Viertes Buch
Verheerung Ciliciens.
Bondokdar lagerte zwischen Derbesak und dem zehn Miglien
davon gelegenen Baghr, dessen Einwohner meistens christliche
Fischer, und sandte von hier Truppenabtheilungen zu tausend
Mann, jede mit Fackeln und mit Barken zur Ueberschiffung von
Flüssen versehen, nach verschiedenen Richtungen in's Gebirge.
Er lagerte zu Iskenderun hinter einer von König Hethum, dem
Vater des regierenden Königs Leo, aufgeführten Mauer und
rückte dann gegen Merkes durch den syrischen Felsenpass vor,
welcher wegen seiner Enge Ssakaltutan, d. i. Bartanhaltend,
heisst. Der Fluss von Merkes ist der alte Kersos, dessen Name
sich in dem des Schlosses zum Theile erhalten. Die ägyptischen
Truppen verheerten Massissa, das alte Mopsuestia, d. i. der
Feuerherd des Mopsus, das, auf beiden Seiten des Dschihan (Pyramus)
gebaut, zwölf Miglien von der, unter dem Namen der
Goldstoffwiese in den Kriegen der Byzantiner mit Seifeddewlet
durch Schlachten berühmten Ebene, eine halbe Tagreise von
Adana; eine steinerne Brücke verbindet den diesseits und
jenseits des Flusses gelegenen Theil der Stadt. Die
auslaufende Bergkette des Taurus, welche sich von Massissa bis
an das Meer zieht, heisst der Dschebelon-nur, d. i. der
Lichtberg, auf welchem die schönsten Hiacinthen und seltene
Pflanzen, unter andern Mandragoren und ein Kraut, welches,
weil es die Zähne der Schafe gelb färbt, von den Alchymikern
als ein Hauptbestandtheil des Steins der Weisen gesucht wird.
Unter Massissa liegt die tiefe Felsenschlucht, welche Kurd
Kulaghi, d. i. das Wolfsohr, heisst, zur Linken auf einem
hohen Berge das weisse Schloss Jilan Kalaasi, d. i. das
Schlangenschloss, das für die Residenz der Schlangenkönigin
gilt, die sich mit der Kronjuwele auf dem Haupte manchmal auf
der Goldstoffwiese und auf den Höhen des Lichtbergs sonnt.
Bondokdar drang in dem Gebirgspasse bis nach Sis, der
Hauptstadt des alten armenischen Königreichs, vor, welche mit
den nahe gelegenen Festen von Ainsarbe, Tel Hamdun,
Serfendkjar und Bersbert von den Arabern die Schneidezähne, d.
i. die Gränzfesten des Islams, genannt werden; die letzte war
der Schatzhort der armenischen Könige und eine Zeit lang die
Residenz derselben. Nachdem Sis verbrannt worden, kehrte der
Sultan durch die Felsenschlösser zurück. Vier seiner
Truppenabtheilungen hatten sich gegen die am Meere gelegenen
cilicischen Städte Tarsus, Adana, Barin und Ajas gewendet.
Tarsus, dessen Ruhm bis in die Zeit der assyrischen Könige
hinauf datirt, indem sich Sardanapalus dasselbe erbauet zu
haben rühmte, ist in der des Chalifats als der Ort, wo der
grösste Chalife des Hauses Abbas den Geist aufgab, die in den
morgenländischen Geschichten und Geographien berühmteste Stadt
Ciliciens; am Cydnus, welcher die Mauern derselben wäscht,
hatte Alexander nicht ohne Nachtheil seiner Gesundheit kalt
gebadet, glücklicher als Friedrich Barbarossa, welcher in den
Fluthen des Saleph oder Calycadnus, der bei Selefke
vorbeiströmt, den Tod gefunden. Den Cydnus war Kleopatra in
ihrer mit purpurnen Segeln und vielfarbigen Flaggen bepfauten
goldenen Galeere hinaufgefahren; hiervon weiss die moslimische
Ueberlieferung nichts, doch zeigt dieselbe das Felsen-Sopha
der Dschinnen, wo der Chalife Mamun am vorbeifliessenden
Wasser sass und einen über eine Elle langen Fisch aus dem
Wasser zu ziehen befahl. Der schöne Silberfisch (vermuthlich
ein Dschinne) sprang wieder in's Wasser, so dass derselbe die
Kleider Mamun's bespritzte; dieser, zornig hierüber, befahl,
den Fisch wieder herauszuziehen. „Nun werde ich dich sogleich
gebraten essen“, sagte der Chalife, und übergab ihn dem Koch,
aber im selben Augenblicke ergriff ihn ein heftiger
Fieberschauer; als der Fisch ihm gebraten vorgesetzt wurde,
war er nicht mehr im Stande, davon zu essen, und nach einigen
Tagen ward er vom Fieber hinweggerafft. Durch diese Volkssage
und durch die, welche nach Tarsus die Höhle der Siebenschläfer
verleget (wiewohl man sie auch zu Ephesus und Damaskus zeigt),
ist Tarsus nicht minder geschichtlich merkwürdig, als in der
Geschichte der byzantinischen Feldzüge, in welchen Tarsus, vom
byzantinischen Befehlshaber gütlich übergeben, die äusserste
Gränzfeste des Islams ward. Zu Adana, der Hauptstadt der heute
darnach genannten osmanischen Statthalterschaft, welche Harun
Raschid am Ufer des Sihan, d. i. des Sarus, erbaut hatte,
wurden die Männer getödtet, die Weiber und Kinder geraubt.
Ajas, am Ufer des Meeres, zwei Tagreisen von Baghras und eine
von Tel Hamdun entfernt, war in den Händen der Franken, welche
ihr Habe auf die Schiffe im Hafen retteten. Die Stadt wurde
von den Aegyptern verbrannt; tausend Franken und Armenier, die
sich zur See retten wollten, gingen in derselben zu
Grunde[558]. Massissa wurde verbrannt. Im folgenden Spätjahre
wurde Bire von Obotai vergebens belagert; nach aufgehobener
Belagerung zog eine ägyptische Truppenabtheilung nach Cilicien,
wo dieselbe in der Nähe von Meraasch von Sinbad, dem Oheim des
Königs, angegriffen ward. 29. Nov. 1275 Das Treffen kostete
dem Oheim des Königs, vierzehn Grafen und dreihundert
Armeniern das Leben. Die Turkmanen, wiewohl Sieger, zogen sich
zurück. |