Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Viertes Buch

Schemseddin's Verse: das Grün und Roth.

Die Verse, welche Schemseddin Kert mit Schemseddin Mohammed gewechselt, sind nicht die einzigen, welche die Geschichte von diesen beiden Sonnen der Religion aufbehalten; vom zweiten wird noch in dieser und in der folgenden Regierung die Rede seyn; vom ersten sprechen wir hier zum letztenmale und erwähnen daher noch zwei anderer Früchte seines Dichtertalentes, wovon das eine nur von geringem poetischem Werthe, weil das grösste Verdienst desselben im Wortspiel, das andere aber so merkwürdiger, als es in Europa neuer Beitrag nicht zur ethnographischen, wohl aber zur ethographischen Farbentheorie der Morgenländer. Das erste, eine Antwort an Siadeddin, das ist Glanz der Religion, den König von Kabul, mit welchem Schemseddin in grosser Zerwürfniss und Bewilderung. Jener schrieb ihm:

Aus Groll gen Kabul wollte ghurscher Junge
Nicht lösen zum Gespräch mit mir die Zunge;
Du bist die Sonn', ich Glanz; ein Jeder weiss,
Die Sonne macht durch Glanz nur hell und heiss.

Schemseddin Kert entgegnete hierauf:

Du, deiner nicht bewusst, nimm dich in Acht!
Warum hast Feindschaft du mit mir gemacht?
Ich bin die Sonne und du bist der Glanz,
Der von der Sonne kommt; was will der Glanz?

Die zweiten Verse sind zum Lobe des Grünen im Gegensatze mit dem Rothen, worunter aber keineswegs das Grün der Erde, des Meers oder Smaragds, oder das Roth des Morgens oder der Blumen oder des Rubins, sondern ganz ein anderes Grün und Roth verstanden wird. Ohne nähere Belehrung hierüber würde das folgende Lob des Grünen und Rothen einem Abendländer eben so unverständlich sein, als einem Morgenländer die grüne und blaue Partei des Rennplatzes gleich Eingangs der Commentare Mark Aurel's. Die Farben des Lebens und Todes des Morgenländers sind, wie bei den Abendländern, das Weiss der Tage und das Schwarz der Nächte, jenes Glück, dieses Unglück vorbedeutend, worin er mit dem Abendländer übereinstimmt; aber schon bei dem Unterschiede der Menschenrassen setzt jener den Schwarzen nicht die Weissen, sondern nur die Rothen entgegen; so ist Mohammed der an die Rothen und Schwarzen, d. i. an alle Rassen der Menschen, gesandte Prophet; die Rothen sind jenen die blutigen Säbel und der gewaltsame Tod, die Schwarzen die giftgeschwollenen Schlangen und der Tod durch die Pest; dem Schwarzen steht das Grün entgegen; dem schwarzen Korn, die Begier, das jedem Menschensohn in die Brust gepflanzt ist, und das nur dem Propheten durch Gabriel der gespaltenen Brust entnommen ward, ist entgegengesetzt das grüne Korn der Mystiker, welches, durch Beschauung gross gezogen, in der Brust des Menschen zum Baume des Lebens und der Erkenntniss aufwächst. Das grüne Korn in rein sinnlicher Bedeutung ist aber das des Bilsenkrauts und des daraus bereiteten Opiats als Berauschungsmittel, im Gegensatze des Rothen, d. i. des Weins. Schemseddin, dem Genusse des ersten ergeben, sang zum Lobe desselben die folgenden Verse:

Der Reiche, welcher trinket Wein, wird warm,
Die Welt füllt sich für ihn mit Lust statt Harm.
Ich giess' Smaragd in den Rubin gelinde,
Damit das Aug' der Gramesschlang' erblinde.
Wenn Staub des grünen Korns versüsst das Maul,
Besteige ich des Himmels grünen Gaul;
Mit Grünen ess' ich Grünes in dem Grün,
Bis dass mein Staub wird einst als Pflanze grün.

Wassaf entgegnet hierauf zum Lobe des Rothen:

Rothe Rose, rother Wein und rothe Wangen;
Trink', so lang noch frisch und roth ist das Verlangen;
Gilb' nicht dein Gesicht mit Gram, denn blau ist Himmel,
Wenn auch schwarz und weiss des Tags, der Nacht Gewimmel.

Behaeddin, der Sohn Schemseddin Dschuweini's, beredete zwar den Herrn Herats, sich an den Hof Abaka's zu begeben, aber dieser liess ihn im Schlosse von Tebris einsperren, wo er bald hierauf starb, wie es heisst, durch Gift, das er im Ringe trug und selbst in die Speise gemischt haben soll. Die Meinung von seiner Listigkeit war so gross, dass der zur Begräbniss bestellte Emir, fürchtend, er möge sich nur todt stellen, um dann zu entwischen, ihn in zwei ineinander geschachtelte Särge legen und beide in seiner Gegenwart fest vernageln liess. Das auf seinen Tod verfasste Distichon finde hier Raum, weil dasselbe, wie die obigen Verse, sich auf eine dem Morgenländer eigene Sitte, nämlich auf die der Orakelverse aus dem aufgestochenen des Korans beziehen. Dieses Aufstechen heisst Fal, was vielleicht dasselbe mit dem deutschen und englischen Fall.

Im Jahr sechshundert sechs und siebzig im Schewwal,
Da schlug in dem Koran das Schicksal auf als Fal
Dem Leu'n des Islams, der genannt Mohammed Kert,
Den Vers: Verfinstert ward die Sonne allzumal.

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