrte Antlitz des grossen Inhabers (des Diwans), des gerechtesten und geehrtesten Wesirs, dessen Rath und That gesiegt, der die Sonne des Reichs und der Religion (seine Würde werde vermehrt!), zu sehen und demselben alten und neuen Gram zu gestehen, aber

Da mit den Feinden viel der Freund ist umgegangen,
Geziemt sich nicht, von diesem Freunde zu verlangen:
Hüt' vor dem Honig dich, dem Gift ist beigemischt,
Und vor der Fliege, die gesessen ist bei Schlangen.

Durch die Frische der Rosenzeit und durch die Bewässerung der Jahre wurden die Banden der Eintracht und Freundschaft und die Formen der Liebe zwischen beiden Seiten befestigt und das Gebäude der Einigkeit stark und hart vor den Giftwunden alles Fremdartigen bewahrt, die Kibla der Wahrheit zugewendet, und es wurden alle Tage Briefe gesendet, einzuladen Tataren und lasterhafte Barbaren. (Hemistich)

Was dir gefällt, gefällt mir nicht.

Diess liegt aber ausser der gesunden Vernunft Pfaden, und es ist zuwider dem reinen prophetischen Gesetze und den Ueberlieferungen Mustafas, des Freunds der Gnaden.

Besser ist's, dass Weiser einsam streife,
Dass nach Winkeln er als Festen greife,
Dass er trinke, küsse und ausschweife,
Bis dass Welt Beständigkeit ergreife.

In diesen Tagen wird an den Sohn Mohammed kommen, was soll frommen, so Gott will, der Allgeehrte.“

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