Viertes Buch
Schemseddin Kert.
Melik Schemseddin Kert, welchem schon Tschengischan die
Herrschaft von Herat überlassen und welchen sein dritter
Nachfolger, Mengku, als Herrn von Herat, Sebsewar, Ghur und
Ghardschistan bestätiget hatte, war ein unternehmender,
staatskluger, hochgebildeter Fürst, dessen Arm nie seinem
Kopfe zuvoreilte und dieser nie hinter jenem zurückblieb. „Er
war,“ sagt Wassaf, „ein Mann von hohem Geist und erhabenem
Sinne, der sich der Humanitätswissenschaften befleisst. Er
vereinigte in sich die beiden Lehren von den Fingern und von
den Speeren, gleich geschickt zu tanzen den Reigen der Worte
und der Lanzen. Inhaber von Büchern und von Heeresschaaren,
ein Bereiter, kundig, die Stufen und Grade zu bewahren, der
auf Orion's Schultern sass und auf denselben, als seinem
Reitpferde, die Himmel durchmass.
Schüttelt die Hand er zum Wohlthun, so ist sie ein Meer,
Schüttelt die Hand er zum Kampfe, so ist sie ein Speer;
Wann sich die Erde verfinstert, so ist er die Sonne,
Wann sie verdorret, erfrischt er als Guss sie mit Wonne.“
Sein Vater, Kert, war zur Zeit der Sultane Ghurs einer
ihrer Emire und gehörte zu den nächsten Umgebungen Sultan
Schihabeddin's, des neunten Herrschers von Ghur, welcher vor
Sultan Mohammed Chuaresmschah sich nie gebeugt. Zu Beginn der
Regierung Mengkukaan's, als wider diesen Jesui Menluk, der
dritte Sohn Dschagatai's, ein Heer gerüstet, ward Schemseddin
Kert geschlagen und flüchtete zu Batu, fand sich aber, sobald
Mengku die Prinzen, seine Nebenbuhler um den Thron, aus dem
Wege geräumt, am Hofe desselben huldigend ein. Er trug vor,
dass, weil er bei der Annäherung des Heeres Tschengischan's
demselben huldigend entgegengekommen, er von demselben mit dem
Lande Ghur mit dem tiefeingeschnittenen Schluchtlande des
nordöstlichen Sistan's ober Kabul und mit Ghardschistan, dem
nördlich von Ghur unter Balch gelegenen Gebirgslande belehnt
worden sey. Mengku bestätigte ihm nicht allein den Besitz der
beiden Gebirgslandschaften von Ghur und Ghardschistan, deren
Einwohner derselbe Schlag von Menschen, durch Diplom und das
Ehrenzeichen des Löwenkopfs, sondern schlug noch Herat und
Nimrus, jenes östlich, dieses südlich von Ghur (das
eigentliche Sistan), dazu. Schemseddin begab sich in den
Dienst Arghun's, des Statthalters in Chorasan, und erhielt von
demselben das ganze Land bis an die Ufer des Oxus in Acht und
Pacht. Auch Hulagu hatte denselben mit Ehren und Geschenken
ausgezeichnet, aber schon im Jahre nach der Eroberung Bagdads
(bei welcher er nicht im Heere Hulagu's erschienen) entbrannte
wider ihn der Zorn Hulagu's in so hohem Grade, dass er dem
wider ihn gesandten Heerführer Tegur den Auftrag gab, ihm die
Haut Schemseddin Kert's mit Stroh ausgestopft zu schicken.
Kert schlug nicht nur die Truppen Tegur's, sondern auch ein
zweites, wider ihn gesandtes ilchanisches Heer zu Schelaun, an
der Gränze Herats, sandte aber dann Botschaft der
Unterwürfigkeit und Geschenke an Hulagu und erhielt dessen
Verzeihung. Als er, am Hofe angelangt, von Hulagu befragt
ward, warum er ohne Befehl den Statthalter von Nimrus getödtet,
antwortete er schlagfertig: „damit der Padischah an ihn nicht
dieselbe Frage stelle, wie jetzt an mich.“ Dem Hulagu gefiel
die Antwort, und er nahm den Herrn von Herat und Ghur wieder
zu Gnaden auf; Schemseddin machte in Hulagu's Geleite den
Feldzug wider Berke mit und erwarb sich dessen Zufriedenheit
durch Tapferkeit und Ergebenheit; aber in dem Feldzuge wider
Chorasan fiel er in die Ungnade Abaka's, weil er der Einladung
des Prinzen Tebsin, in dessen Lager zu erscheinen, nicht Folge
geleistet, in seinem festen Schlosse von Chaisar fest sass.
Abaka sandte Truppen, um denselben durch Gewalt zu bezwingen.
Schemseddin machte Vorstellungen wider diese Massregel,
wodurch Chorasan von neuem verheert werden würde; er bat den
Ilchan, die Schlichtung dieses Geschäfts seinem Sohne Chodscha
Behaeddin, dem Statthalter von Issfahan, zu überlassen.