Viertes Buch
Herrscher von Luristan; Tod grosser Männer.
Auf dem Rückmarsche von Chorasan nach Aserbeidschan war
Abaka an der Gränze Gilan's von einer Schaar dilemischen
Gesindels aus einem Hinterhalte angefallen worden. Jusufschah,
der Sohn Schemseddin Alp Arghaun's, der Atabeg von
Gross-Luristan, welcher auf diesem Feldzuge den Chan als
Vassal begleitet hatte und sich eben in dessen Nähe befand,
sprang vom Pferde und wehrte durch seine Tapferkeit die Gefahr
vom Haupte Abaka's ab. Zur Belohnung dafür verlieh ihm der
Chan zu Gross-Luristan noch den Besitz von Chusistan, das
Gebirge Kiluje und die beiden Städte Firusan und Dscherbadakan;
die erste, im persischen Irak in der Nähe von Firusan gelegen,
ward von Firus, dem Könige der altpersischen Dynastie der Beni
Sasan, erbaut, von welchem sie den Namen hat, in einer an
Baumwolle, Korn und Früchten aller Art gesegneten Gegend
gelegen. Dscherbadakan, auch Derbajekan oder Güljadkjan
genannt, ist eine zwischen Kerdsch und Hamadan gelegene Stadt,
welche Humai, die Tochter Behmen's, des Kejanen (die Parisatis
der Griechen), baute und Samere nannte. Jusufschah begab sich
nach dem Gebirge Kiluje (in Luristan) und schlug die Schulen,
den Sieg mit seines Bruders Nedschmeddin Tod bezahlend. In
Chorasan schlugen sich indessen die Feldherren Nikpei Behdi
und der Turkmane Akbeg wider die dschagataischen Prinzen
Dschoba und Kapan, den Sohn Alghui's, das Land verödend, wie
bereits oben gesagt worden. Akbeg hätte sich gerne mit seiner
Beute zu Kaidu geflüchtet, aber einer seiner Brüder kam zum
Dienste des Steigbügels des Prinzen Arghun und entdeckte
demselben des Bruders Anschlag. Arghun berief den Turkmanen
ein, um ihn an den Hof Abaka's zu senden; auf dem Wege dahin
wurde er zu Kökdsche denis, d. i. am blauen Meere (am Uralssee),
abgethan; so ward auch der Intendent Melik Ssadreddin zu Rei
hingerichtet. Der von Hulagu und Abaka hochgeschätzte Sekretär
Dschenglaun Bachschi und der Feldherr Emir Arghun, der Sohn
Dschurmaghun's, starben natürlichen Todes. Zu Tebris stürzten
alle Thürme im Erdbeben ein. In diesem Jahre, wo zu Tebris
Melik Ssadreddin hingerichtet ward, starb zu Konia in Rum,
dessen Fürsten unter der eisernen Ruthe mongolischer
Vogtschaft standen, der grosse mystische Scheich Ssadreddin
von Konia; im nächsten Jahre aber hatten Astronomie und
Philosophie, Mystik und Poesie noch weit grösseren Verlust zu
beklagen in dem Tode Nassireddin's von Tus, des Werkzeugs des
Sturzes der Assassinen und des Chalifats, des Errichters der
Sternwarte von Meragha, des Verfassers der berühmten
Metaphysik und Ethik, deren schon oben Erwähnung geschehen,
und des grössten mystischen Dichters der Perser, Mewlana
Dschelaleddin's Rumi, beigenannt der Molla Kaiser, des
Verfassers des Mesnewi, des Stifters der Mewlewi. Nassireddin
von Tus befand sich am Hofe Abaka's im Mittelpunkte des Reichs
als der Repräsentant der Wissenschaft, während die Mystik und
Poesie in den äussersten Enden desselben, in Rum und in Fars,
blühten, in Rum durch die obengenannten beiden grossen
Scheiche Dichter, in Fars noch durch Saadi, den wahren König
der persischen Dichter seiner Zeit, wiewohl Hemker Farsi das
Amt des Dichterkönigs am Hofe der Atabegen zu Schiras
bekleidete; dass aber schon damals der Dichterkönig von
Amtswegen nicht unbedingt als der grösste Dichter erkannt
ward, beweiset, was Dewletschah in seinen Lebensbeschreibungen
persischer Dichter bei der Imami's von Herat erzählet. In
einer Abendversammlung stritten sich die vier geistreichsten
und gelehrtesten Staatsmänner Abaka's, nämlich der Wesir
Schemseddin Dschuweini, der Statthalter Rums Moineddin Perwane,
der Richter Mewlana Schemseddin und der Intendent Melik
Iftichareddin von Kerman, einen Abend lang darüber, ob Saadi,
ob Imami aus Herat oder Hemker Farsi (der Dichterkönig) der
grösste Dichter; sie kleideten diese Frage in Versen ein und
sandten dieselben zur Entscheidung an den Dichterkönig von
Amtswegen; dieser antwortete bescheiden und wahr:
Obwohl ich bin ein Papagei durch süssen Sang, Bin ich die
Fliege nur von Saadi's Zuckermund; Und soll ich thun ein
allgemeines Urtheil kund, So läuft Imami mir und Saadi ab den
Rang.
Wie tief persische poetische Bildung damals in
Staatsgeschäfte eingriff, wird sogleich aus dem Verhältnisse
und Briefwechsel des gelehrten Wesirs Schemseddin Dschuweini
mit Melik Schemseddin Kert, dem Herrn von Herat, erhellen.