Ilchane

Geschichte der Ilchane
das ist
der Mongolen in Persien

von

Hammer-Purgstall

mit neuen Beilagen und neuen Stammtafeln

Darmstadt. Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske. 1842.

Inhaltsverzeichnis

Viertes Buch

Verhältnisse mit Aegypten; natürliche Politik.

Auf die kriegerischen Eigenschaften der Mongolen und ihre Feindschaft gegen die Mamluken hatten die Kreuzfahrer in Syrien ihre Hoffnungen gebaut, und eine Gesandtschaft derselben flehte Abaka um thätige Hilfe an. Auf seinen Befehl fiel ein von Semaghar, dem Befehlshaber der mongolischen Streitkräfte in Kleinasien, und von Perwane, dem mongolischen Vogte Kleinasiens, befehligtes Heer in Syrien ein. Der Vortrab von tausend fünfhundert Mann hieb einen zwischen Harun und Antiochien gelagerten turkmanischen Stamm zusammen und verheerte das Gebiet von Harun und Murudsch. Auf die erste Kunde hatte Bondokdar, der sich zu Damaskus befand, einen Eilboten nach Kairo mit dem Befehle, dass der General Beiseri mit dreitausend Mann aufbreche, gesandt. Bondokdar verliess mit demselben Haleb, 12. Nov. aber die Mongolen hatten sich schon aus Syrien zurückgezogen. Sultan Beibars sandte eine Truppenabtheilung nach Meraasch, dem alten Germanicia, der Hauptstadt der noch heute darnach genannten osmanischen Statthalterschaft, die anderen nach Harran (dem alten Carra zur Römerzeit), durch den Tod des Caligula, durch die Niederlage des Cassius, in älterer Zeit durch den Tempel der Sabäer, namentlich durch den der Luna, und als der Wohnsitz Abraham's im Lande Ur geschichtlich geadelt. Die Einwohner Harran's öffneten die Thore und zerstreuten sich in die Städte Syriens; aber im nächsten Jahre kam eine mongolische Truppe und schleifte die Mauern der Stadt. Zu Damaskus erschienen vor Bondokdar Gesandte Semaghar's und Perwane's, welche im Namen Abaka's Friedensunterhändler begehrten; der Sultan sandte zwei seiner Officiere mit ihnen, welche den Feldherrn Semaghar zu Siwas fanden und ihm statt der gewöhnlichen neunmal neun Geschenke nur neun Bogen und neun Pfeile darbrachten, den Abgang der andern neunmal sieben durch die Eilfertigkeit ihres Ritts entschuldigend. Perwane begleitete die Gesandten des Sultans an den Hof Abaka's, dem sie zum Geschenke einen Helm von Igelstacheln, einen Säbel und neun Pferde darbrachten und ihm den von Mengu Timur, dem Herrn von Kipdschak, gemachten Vorschlag eines gemeinschaftlichen Angriffs auf die Länder Abaka's im Norden und Süden mittheilten. Die Stammeifersucht zwischen dem Feldherrn des Uluses Hulagu's und Dschudschi's, welche unter Hulagu und Berke in offenen Krieg ausgebrochen, unter Abaka's Regierung nur durch Waffenruhe, nicht durch Frieden besänftiget war, machte die Herrscher Kipdschaks zum natürlichen Verbündeten der Sultane von Aegypten, so wie gemeinsames Interesse wider die letzten die Kreuzfahrer wider die Mongolen verband, während die Schaukelpolitik der byzantinischen Kaiser sowohl an den Herrscher des Uluses Dschudschi's als an den des Uluses Hulagu's die Sendung von Gesandtschaften und Prinzessinnen vervielfältigte, um ihre, den Rest des byzantinischen Reichs in der Hauptstadt bedrohende, von allen Seiten hervorbrechende Macht so lange als möglich ferne zu halten. Dieses sogenannte natürliche Interesse, wodurch die nächsten Nachbarn geborne Feinde eines Staats, sowie die unmittelbaren Gränznachbarn der Feinde geborene Verbündete, ist eine Parallele barbarischer Politik zu der nicht minder barbarischen türkischen Ansicht der Familienverhältnisse, vermöge welcher die Söhne die natürlichen Feinde der Väter, sowie ihre natürlichen Freunde die Enkel, weil diese als Feinde ihrer Väter geboren. Hier wie dort misst der niedrigste Eigennutz der Habsucht die Grade der Freundschaft und Feindschaft im umgekehrten Verhältnisse der Entfernungen der Länder und des Bluts, und diese bisher sogenannte natürliche Schaukelpolitik, welche vielmehr mit dem Namen der unnatürlichen gebrandmarkt sein sollte, muss in dem Masse verschwinden, als sich die Völker durch gegenseitigen Austausch der Ideen verbinden und die Bildung der Humanität fortschreitet; sie wird sich (sowie die Familienansicht der Feindschaft der Söhne und Freundschaft der Enkel schon heute keine christliche und europäische mehr) zuletzt nur bei den Barbaren finden, so lange es deren noch auf Erden geben wird; dass diese Politik aber im Mittelalter und besonders im byzantinischen und mongolischen Reiche, bei den Mamluken und Kreuzfahrern culminirte, darf bei der allen gemeinsamen, vorherrschenden Barbarei jener Zeit nicht Wunder nehmen.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de