Viertes Buch
Schemseddin's Verse: das Grün und Roth.
Die Verse, welche Schemseddin Kert mit Schemseddin Mohammed
gewechselt, sind nicht die einzigen, welche die Geschichte von
diesen beiden Sonnen der Religion aufbehalten; vom zweiten
wird noch in dieser und in der folgenden Regierung die Rede
seyn; vom ersten sprechen wir hier zum letztenmale und
erwähnen daher noch zwei anderer Früchte seines
Dichtertalentes, wovon das eine nur von geringem poetischem
Werthe, weil das grösste Verdienst desselben im Wortspiel, das
andere aber so merkwürdiger, als es in Europa neuer Beitrag
nicht zur ethnographischen, wohl aber zur ethographischen
Farbentheorie der Morgenländer. Das erste, eine Antwort an
Siadeddin, das ist Glanz der Religion, den König von Kabul,
mit welchem Schemseddin in grosser Zerwürfniss und
Bewilderung. Jener schrieb ihm:
Aus Groll gen Kabul wollte ghurscher Junge
Nicht lösen zum Gespräch mit mir die Zunge;
Du bist die Sonn', ich Glanz; ein Jeder weiss,
Die Sonne macht durch Glanz nur hell und heiss.
Schemseddin Kert entgegnete hierauf:
Du, deiner nicht bewusst, nimm dich in Acht!
Warum hast Feindschaft du mit mir gemacht?
Ich bin die Sonne und du bist der Glanz,
Der von der Sonne kommt; was will der Glanz?
Die zweiten Verse sind zum Lobe des Grünen im Gegensatze
mit dem Rothen, worunter aber keineswegs das Grün der Erde,
des Meers oder Smaragds, oder das Roth des Morgens oder der
Blumen oder des Rubins, sondern ganz ein anderes Grün und Roth
verstanden wird. Ohne nähere Belehrung hierüber würde das
folgende Lob des Grünen und Rothen einem Abendländer eben so
unverständlich sein, als einem Morgenländer die grüne und
blaue Partei des Rennplatzes gleich Eingangs der Commentare
Mark Aurel's. Die Farben des Lebens und Todes des
Morgenländers sind, wie bei den Abendländern, das Weiss der
Tage und das Schwarz der Nächte, jenes Glück, dieses Unglück
vorbedeutend, worin er mit dem Abendländer übereinstimmt; aber
schon bei dem Unterschiede der Menschenrassen setzt jener den
Schwarzen nicht die Weissen, sondern nur die Rothen entgegen;
so ist Mohammed der an die Rothen und Schwarzen, d. i. an alle
Rassen der Menschen, gesandte Prophet; die Rothen sind jenen
die blutigen Säbel und der gewaltsame Tod, die Schwarzen die
giftgeschwollenen Schlangen und der Tod durch die Pest; dem
Schwarzen steht das Grün entgegen; dem schwarzen Korn, die
Begier, das jedem Menschensohn in die Brust gepflanzt ist, und
das nur dem Propheten durch Gabriel der gespaltenen Brust
entnommen ward, ist entgegengesetzt das grüne Korn der
Mystiker, welches, durch Beschauung gross gezogen, in der
Brust des Menschen zum Baume des Lebens und der Erkenntniss
aufwächst. Das grüne Korn in rein sinnlicher Bedeutung ist
aber das des Bilsenkrauts und des daraus bereiteten Opiats als
Berauschungsmittel, im Gegensatze des Rothen, d. i. des Weins.
Schemseddin, dem Genusse des ersten ergeben, sang zum Lobe
desselben die folgenden Verse:
Der Reiche, welcher trinket Wein, wird warm,
Die Welt füllt sich für ihn mit Lust statt Harm.
Ich giess' Smaragd in den Rubin gelinde,
Damit das Aug' der Gramesschlang' erblinde.
Wenn Staub des grünen Korns versüsst das Maul,
Besteige ich des Himmels grünen Gaul;
Mit Grünen ess' ich Grünes in dem Grün,
Bis dass mein Staub wird einst als Pflanze grün.
Wassaf entgegnet hierauf zum Lobe des Rothen:
Rothe Rose, rother Wein und rothe Wangen;
Trink', so lang noch frisch und roth ist das Verlangen;
Gilb' nicht dein Gesicht mit Gram, denn blau ist Himmel,
Wenn auch schwarz und weiss des Tags, der Nacht Gewimmel.
Behaeddin, der Sohn Schemseddin Dschuweini's, beredete zwar
den Herrn Herats, sich an den Hof Abaka's zu begeben, aber
dieser liess ihn im Schlosse von Tebris einsperren, wo er bald
hierauf starb, wie es heisst, durch Gift, das er im Ringe trug
und selbst in die Speise gemischt haben soll. Die Meinung von
seiner Listigkeit war so gross, dass der zur Begräbniss
bestellte Emir, fürchtend, er möge sich nur todt stellen, um
dann zu entwischen, ihn in zwei ineinander geschachtelte Särge
legen und beide in seiner Gegenwart fest vernageln liess. Das
auf seinen Tod verfasste Distichon finde hier Raum, weil
dasselbe, wie die obigen Verse, sich auf eine dem Morgenländer
eigene Sitte, nämlich auf die der Orakelverse aus dem
aufgestochenen des Korans beziehen. Dieses Aufstechen heisst
Fal, was vielleicht dasselbe mit dem deutschen und englischen
Fall.
Im Jahr sechshundert sechs und siebzig im Schewwal,
Da schlug in dem Koran das Schicksal auf als Fal
Dem Leu'n des Islams, der genannt Mohammed Kert,
Den Vers: Verfinstert ward die Sonne allzumal.