Zweites Buch
Alkami; Wüsten- und Bücherbrand.
Nassireddin von Tus hatte eines Tages, als Moteaassim an
den Ufern des Tigris sass, demselben huldigend ein Gedicht
dargebracht, das der Chalife, statt, wie es der Wesir erwartet
hatte, reich zu belohnen, auf des Wesirs Alkami darüber
ausgesprochene Kritik in den Tigris warf. Von diesem
Augenblicke schwur der tief beleidigte, tief grollende
Astronome Schöngeist dem Wesir und dem Chalifen Rache; er
verliess Bagdad und verweilte bei dem ihm gleichnamigen
Comthur des Assassinenschlosses Sertacht. Alkami warnte den
Comthur wider seinen Schutzgenossen, als wider einen
Ränkeschmied, der ihn im Geiste des Chalifen verderben wolle;
und diese Warnung war nur ein neuer Sporn in die
rachedürstenden Weichen des durch Geringschätzung seines
Gedichtes so tief beleidigten Astronomen Schöngeistes. Als
Gesandter des letzten Herrschers der Assassinen an Hulagu
gesandt, hatte er durch sein grosses Talent sich dessen
Achtung erworben und demselben erst zum Verderben der
Assassinen, dann zu dem des Chalifats sich als hilfreiches
Werkzeug angeboten. Sein Feind, der Wesir Alkami, arbeitete
seiner Rache durch Verrätherei selbst in die Hände. Von den
nächsten Umgebungen des Chalifen, dem Diwitdar und dem
Mundschenken, nicht die Achtung geniessend, deren er werth zu
sein glaubte, und als Schii dem Chalifen grollend, weil der
Sohn desselben, Ahmed, die Plünderung des nur von Schiiten
bewohnten Stadtviertels von Karch und die hierbei
vorgefallenen Gräuel von Schändung und Gemetzel begünstigt
hatte. Er schrieb an den Seid Tadscheddin al Hoseini, welcher
damals der erste der Herren der Familie des Propheten,
klagend: „dass die Söhne des Hauses Ali geplündert, das Volk
des Stammes Haschim gefangen und die Schmach, welche vormals
Husein, der Enkel des Propheten, durch Plünderung seines
Harems und Blutvergiessung getroffen, jetzt wieder erneuert
worden sei“. Der Seid antwortete im Namen aller
Prophetenverwandten: „Die Ketzer müssen ermordet, verbrannt,
ihre Rasse ausgerottet werden; wenn du nicht mit uns hältst,
bist du verloren, du wirst zu Bagdad weniger geschätzt sein,
als vom Manne das Henna der Frauen und als der Ring dessen,
dem die Hand abgehauen“. Nach dem Falle von Alamut hielt
Alkami den Augenblick für günstig zur Förderung seiner Rache;
er sandte heimlich an Hulagu einen Brief, in welchem er, die
Macht des Chalifen verkleinernd und die Schwäche Bagdad's ins
hellste Licht setzend, den Eroberer seine Zügel nach der Stadt
des Heils zu lenken einlud. Hulagu, wohl eingedenk, dass
vormals ein Heer von hundert vier und zwanzigtausend Mann
wider die Mongolen gesandt, zweimal den Dschurmaghun
geschlagen, zauderte, der Einladung Gehör zu geben, und
berieth sich mit Nassireddin, dem Astronomen, und erst, als
dieser ihn versichert, dass „das Unternehmen im Bunde mit der
Gestirne günstiger Stunde“, beschloss er den Marsch nach
Bagdad, wo indessen ein Versuch des kleinen Diwitdar, den
Chalifen zu entthronen, das Feuer des Bürgerkrieges
angeflammt. Moteaassim sah sich gezwungen, den Versicherungen
des kleinen Diwitdar von seiner Treue und Ergebenheit
scheinbaren Glauben zu schenken. Die Unschuld desselben wurde
laut auf den Strassen Bagdad's verkündet und der Name des
kleinen Diwitdar, des Feindes Alkami's, sogar nach dem des
Chalifen im Kanzelgebete eingeschaltet; das Heer wurde nach
des Verräthers Alkami Vorschlag um die Hälfte vermindert, ein
Drittel des verminderten in die nahe gelegenen Städte
geschickt, so dass nur zwanzigtausend zu Bagdad's
Vertheidigung blieben. In diesem, durch den Fall Alamuts und
die Verrätherei Alkami's für die Stadt des Heils so
unheilschwangeren Jahre schreckten nicht nur Ueberschwemmung
des Tigris und Erdbeben, sondern auch der Brand von Medina und
der Wüstenbrand in Arabien die moslimische Welt auf. Zu Hara,
in der Nähe von Medina, brannte die Wüste, und allgemein ward
geglaubt, diess sei das Feuer, welches die Ueberlieferung des
Propheten als den Vorboten des jüngsten Tages verkündet. Drei
Monate lang brannte die Wüste in der Ausdehnung von vier
Parasangen. Zu Medina zündeten die Einwohner des Nachts kein
Licht an, da der Wüstenbrand die Stadt erhellte. Dieses, wie
es scheint, elektrische Feuer soll Holz verschont, Eisen
verzehrt haben, so dass von hineingeschossenen Pfeilen das
Holz unversehrt, die Spitze zerfressen ward. Nach dem
Wüstenbrande plünderten Beduinen die Stadt, bis man das Thal,
aus dem sie ausfielen, mit steinerner Mauer verdämmte. Das
grösste Unglück aber entstand durch die Unvorsichtigkeit eines
der Küster der Moschee des Propheten, der eine Kerze umfallen
liess, wodurch die Moschee in Brand gerieth und mit derselben
die ganze grosse Büchersammlung aufflammte, so dass dieses
Jahr zwei der reichsten Bibliotheken in Flammen aufgingen, die
von Alamut und die von Medina; der Verlust von dieser war aus
mehr als einem Grunde weniger beklagenswerth, als der von
jener, indem zu Medina meistens nur Korane und Bücher der
Ueberlieferung, zu Alamut aber mathematische und
philosophische Werke ein Opfer des Brandes, die dort ein Werk
des Zufalls, hier der zu verdammenden Willkür des gelehrten
Wesirs Athamülk Dschuweini. |