Viertes Buch
Verhältnisse mit Aegypten; natürliche Politik.
Auf die kriegerischen Eigenschaften der Mongolen und ihre
Feindschaft gegen die Mamluken hatten die Kreuzfahrer in
Syrien ihre Hoffnungen gebaut, und eine Gesandtschaft
derselben flehte Abaka um thätige Hilfe an. Auf seinen Befehl
fiel ein von Semaghar, dem Befehlshaber der mongolischen
Streitkräfte in Kleinasien, und von Perwane, dem mongolischen
Vogte Kleinasiens, befehligtes Heer in Syrien ein. Der Vortrab
von tausend fünfhundert Mann hieb einen zwischen Harun und
Antiochien gelagerten turkmanischen Stamm zusammen und
verheerte das Gebiet von Harun und Murudsch. Auf die erste
Kunde hatte Bondokdar, der sich zu Damaskus befand, einen
Eilboten nach Kairo mit dem Befehle, dass der General Beiseri
mit dreitausend Mann aufbreche, gesandt. Bondokdar verliess
mit demselben Haleb, 12. Nov. aber die Mongolen hatten sich
schon aus Syrien zurückgezogen. Sultan Beibars sandte eine
Truppenabtheilung nach Meraasch, dem alten Germanicia, der
Hauptstadt der noch heute darnach genannten osmanischen
Statthalterschaft, die anderen nach Harran (dem alten Carra
zur Römerzeit), durch den Tod des Caligula, durch die
Niederlage des Cassius, in älterer Zeit durch den Tempel der
Sabäer, namentlich durch den der Luna, und als der Wohnsitz
Abraham's im Lande Ur geschichtlich geadelt. Die Einwohner
Harran's öffneten die Thore und zerstreuten sich in die Städte
Syriens; aber im nächsten Jahre kam eine mongolische Truppe
und schleifte die Mauern der Stadt. Zu Damaskus erschienen vor
Bondokdar Gesandte Semaghar's und Perwane's, welche im Namen
Abaka's Friedensunterhändler begehrten; der Sultan sandte zwei
seiner Officiere mit ihnen, welche den Feldherrn Semaghar zu
Siwas fanden und ihm statt der gewöhnlichen neunmal neun
Geschenke nur neun Bogen und neun Pfeile darbrachten, den
Abgang der andern neunmal sieben durch die Eilfertigkeit ihres
Ritts entschuldigend. Perwane begleitete die Gesandten des
Sultans an den Hof Abaka's, dem sie zum Geschenke einen Helm
von Igelstacheln, einen Säbel und neun Pferde darbrachten und
ihm den von Mengu Timur, dem Herrn von Kipdschak, gemachten
Vorschlag eines gemeinschaftlichen Angriffs auf die Länder
Abaka's im Norden und Süden mittheilten. Die Stammeifersucht
zwischen dem Feldherrn des Uluses Hulagu's und Dschudschi's,
welche unter Hulagu und Berke in offenen Krieg ausgebrochen,
unter Abaka's Regierung nur durch Waffenruhe, nicht durch
Frieden besänftiget war, machte die Herrscher Kipdschaks zum
natürlichen Verbündeten der Sultane von Aegypten, so wie
gemeinsames Interesse wider die letzten die Kreuzfahrer wider
die Mongolen verband, während die Schaukelpolitik der
byzantinischen Kaiser sowohl an den Herrscher des Uluses
Dschudschi's als an den des Uluses Hulagu's die Sendung von
Gesandtschaften und Prinzessinnen vervielfältigte, um ihre,
den Rest des byzantinischen Reichs in der Hauptstadt
bedrohende, von allen Seiten hervorbrechende Macht so lange
als möglich ferne zu halten. Dieses sogenannte natürliche
Interesse, wodurch die nächsten Nachbarn geborne Feinde eines
Staats, sowie die unmittelbaren Gränznachbarn der Feinde
geborene Verbündete, ist eine Parallele barbarischer Politik
zu der nicht minder barbarischen türkischen Ansicht der
Familienverhältnisse, vermöge welcher die Söhne die
natürlichen Feinde der Väter, sowie ihre natürlichen Freunde
die Enkel, weil diese als Feinde ihrer Väter geboren. Hier wie
dort misst der niedrigste Eigennutz der Habsucht die Grade der
Freundschaft und Feindschaft im umgekehrten Verhältnisse der
Entfernungen der Länder und des Bluts, und diese bisher
sogenannte natürliche Schaukelpolitik, welche vielmehr mit dem
Namen der unnatürlichen gebrandmarkt sein sollte, muss in dem
Masse verschwinden, als sich die Völker durch gegenseitigen
Austausch der Ideen verbinden und die Bildung der Humanität
fortschreitet; sie wird sich (sowie die Familienansicht der
Feindschaft der Söhne und Freundschaft der Enkel schon heute
keine christliche und europäische mehr) zuletzt nur bei den
Barbaren finden, so lange es deren noch auf Erden geben wird;
dass diese Politik aber im Mittelalter und besonders im
byzantinischen und mongolischen Reiche, bei den Mamluken und
Kreuzfahrern culminirte, darf bei der allen gemeinsamen,
vorherrschenden Barbarei jener Zeit nicht Wunder nehmen. |