Viertes Buch
Zweite Thronbesteigung; Halswunde; Todesfälle.
Nach der Niederlage Borrak's zog Abaka mit dem Heere nach
seinem Thronsitze in Aserbeidschan zurück; die Kriegszucht
ward so strenge gehalten, dass, wie auf dem Hinmarsche im
Frühling, der Huf seiner Pferde kein Saatfeld zertrat, jetzt
auf dem Rückwege im Herbste vom Soldaten keine Garbe geraubt,
keine Traube abgerissen ward; eine Kriegszucht, so löblicher,
je ungezügelter die Raubsucht mongolischer Heere im
feindlichen Lande. Am achtzehnten October, dem in der
Geschichte durch vielfache Schlachten als Kriegsfest so
berühmten Tage, stieg er zu Meragha ab und zwanzig Tage
hernach hatte im Lager zu Dschaghantu die zweite feierliche
Thronbesteigung und Krönung statt, indem die Gesandtschaft des
Kaan's mit der Bestätigung der Herrschaft als Ilchan und
Padischah in Iran mit dem Herrscherdiplome eingetroffen war.
Der Grund, dass sich diese Bestätigung volle sechs Jahre
erwarten liess, kann wohl blos in dem Bürgerkriege Abaka's mit
Nigudar und Borrak gelegen haben, weil, ehe das Loos der
Waffen durch die Niederlage von den beiden letzten die
bleibende Herrschaft des ersten entschieden, dieselbe
feierlich zu bestätigen der Kaan Anstand nahm. Zu gleicher
Zeit mit den Gesandten des Kaan's trafen auch die Mengutimur's,
des Herrschers von Kipdschak, mit Geschenken ein, um zur
siegreichen Beendigung des Feldzugs Glück zu wünschen. Sie
wurden ehrenvoll empfangen und reich beschenkt entlassen. Auf
einer der Stationen des Marsches, vor der Ankunft zu Meragha,
war Abaka auf der Jagd durch das Horn eines wilden Stieres am
Halse verwundet worden, so dass das Blut aus der Wunde floss;
um dasselbe zu stillen, unterband einer der Aidadschi, d. i.
der Küchenmeister, die Haut mit einer Bogensehne, so dass es
zu fliessen aufhörte, und er dafür von Abaka reichlich belohnt
ward; aber es hatte sich ein Senkel gebildet, welcher höchst
beschwerlich fiel und auch gefährlich schien. Keiner der
Aerzte getraute sich denselben zu öffnen, nur der grosse
Astronom Nassireddin, welcher auch ein geschickter Arzt,
verbürgte sich, die Operation ohne Gefahr zu unternehmen; er
schnitt den Blutsack auf und reinigte die Wunde, die binnen
einer Woche geheilt war. Die allgemeine Freude hierüber ward
durch den Tod der beiden Prinzen Jaschmut und Tekschin, die
Oheime und treuen Waffengefährten Abaka's in dem Kriege wider
Nigudar und Borrak, getrübt. Sechs Monate früher war auch
Jesundschin, die Mutter Abaka's, gestorben; ihr Lager erhielt
die Gemahlin Abaka's, die Prinzessin Padischah Chatun, die
Tochter Kutbeddin's, des Sultans von Kerman. So hatte Abaka
Chan nach dem Tode seiner Stiefmutter, der grossen Frau
Tokuschatun, ihr Lager ihrer Nichte Tukini, der Beischläferin
seines Vaters Hulagu, verliehen, welche dreissig Jahre lang im
Besitze desselben, worauf es Kukadschi Chatun, eine Verwandte
der grossen Frau Bulughan, der Gemahlin Ghasan's, und nach
deren Tode die Frau Keramun, die Tochter eines Vetters der
Frau Bulughan, erhielt, nach dessen Tode dieselbe unter der
Regierung Oldschaitu Chodabende's (des achten Ilchanen) die
Frau Kotloghschah, die Tochter Emir Irindschi's, eines Neffen
der grossen Tokus, verliehen ward. So erbte der Besitz der
Lager der Prinzessinnen zwar nicht regelmässig fort, sondern
ward theils mit Rücksicht auf die Erbfolge, theils aus Gunst
verliehen. In diesem Jahre der Rückkehr aus Chorasan ergab
sich endlich das Schloss der Assassinen Girdkjuh, welches seit
der Uebergabe von Alamut noch vierzehn Jahre ausgehalten, weil
der letzte Fürst der Assassinen demselben zwar den von Hulagu
gestellten öffentlichen Befehl, sich zu übergeben, aber
heimlich sich zu halten, Wort gesandt hatte. Girdkjuh, das
letzte blutige Nest der Assassinen, vielleicht das Gilgerd der
Byzantiner, das Schloss der Lethe, in welchem Staatsgefangene
zur ewigen Vergessenheit eingesperrt wurden; sowohl der Name
als die Festigkeit desselben geben dieser Vermuthung
Wahrscheinlichkeit. |