Viertes Buch
Schemseddin's Familie.
Der Geschichtschreiber Wassaf, statt diese Eintheilung zu
geben, hebt als die vier Säulen des Ruhms der Zeit Abaka's,
von welcher die feste und sichere Herrschaft der Ilchane in
Persien datirt, vier in ihrem Fache ausgezeichnete Männer
hervor als „die vier Grossen unter ihren Zeitgenossen“; der
erste derselben der grösste Astronom und Philosoph seiner
Zeit, Nassireddin von Tus, der Gründer der Sternwarte zu
Meragha, der Verfasser der grossen Metaphysik und Ethik,
welcher am Hofe Hulagu's und Abaka's die Stelle des Ministers
des Unterrichts vertrat und der bei Gelegenheit der
Thronbesteigung Abaka's hundert seiner Schüler mit Geschenken
des neuen Herrn bedräute. Der zweite der Wesir Schemseddin
Dschuweini, der dritte der Tonkünstler Ssafijeddin Abdolmumin
El Ormewi und der vierte der Schönschreiber Dschemaleddin
Jakut. Von den beiden letzten genügt hier der Name, den ersten
haben wir bereits in dieser Geschichte handeln gesehen;
Schemseddin Mohammed Dschuweini tritt aber erst jetzt als
Wesir an die Spitze der Reichsgeschäfte in seiner ganzen
Grösse auf. „Unter seiner Regierung“, sagt Wassaf, „begehrten
die Schafe von den Wölfen das mehrjährige Blutgeld, und das
Repphuhn liebäugelte mit Falken und Habichten; durch ihn wurde
der gute Name des Padischah auf den schwarzen und weissen
Blättern der Tage und Nächte mit schöner Glückesschrift
aufgezeichnet.“ Unter seiner gerechten Verwaltung erhob sich
Bagdad, wo sein Bruder sein Stellvertreter, wieder aus dem
Schutte der Verheerung Hulagu's. Mehr als hunderttausend
Goldstücke verwandte er auf die Grabung eines Kanales, um
damit Meschhed (die Grabstätte Ali's) und die Umgegend von
Nedschef zu bewässern. Tadscheddin Ali, der Sohn des Emirs
Dolfendi, welcher von Schemseddin mit der Ableitung des Kanals
aus dem Euphrat und mit der Urbarmachung der todten Ländereien
beauftragt war, hinterliess über dieses verdienstliche Werk
eine besondere Abhandlung. Seide und Imame, Redner und Dichter
erschöpften sich in Prose und Versen, im Lobe seiner
Gerechtigkeit, Weisheit, Freigebigkeit und Milde. In seine
Fussstapfen trat sein Bruder Atamülk zu Bagdad, aber nicht
Schemseddin's Sohn, der Chodscha Behaeddin, der Inhaber des
Diwans zu Issfahan, welcher die öffentliche Sicherheit nur
durch Spähersystem und durch blutige Strenge erhielt. Auf den
Bericht eines Kundschafters, der die nächtliche Runde der
Wachen gemacht, dass er den Hauptmann wach und eifrig auf
seinem Posten, einen Mann der Wache aber schlafend, einen
anderen abwesend gefunden, befahl er, allen dreien zwei und
siebzig Prügel zu geben, weil der Hauptmann nicht früher als
der Kundschafter die Anzeige der Bestrafung der zwei
Schuldigen gemacht. Einem, der ihn zu fest angesehen, liess er
die Augen ausstechen; einem seiner Kinder, welches, auf seinem
Schoosse spielend, ihn beim Barte zupfte, schwur er, heftig
auffahrend, dafür an den Hacken schlagen zu lassen, und da
keiner der Grossen fürzubitten wagte, packten die Schergen den
Knaben und schlugen ihn vor des Vaters Augen zur Erfüllung von
dessen Eidschwur an den Hacken. So ein blutiger Tyrann
Behaeddin, so ein grosser Beschützer war er der Gelehrten, und
ein trefflicher Oekonome seiner Zeit, die er zwischen Studien
und Waffenübungen, Reichsversammlungen und Festen theilte:
„Zwischen den Federn und zwischen den Fahnen,
Zwischen Gelagen und zwischen Diwanen.“
Nach aufgehobenem Diwane verbrachte er die Zeit im
Gespräche mit Gelehrten, eingedenk des Spruchs:
„Gespräch mit Gelehrten ist besser als Kosen mit
Liebesgefährten.“
und schloss sich, nachdem er dieselben entlassen, mit
seinen Vertrauten ein, um sich dem Genusse des Weines zu
überlassen:
„Wein, der unter'm Schleier spricht,
Durch die Rosen im Gesicht.“
Nach dem Trinkgelage beschäftigte er sich noch tief in die
Nacht hinein mit politischen Untersuchungen und polemischen
Studien, nur wenige Stunden dem Hareme und dem Schlafe
gönnend, und nur seinen Bruder Harun, der es ihm an
Gründlichkeit philosophischer Studien zuvorthat, um diesen
Vorzug mit Recht beneidend. Diesem widmete der grosse
obgenannte Tonkünstler Ssafijeddin Abdolmumin seine
Abhandlungen über die Volkslieder, über ihren Ursprung,
Composition und Tonarten. Eines Tages, als in einer
Versammlung bei Behaeddin, wo auch der grosse Tonkünstler
gegenwärtig, Harun, vom Weine erhitzt, diesen ganz kurzweg
Ssafijeddin anredete, entschuldigte Behaeddin vor den
Gegenwärtigen die Freiheit des Bruders, einen so grossen
Künstler schlichtweg bei seinem Zunamen angeredet zu haben,
indem er sagte: Harun, der den Namen des grössten der Chalifen
trägt, der eine Verwandte des letzten der Chalifen zur Frau
hat, dessen Sohn Mamun heisst und der zu Bagdad wohnt, denkt
sich erlaubt, den grossen Künstler nach der Gewohnheit des
Chalifen bloss mit dessen Zunamen statt mit dessen Vornamen
und eigenen Namen anzureden. Diess waren die Söhne
Schemseddin's, des Wesirs, die Neffen seines Bruders Atamülk,
des Verfassers der Welterobernden Geschichte.